Flirrende Federn tanzen im Bass-Beat

CD-Kritik Dream Wife bieten mit "So when you gonna..." lässigen Indie-Pop für den Sommer. Die abwechslungsreichen Songs handeln von feministischer Selbstermächtigung und Abtreibung
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Sängerin Rakel Mjöll jauchzt, jubelt, ruft, heult, seufzt und kiekst. Ihre mädchenhaft-zerbrechliche Stimme ist mal hell und hauchend, um bald zu erstarken. Dann wird ihr Gesang schrill; punkige Schreie entladen sich. Gitarristin Alice Go lässt dazu rau-routiniert die Gitarren kreisen. Zusammen mit Bassistin Bella Podpadec sorgt sie für ein abwechslungsreiches Soundbild. Kompositorisch sparsame Motive werden eindringlich akzentuiert. Der Sound ist sorgfältig aufeinander abgestimmt, rhythmisch eingängig, rund.

Der lässige Indie-Pop von Dream Wife täuscht nicht darüber hinweg: So when you gonna… ist von feministischer Selbstermächtigung geprägt. Das in London beheimatete britisch-isländische Punk-Trio ließ ihr zweites Album nur von Frauen produzieren (u.a. Produzentin Marta Salogni, Toningenieurin Grace Banks sowie Mastering-Engineer Heba Kadry). Auch die Songs handeln von der Ungleichheit der Geschlechter im Musikbusiness oder versprühen ein feministisches Selbstverständnis.

Der catchy Uptempo-Opener „Sports!“ bildet mit einer Slogan-Fülle und gefälligen Selbstironie einen starken Album-Auftakt. Teilweise sind die Lieder sehr persönlich. „Hasta La Vista“ erzählt von der Erkenntnis, dass nach der Rückkehr nach einer langen Konzertreise daheim das Leben nicht unbedingt stillgestanden hat. Kompositorisch entsteht eine Spannung zwischen verspielt-fragilen Sprechgesang und zerdehnten, lang gezogenen Tönen. „Homesick“ beginnt verführerisch lockend: Ein sich steigerndes Flüstern mündet in ein aufdringliches Kreischen mehrerer Sängerinnen und sich überlagernde Stimmen. Die Refrains und Hooklines erscheinen teils philosophisch-klug. Wie etwa beim Rock-Pop-Song „RHRN“: „We’re the youngest we‘ll ever be, we’re the oldest we’ve ever been right here, right now […]

Die zweite Hälfte des Albums, in denen die Lieder oft von Annäherungen handeln, ist ein bisschen schwächer. Songs wie „Hold on me“ erscheinen zu sanft verträumt; flirten lasziv mit dem Hörer. Auch „Temporary“ steht für eine Leichtigkeit, wenn der Sprechgesang in liebliche Höhen dahinschwelgt. Einige Songs handeln von ernsteren Themen wie Abtreibung („After the rain"). Diese nachdenkliche, mit Pianoanschlägen dahinperlende Ballade bildet zum Ende einen Ruhepunkt.

Die drei Damen aus Brighton benannten ihre Band nach dem alten Schwarz-Weiß-Film Dream Wife (1953) mit Deborah Kerr in der Titelrolle. In der romantischen Filmkomödie lehrt eine emanzipierte Frau einem Macho, verkörpert von Gary Grant, ein anderes Denken über Frauen. Auch das facetten- und spannungsreiche So when you gonna… regt dazu an, Geschlechterfragen neu zu denken.

Sicherlich dürfte es ein Erlebnis sein, Dream Wife live zu sehen. Wie bei den meisten anderen Bands auch verschiebt sich die für 2020 angekündigte Tour mit Deutschland-Konzerten auf 2021.

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Weitere Infos siehe auch: https://dreamwife.co/

Diese CD-Kritik erschien erstmals am 8.8.2020 auf Kultura Extra.

11:02 10.08.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ" & "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Webentwickler und Journalist
Ansgar Skoda

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