Im zehnten Höllenkreis: Sterbenslangeweile

Premierenkritik Sebastian Baumgarten inszeniert "Die göttliche Komödie" von Dante Alighieri, eines der größten mittelalterlichen Werke der Weltliteratur, uninspiriert am Schauspiel Köln
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Welche Buße wird einem hier doch auferlegt, wenn der Anspruch besteht, ein geistreiches und unterhaltsames Schauspiel zu erleben. Der Anspruch ist ja tatsächlich hoch an die Inszenierung eines der größten mittelalterlichen Werke der Weltliteratur, die Divina Commedia (Dt.: Göttliche Komödie), dem Hauptwerk des italienischen Dichters Dante Alighieri (1265-1321). Literarisch war es zur damaligen Zeit ein Novum alleine schon durch die Ich-Erzählperspektive, seine Verfasstheit in der sogenannten toskanischen Volkssprache und die anspruchsvolle formale Struktur. Die in Elfsilbern geschriebene, 14.233 Verse umfassende Commedia beschritt völlig neue Wege, inspirierte immer wieder Dichter und wird noch heute neu übersetzt und kommentiert, 2010-2012 etwa vom Romanisten Harmut Köhler.

Allegorisch-lehrhaft beschreibt Dantes Göttliche Komödie den Weg des sündenhaften Menschen mit seinem freien Willen hin zum Heil in Gott. Nach dem literarischen Vorbild von Aeneas‘ Reise in die Unterwelt aus dem sechsten Buch von Vergils Aeneis beschreibt Dante hier eine Höllenfahrt (Inferno) zum Läuterungsberg (Purgatorio) in den Himmel (Paradiso). Begleitet wird Dante durch die Hölle vom römischen Dichter Vergil, durch das irdische Paradies von seiner verstorbenen Geliebten Beatrice und im Himmel schließlich vom ehrwürdigen Heiligen Bernhard von Clairvaux. Dante erzählt als Protagonist rückblickend in Ich-Form von zahlreichen Begegnungen mit antiken, mythologischen, biblischen und historischen Figuren in besagten drei Jenseitsreichen. Ein hochkomplexes, vieldeutiges System aus Anspielungen, Bildern, Allegorien und Zahlenymbolen eröffnet sich durch den Einbezug von zeitgeschichtlichen Personen und Ereignissen aus Dantes Lebenswelt, wenn dieser mit anderen Figuren Gespräche über Fragen von Theologie, Philosophie, Politik, Geschichte, der Künste und der Wissenschaften führt.

Der Berliner Regisseur Sebastian Baumgarten inszeniert Die göttliche Komödie im Depot 1 am Kölner Schauspiel erstaunlich uninspiriert und pointenarm. Die Bühne schmücken ein Autowrack, abgeschlossene Räume auf erhöhten Ebenen und eine Fläche mit Kunstschnee. Das künstliche Bühnenbild im scheinbar Gegenwärtigen von Thilo Reuther verschafft den Figuren bereits anfangs die Möglichkeit, sich stets zurückziehen zu können und trotzdem hinter den Fenstern der Räume noch sichtbar zu sein. Baumgarten verlagert das Drama in eine Szenerie, in welcher sieben andere Figuren den vom Kriegsdienst heimkehrenden Dante den Weg vom der Fegefeuerpforte hin zum Paradies vorspielen wollen. Damit dies besser gelingt, setzen sie ihn fortwährend unter Drogen, indem sie ihn Spritzen oder Pillen verabreichen. So erscheint Dante auch wie ein Versuchsobjekt etwa in einer psychiatrischen Klinik.

Aneinandergereihte Szenerien sind durch eingespielte gleichbleibende Soundcollagen strukturiert und lassen komplexe Gedankengänge so stets salopp abbrechen. Das Thema Selbstfindung bebildern dann Filmeinspieler neben schnell wechselnden Texteinblendungen, die den stets verzückt oder entrückt wirkenden Dante-Darsteller Guido Lamprecht beim Schreibprozess zeigen. Einfallslos ist neben den hautengen, witzlosen Kostümen auch meist die Figurenkonstellation. Während eine Figur spricht, umringen die anderen Figuren sie bloß meistens, ohne selber zu agieren. Komplexe Texte etwa über die Seelenerlösung werden im schnellen Tempo oft schwer verständlich vorgetragen. Wenn die Figuren für ihre Sünden, wie „Geiz“, „Wollust“ oder „Neid“ in neun Todeskreisen Buße tun möchten, nennen sie viele Namen vielleicht aus Dantes Werk aber andere Dichter wie Giovanni Boccacio, doch sie stellen keine Bezüge her und geben keine Hintergründe. Stattdessen wird viel gestottert, geschrien, schräg gesungen, gespuckt, sich erbrochen und platt und albern sich auch noch gekotet. Doch auch ein künstlich eingespielter, hämmernder Krach vermag keine Spannung zu erzeugen.

Oft fühlt man sich wie in einem kreativen Laientheater, das sich mit der Stoffvorlage überschätzt hat. Abgerundet wird das lächerliche Spektakel dann plötzlich, wenn sämtliche Darsteller sich um ein Klavier versammeln und einstimmig „Ich bin der Welt abhandengekommen“ von Friedrich Rückert sezierend singen und weiße Luftballons in die Luft steigen lassen. Obwohl der dritte Jenseitsbereich Paradiso da noch nicht ansatzweise inszenatorisch umgesetzt wurde, darf ich mich endlich von meinem Platz 33 in Reihe 3 wieder erheben. Das kann ja auch himmlisch sein…

Diese Premierenkritik erschien ersmals am 13.04.2015 auf Kultura Extra.

http://vg04.met.vgwort.de/na/092b953f79c94e4898bea759ec7d8845

DIE GÖTTLICHE KOMÖDIE (Schauspiel Köln, 11.04.2015)

Regie: Sebastian Baumgarten

Bühne: Thilo Reuther

Kostüme: Jana Findeklee / Joki Tewes

Musik: Jens Massel / Jörg Follert

Video: Stefan Bischoff

Licht: Michael Frank

Dramaturgie: Jens Gross / Michaela Kretschmann (Mitarbeit)

Besetzung:

Dante ... Guido Lamprecht

Vergil … Seán McDonagh

Gläubige / Beatrice … Yvon Jansen

Blinder … Mohamed Achour

Frau … Nicola Gründel

Mädchen … Larissa Aimée Breidbach

Arzt … Christian Hockenbrink

Kunsthistoriker … Miguel Abrantes Hockenbrink

Premiere war am 11. März 2015

Weitere Termine: 12., 16., 18., 21., 22., 24. 4./ 17., 24. 5. 2015

Mehr Infos: http://www.schauspielkoeln.de/spielplan/monatsuebersicht/die-goettliche-komoedie/

22:41 13.04.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ"& "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Freiberuflicher Social Media Manager
Ansgar Skoda

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