Gesang von schillernder Klangintensität

Rheinvokal-Festival Die norwegische Sängerin Rebekka Bakken präsentierte am 30. Juli im Kulturgarten auf Schloss Engers alte und neue Songs. Ihre Band unterstützte prominent ein Gast-Cellist
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Gesang von schillernder Klangintensität

Foto: Joe Klamar/Getty Images

Sommerzeit ist Festival-Zeit, was aufgrund geringerer Inzidenzwerte auch inzwischen wieder eingeschränkt möglich wird: Oft locken die Sommermonate zu Veranstaltungen an ausgewählten Orten. So lud das RHEINVOKAL-Festival am vergangenen Freitag zu einem abendlichen Konzert in das Barockschloss Engers am Rhein. Jazz-Star Rebekka Bakken war Gast beim Festival Rheinvokal, das Vokalkonzerte an ausgewählten Orten der Mittelrhein-Region zeigt.

Die großgewachsene Norwegerin wurde durch ihr einfühlsames Plattendebüt The art of how to fall (2003) als Komponistin und Arrangeurin international bekannt. Der Albumtitel verweist auf das unkontrollierte sich fallen lassen, ohne sich an etwas festhalten zu wollen. Tatsächlich erkundet Bakken selbst auch in ihren mittlerweile neun weiteren Platten musikalisch gerne neue Wege. Ihre Lyrics kreisen um die ältesten Themen der Welt, wie Liebe, Einsamkeit, das Leben, Lust und Leid. Begleitet wird Bakken im Kulturgarten Engers, auf der Open Air-Bühne im Schlosshof in Neuwied-Engers, von einer vierköpfigen Band; Gitarrist Sebastian Nylund, Keyboarder und Pianist Jørn Øien, Bassist Jonny Sjo und Percussionist Karl Oluf Wennerberg. Als Gast am Violoncello tritt auch Alexander Hülshoff auf, der als künstlerischer Direktor der Villa Musica Rheinland-Pfalz das Festival mitausrichtet.

Die Singer-Songwriterin eröffnet das Konzert virtuos mit „Closer“ von 2018. Rebekka Bakkens modulationsfähige, wandelbare, drei Oktaven umfassende Stimme schafft eine ganze Bandbreite des Ausdrucks changierend von zart und gefühlvoll bis hin zu schroff, rau und rauchig. Mehrfach gewann Bakken in Deutschland und Österreich Goldene Schallplatten. Ihr Werk wird oft dem Modern Jazz zugeordnet, da sie zu Beginn ihrer Karriere mit einflussreichen Jazzmusikern zusammenarbeitete. Bakken veröffentlichte vielbeachtete Kollaborationen etwa mit dem österreichischen Jazz-Gitarristen Wolfgang Muthspiel und mit der deutschen Pianistin Julia Hülsmann. Doch bereits im Teenageralter machte die Sängerin verschiedener Bands Erfahrungen mit Blues, Gospel und Rock. Sie sang früh Folk und Kirchenlieder und absolvierte eine Ausbildung in klassischer Violine und Klavier. Neben zahlreiche selbstkomponierte Songs treten oft Koproduktionen und Cover.

Der Titelsong ihres jüngsten Albums „Things you leave behind“ beklagt den Verlust der Leidenschaft. Bakken behauptet scherzhaft diesen Song anmoderierend, dass Männer auf der Straße kein Bier mehr, sondern „fuckin‘ grünen Tee“ trinken würden. Sie fühle sich einer Umgebung unwohl, in der alle um sie herum nur grüne Säfte und grünen Tee trinken würden. Prompt bringt ein Requisiteur ein Glas Riesling von der Nahe - ein kleiner Vorgeschmack, denn ihr nächstes Konzert findet an der Nahe statt: am 23. August in Bad Kreuznach.

Ein Höhepunkt ihres Konzertes ist die vorgetragene norwegische Volksweise „Korset vil jeg aldri svike“, ein traditionelles Kirchenlied, das Bakken für ihr Album Most Personal (2016) neu arrangierte. Bakken plaudert, dass Ihr Großvater und ihre Mutter Priester gewesen seien und sie quasi in der Kirche aufgewachsen sei. Sie nutzt eine Gesangstechnik im traditionellen Stil, das „Joiken“. Beim Intro schlagen dann sehr passend die Glocken von zwei nahen Kirchtürmen 19 Uhr, was zur allgemeinen Heiterkeit führt. Dann singt und joikt sie mit viel Hall.

Stimme und Gesang der 51jährigen klingen oft experimentell und spröde, manchmal ironisierend verspielt, aber immer kraftvoll, unverbraucht und präsent. Kehllaute treten neben falsettartigen Gesang und dezent eingesetzte Vibratos. In der gleichfalls gefühlvoll vorgetragenen Ballade „True North“ verarbeitet die Ausnahmekünstlerin sehr persönlich den für sie sehr schmerzhaften Verlust ihres Vaters.

Rebekka Bakken performt auch „Please call me, Baby“ und „Little drop of poison“, letzteres der Titelsong aus ihrem Tom Waits-Coveralbum von 2014. Ihren Song „Yankee days“ kündigt sie mit einer Aufzählung bedeutender Männer an, die sie verehrt: etwa Helmut Kohl, Lech Wałęsa, Jesus, Jimmy Carter. Bevor sie „Powder Room Collapse“ zur Aufführung bringt, erklärt sie verschmitzt, dass sie heute am Flughafen ein Colour Spray entdeckt habe, mit dem sie ihre ersten grauen Haare kaschieren könne. Als Zugabe performt Bakken dann noch „Ghost in this house“ aus ihrem Album Morning hours von 2009. Ein insgesamt stimmungsvoller Sommerabend im Hof des Engerser Schlosses, nur wenige Meter vom Rhein entfernt. Während des Konzerts kreisten Schwalben, Gänse und Falken über Publikum und Bühne, denen auch die Sängerin mitunter versonnen nachblickte.

REBEKKA BAKKEN & BAND (30.7.2021, Schloss Engers in Neuwied-Engers)

Rebekka Bakken … Gesang

Sebastian Nylund … Gitarre

Jorn Oien … Keyboard

Piano … Jonny Sjo

Bass … Karl Oluf Wennerberg

Percussion … Alexander Hülshoff | Violoncello als Gast in zwei Songs ("True North" und "Little Drop of Poison")

Weitere Infos siehe auch: https://www.rheinvokal.de/ und https://www.rebekkabakken.com/

21:49 31.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ" & "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Webentwickler und Journalist
Ansgar Skoda

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