Große Vorlage

Theater Thomas Manns "Der Zauberberg" am Schauspiel Stuttgart
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Zahlreiche kulturelle Angebote gedenken derzeit des Beginns des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren. In diese Jubiläumsbestrebungen reiht sich das Schauspiel Stuttgart nun mit seiner Inszenierung von Thomas Manns Roman Der Zauberberg von 1924 ein. Zugleich wagt es sich an ein vielschichtiges, detailverliebtes, intellektuelles und höchst artifizielles Stück 1000seitiger Weltliteratur. In seinem Bildungsroman spiegelt Mann meisterhaft und zitatreich Kunst, Philosophie, Politik und allerlei Weltanschauungen der Vorkriegszeit. In ihrer auf zweieinhalb Stunden ohne Pause kondensierten Bühnenfassung bringt Christiane Pohle nur acht Figuren aus Manns umfangreichem Personal auf die Bühne.


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Der Zauberberg von Thomas Mann am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Conny Mirbach

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Hans Castorp (Paul Grill). Der früh verwaiste Hamburger Patriziersohn besucht über drei Wochen seinen lungenkranken Vetter Joachim Ziemßen (Matti Krause) in einem Sanatorium in Davos. Kurz bevor Hans wieder abreist, stellt der Arzt (Andreas Leupold) auf einem Röntgenbild einen Fleck an der Lunge fest. Hans bleibt die nächsten sieben Jahre im Sanatorium und verliebt sich hier in die exzentrische Russin Clawdia Chauchat (Manja Kuhl).

Natascha von Steigers Bühnenbild für den Handlungsort des zeitenthobenem Lungensanatoriums in Davos ist minimalistisch und karg. Es wird nur durch lose hintereinander aufgereihte Bühnenrequisiten und einer oberhalb der Bühne liegende verglaste Veranda angedeutet. Das Sinnbild der Wolldecken, in denen die Sanatoriumsgäste eingehüllt ihren täglichen Liegekuren frönen, erscheint überstrapaziert, wenn diese schlussendlich sogar von der Bühnendecke regnen. Auch weitere auf der Bühne einzeln platzierte Requisiten, wie ein Telefon, ein Plattenspieler oder ein Schachbrett, sind symbolhaft aufgeladen. Allerlei schwermütige Klassikklänge von Bach, Chopin, Mahler oder Wagner wählt Marie Goyette zur Untermalung der Geschichte und betont so die monotone, etwas dekadente Weltentrücktheit des Sanatoriums.

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Der Zauberberg von Thomas Mann am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Conny Mirbach

Anekdotenreich und assoziativ fantasieren die Figuren oder philosophieren redegewandt. Die Darsteller tragen wacker nacheinander Originaltexte der Vorlage vor. Oft sind sie dabei dem Publikum direkt zugewandt, manchmal sprechen sie durch ein Mikro, seltener versuchen sie sich im leider etwas leblosen Dialog miteinander. Obwohl das Spiel miteinander so eher sparsam ist, vermögen sie durchaus, immer mal wieder die Atmosphäre von Manns Zauberberg durchscheinen zu lassen. Der ironische Tonfall des Romans wird auf der Bühne sehr deutlich. Besonders Paul Grill vermag es, die zentrale Figur des Hans Castorp als teilweise altklugen aber auch zweifelnden Menschen zu verkörpern. Wohlverdienten Szenenapplaus erhält Grill auch, wenn er Madame Chauchat nackt und fiebernd seine Liebe und seine Anbetung ihres Körpers gesteht. Mit seiner plötzlichen Nacktheit scheint Hans nun auch seine Vergangenheit abgelegt zu haben und nun ganz ein Teil der Gruppe zu werden. Der Zuschauer hätte sich mehr solcher Momente erhofft, in denen die Figuren eigene Sehnsüchte oder Ängste anschaulich machen.

Die Funktionen der einzelnen Figuren treten oft hinter den von ihnen geäußerten allgemeinen, philosophischen Gedanken zurück, und sie scheinen so austausch- und ersetzbar. Matti Krause verlässt einmal sogar seine Rolle und wird zum Erzähler. In der abstrakten Annäherung an die Figuren werden sie für den Zuschauer nicht interessant. Aufgrund der dichten, komplexen Sprache, die von den Darstellern schnell und in einigen Szenen sogar ohne Übersetzung auf Italienisch oder Französisch vorgetragen wird, ist es nicht leicht, den Diskursen zu folgen. Da ist es fast erholsam, wenn die Darsteller mal schweigen oder sogar gemeinsam Gymnastik machen.

Wenn erfolgreiche Romane oder auch Filme für die Bühne neu inszeniert werden, ermöglicht dies meist, den bereits bekannten Werken neue Facetten oder Zusammenhänge abzugewinnen. Dies gelingt dem Stuttgarter Schauspiel auch in der aktuellen Spielzeit bei der Inszenierung von Thomas Vinterbergs Dogmafilm Das Fest.

Leider verpasst es die Zauberberg-Inszenierung von Christiane Pohle jedoch, durch etwa ein originelles Bühnenbild oder andere inszenatorische Kniffe Manns Bildungsroman um aufregende und neue Assoziationen oder Ideen zu bereichern.

Weitere Infos auf der Website des Schauspiel Stuttgarts.

Diese Theaterkritik erschien erstmals am 19.11.2014 bei Kultura Extra.

http://vg03.met.vgwort.de/na/dc5f13736ff745a0bbf2fbd3a65956c6

DER ZAUBERBERG (Schauspiel Stuttgart, 16.11.2014)
Regie: Christiane Pohle
Bühne: Natascha von Steiger
Kostüme: Sarah Schitteck
Musik & Sound: Marie Goyette
Dramaturgie: Stephan Wetzel, Bernd Isele
Besetzung:
Frau Stöhr… Maja Beckmann
Tous-les-deux… Marie Goyette
Hans Castorp… Paul Grill
Joachim Ziemßen… Matti Krause
Clawdia Cauchat… Manja Kuhl
Hofrat Behrens… Andreas Leupold
Ludovico Settembrini… Sebastian Röhrle
Naphta… Paul Schröder
Premiere war am 24. Oktober 2014
Weitere Termine: 25. 12. 2014/ 26.01., 30.01., 05.02., 26.02.2015

13:11 19.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ"& "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Freiberuflicher Social Media Manager
Ansgar Skoda

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