Hommage an das Absurde der Oper

Neue Musik, Premiere Die Oper Bonn zeigt Mauricio Kagels provokante Anti-Oper „Staatstheater“. Jürgen R. Weber inszeniert experimentelles Musiktheater als kreatives Kabinett des Surrealen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Hommage an das Absurde der Oper
Tobias Schabel (Oberbademeister), Yannick-Muriel Noah (Intendantin) und Ensemble

Foto: Thilo Beu/Oper Bonn

Geht Oper in Zeiten von Corona? Das Theater Bonn eröffnet seine Spielzeit nach pandemiebedingter Schließung und dann der Sommerpause mit einer derzeit selten gespielten Oper über die Oper; Staatstheater (1971). In dem gewitzten und provokanten Stück vom argentinisch-deutschen Meister der Avantgarde, Mauricio Raúl Kagel (* 1931 Buenos Aires, + 2008 Köln), liegt gleichzeitig die kreative Vision eines Neuanfangs des Musik-Genres.

Die musikalische Leitung an der Oper Bonn, Daniel Johannes Mayr, befragte Mauricio Kagels große Partitur als Materialsammlung und Baukasten. In musikalischen Aktionen wird die klassische Oper in Frage gestellt. Szene und Klang fließen zusammen. Mimik und Gestik der auftretenden Darsteller sind Begleiterscheinungen des Musizierens. Es sitzt kein Orchester im Orchestergraben. Stattdessen wird Musik vom Tonband eingespielt und Elektronik verwendet. Es wird auch mit Requisiten und Dekorationen, Klängen und Geräuschen musiziert. Es gibt keine Rezitative oder Arien. Der Zuschauer kann sich nicht an einer Geschichte orientieren. Sprache wird durch Laute ersetzt. Es wird vielfach theatral polemisiert und mit Materialien gespielt. Ausgewählte oder zusammengesetzte Einzelaktionen werden überlagert. Sie werden als Bestandteile des Stückes bewusst vorgeführt.

Kagels notierte Partitur besteht aus neun Einzelstücken, die wiederum in Teile untergliedert sind: „Repertoire. Szenisches Konzertstück“, „Einspielungen. Musik für Lautsprecher“, „Ensemble für 16 Stimmen“, „Debüt für 60 Stimmen“, „Saison. Sing-Spiel in 65 Bildern“, „Spielplan. Instrumentalmusik in Aktion“, „Kontra –> Danse“, „Freifahrt. Gleitende Kammermusik“ und „Parkett. Konzertante Massenszenen“.

Die meterhohe und drehbare Bühne von Hank Irwin Kittel zeigt mal ein Schwimmbad mit Meterturm, mal Videosequenzen und eine hochfahrbare Unterbühne. Musiker des Beethoven-Orchesters werden auf Gestellen mit virussicheren Glasscheiben über die Bühne geschoben. Auch das Statistenaufgebot mit opulenten Kostümen ist sehenswert. Kostümbildner Kristopher Kempf hat einen ganzen Reigen an altmodischen und erlesenen Kostümen für die Produktion ausgesucht. Daniel Johannes Mayr betritt die Bühne mit überlanger Frack-Schleppe. Figuren treten auf, die an Holofernes, Carmen oder Madame Butterfly oder an das Triadische Ballett von Oskar Schlemmer erinnern. Insbesondere ein Trommelmann, dessen Kostüm aus mehreren Trommeln besteht, fällt ins Auge, da sein Körper von anderen Figuren rege betrommelt wird.

Im Prinzip ist Staatstheater ohne Handlung oder narrative Struktur. Auf witzige Weise zeigt Jürgen R. Weber am Theater Bonn trotzdem eine Handlung. Denn zu Anfang informiert ein überdimensionales, auf die Bühne gefahrenes Zeitungspapierschiffchen über den knappen Haushalt in Bonn. Die Artikelüberschriften „Alle Bäder sollen erhalten bleiben“ und „Steinschlag am Opernhaus“ sind gut erkennbar. Kunst und Kultur stehen so dem Ressort Sport und Bäder gegenüber. Der Konflikt wird fortan von einer Intendantin (Yannick-Muriel Noah), einem Regisseur (Giorgos Kanaris) und einem Oberbademeister (Tobias Schabel) ausgetragen. Es wird auch eine zarte Romeo- und-Julia-Geschichte zwischen dem Sohn des Oberbademeisters (Kieran Carrel) und der Tochter der Intendantin (Marie Heeschen) erzählt. Die Figuren fassen sich coronabedingt wegen des Abstandsgebots mit Greifarmen oder Greifzangen als Verlängerungen der Hände an. Eine Ärztin (Anjara I. Bartz) mischt sich als Außenstehende in das Geschehen ein.

Neben der Schließung von Bonner Schwimmbädern wird auch das aktuelle Beethoven-Jahr thematisiert. Eine Statue von Ludwig van Beethoven wird in eingespielten Videoprojektionen vom Sockel gerissen und zertrümmert. Auch einer Actionfigur Beethovens wird übel mitgespielt. Am Ende wird die Statue jedoch wieder zusammengesetzt.

Der Gesang besteht meist nur aus harmonischen Silbenfolgen und bekommt, meist a cappella gesungen, einen meditativen Charakter. Als Grundlage für die unverständlichen Nonsens-Silben diente Kagel das Hoch- und runtersingen beim Einstimmen im Chor. Mayr spielt im Orchestergraben Sounds auf Keyboards ein, wie das Sirren und Klingen eines Weckers oder zuvor eingespielte Orchesteraufnahmen. Bei der Kontra-Danses Nummer treten sieben Orchestermusiker auf.

Es wurde nur ein ausgewählter Teil von Mauricio Kagels geschichtsträchtigen Bühnenwerk gezeigt. Dabei wird im Raum-Zeit-Kontinuum wenig gestaatstheatert. Konzeptbedingt sind nicht nur die Stuhlreihen im Zuschauerraum bei der Premiere dünn besetzt. Auch Handlung und Musik erscheinen den Vorgaben gemäß dünn und mitunter sogar improvisiert. Vieles wirkt albern oder absurd, was jedoch zu einem neuen Blick auf das Genre Oper anregt. Die Vorführung wartet mit überraschenden Wendungen und effektvollen Momenten auf. Eine soziale Distanz, die auch durch die Corona-Pandemie entsteht, wird auf erfrischende Weise vorgeführt. Denn, so wie in den 70er Jahren mit bewussten Provokationen in allen gesellschaftlichen Bereichen die alten Strukturen aufgemischt wurden nötigt uns heutzutage ein Virus weitgehende Veränderungen des Gewohnten ab.

Eingebetteter Medieninhalt

STAATSTHEATER (13.9.2020, Oper Bonn)

Musikalische Leitung: Daniel Johannes Mayr

Inszenierung: Jürgen R. Weber

Bühne: Hank Irwin Kittel

Kostüme: Kristopher Kempf

Licht: Friedel Grass

Einstudierung Jugendchor: Ekaterina Klewitz

Besetzung:

Die Intendantin: Yannick-Muriel Noah

Die Tochter der Intendantin: Marie Heeschen

Regisseur: Giorgos Kanaris

Oberbademeister: Tobias Schabel

Sohn des Oberbademeisters: Kieran Carrel

Unabhängige Ärztin: Anjara I. Bartz

Oberamtsleiter: Ludwig Grubert

Die Tochter der Intendantin als Kind: Heloise Gilhofer

Sohn des Oberbademeisters als Kind: Laszlo Helbling

Jugendchor des Theater Bonn

Beethoven Orchester Bonn

Premiere am Theater Bonn war am 13.9.2020.

Nächste Termine: 20., 27.9./ 1., 4.10.2020

Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de/de/programm/staatstheater/186670

08:05 18.09.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ" & "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Webentwickler und Journalist
Ansgar Skoda

Kommentare 1