Kleine Schätze – Literarischer Jahresrückblick 2021

12 Monate - 12 lohnende Bücher Das Jahr mit Lektüren ausklingen lassen: Von Peter Wohllebens "Der lange Atem der Bäume" über Annalena Baerbocks "Jetzt", Marga Mincos Romane "Das bittere Kraut" und "Ein leeres Haus" bis hin zu unter anderem Hape Kerkeling und Doris Dörrie

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Das Jahr 2021 war nicht nur wegen der fortschreitenden Gesundheitskrise ein eher unerquickliches Jahr. Am zweiten Weihnachtstag verstarb ein langjähriger Freund nach mehrwöchigem Aufenthalt auf der Intensivstation an Corona. Mit Berthold habe ich mich oft über Lieblingsbücher und Literatur unterhalten. Ihm sei der nun hier folgende Jahresrückblick gewidmet.

In der Krise habe ich mehr gelesen als sonst, da viele Festivals und Events, die ich besuchen wollte, abgesagt wurden.

Eingebetteter Medieninhalt

Januar: Warum Lesen – Mindestens 24 Gründe.

Leserherzen kann ihre Lektüre zu stiller Ekstase bewegen. Sie vermögen in ferne Realitäten oder eine fremde Haut einzutauchen. 24 AutorInnen fragen sich in einer Jubiläumsschrift anlässlich des 70jährigen Bestehens des Suhrkamp Verlages, warum Menschen lesen. Die Anthologie vereint die Variationen zum Lese-Vorgang recht facettenreich und vielschichtig. Mal geht es um die Leseerfahrungen beim Schmökern in orientalischen Märchen, dann um sogenannte „gute schlechte Bücher“, schließlich um Comics. Die Aufsätze stammen dabei von so bekannten Namen wie Annie Ernaux, Jürgen Habermas, Sibylle Lewitscharoff und Hartmut Rosa. Der Schriftsteller Clemens J. Setz ergeht sich in seinem Beitrag in philosophischen Betrachtungen. Er überlegt, dass Leser sich, wenn sie keine Menschen mehr um sich hätten, in allen Personen in Geschichten selbst wiederzufinden versuchen würden. Der heute 39jährige österreichische Schriftsteller und Übersetzer meint, dass Lesende über kurz oder lang diese Eindrucksfülle in der Isolation nicht aushalten würden.

Katharina Raabe (Hrsg.), Frank Wegner (Hrsg.): Warum Lesen – Mindestens 24 Gründe. Fester Einband mit Schutzumschlag. 347 Seiten, 22 EUR, Suhrkamp Verlag 2020, ISBN 978-3-518-07399-5. Weitere Infos.

Februar: Que(e)rverbindungen. Die neue Sehnsucht nach Gefügigkeit.

In ihrem engagierten Essay über Feminismus und die gegenwärtige Frauenrechtsbewegung problematisiert die Schriftstellerin Juliane Beer queerfeministische Theorien bekannter PoststrukturalistInnen. Wenn, wie in Judith Butlers einflussreichen Werk Gender Trouble (1990) „das biologische Geschlecht nicht festgelegt ist“ (S. 204) und „‘diskursiv konstruiert‘ werde“ (S. 32), behindern plötzlich neue Konzepte eine Förderung der Gleichberechtigung von Frauen, so Beer. Feministische Diskurse widmen sich nun einer sozial konstruierten Rasse und Ethnizität (S. 28ff.) oder nicht zuletzt Transmisogynie, also dem „Zusammenwirken von Frauenfeindlichkeit und Transfeindlichkeit“ (S. 196-197). Denn plötzlich gerät eine Diskriminierung von Männern, die sich selbst als Frauen begreifen, in den Fokus queerer FeministInnen. Die Autorin kritisiert, dass Diskurse feministischer Frauen in geschlossenen Frauenräumen erschwert und verunmöglicht werden, wenn Männer Zutritt erhalten, auch wenn diese sich nach eigener Aussage als Frauen wahrnehmen. Das stärke insbesondere auch eine „Kritiklosigkeit an einer anti-emanzipatorischen Ideologie wie dem Islam“ (S. 67), der sich Beer in ihrem Essay auch in vielerlei Hinsicht widmet.

Juliane Beer: Que(e)rverbindungen. Die neue Sehnsucht nach Gefügigkeit. FrauenstandPUNKT. DRUCKsache. Paperback, 248 Seiten, 8.99 EUR, Books on Demand 2021. ISBN-13: 9783754325803. Weitere Infos.

März: Der lange Atem der Bäume.

Der Wald braucht uns nicht um weiterzuleben, wir brauchen jedoch hierfür den Wald. Peter Wohlleben beschreibt faktenbasiert, gut lesbar und emotional die komplexen Zusammenhänge im Ökosystem Wald. Der Förster, der zwanzig Jahre in der staatlichen Forstverwaltung arbeitete, beschreibt Kreisläufe in Wäldern, für Bäume wie auch für Tiere. Er kritisiert die klassische Forstwirtschaft: Es gehe ihr mehr um Kommerz, Profitstreben und eine willkommene Rohstoffquelle und nicht um Waldpflege und Umweltschutz. Nach dem Lesen von Wohllebens Sachbuch nimmt man die Natur und vor allem den Wald intensiver und bewusster wahr, nämlich als ein komplexes Habitat, das für zahlreiche weitere Naturphänomene, wie Klima, Wetter, Tier- und Pflanzenwelt von unschätzbaren Nutzen ist. Obwohl der 57jährige Autor sehr wissenschaftlich arbeitet, scheinen einige seiner Aussagen streng wissenschaftlich nicht abgesichert.

Peter Wohlleben: Der lange Atem der Bäume. Wie Bäume lernen, mit dem Klimawandel umzugehen – und warum der Wald uns retten wird, wenn wir es zulassen.Hardcover mit Schutzumschlag, 256 Seiten, 22 EUR, Ludwig Verlag 2021. ISBN: 978-3-453-28094-6. Weitere Infos.

April: Jetzt. Wie wir unser Land erneuern.

Die heutige Bundesaußenministerin veröffentlichte 2021 ein kenntnisreiches Buch über aktuelle Herausforderungen, ihren politischen Werdegang und ihre Ambitionen. Dabei streift Annalena Baerbock viele brisante Themen. Die grüne Bundeskanzlerkandidatin im Jahr 2021 problematisiert, dass Jugendliche, deren Eltern Hartz VI bekommen, beim Zuverdienst in Minijobs Abzüge haben, anders als Familien ohne SGB-II-Bezug (S. 32). Trotz der Corona-Ausgaben möchte sie das unterfinanzierte Bildungswesen, Kitas und Grundschulen mit mehr Mitteln ausstatten (S. 40). Die Grünenpolitikerin betont die Wichtigkeit von Quotierungen für das Fortschreiten der Frauenrechte (S. 53). Für gesetzliche Quoten spricht sie sich auch bei Recycling-Maßnahmen aus, wenn sie eine verheerende Ökobilanz kritisiert, da der Einsatz nachhaltiger Rohstoffe die Wettbewerbsfähigkeit einschränken würde (S. 105f.). Sie möchte vom übermäßigen Beton- und Zementverbrauch wegkommen, durch Verwendung von Holz: „Momentan entstehen vierzig Prozent der global ausgestoßenen Treibhausgase beim Bauen und durch den Betrieb von Gebäuden und Infrastruktur. Und mehr als die Hälfte der gesamten Abfallmasse entsteht beim Bauen.“ (S. 87)

Die Parteivorsitzende der Grünen listet Unsummen der „Gesamtschäden aus klimawandelbedingten Extremwetterereignissen weltweit“ (S. 79). Einen beträchtlichen Teil der Kosten für energetische Gebäudesanierungen sieht Baerbock in öffentlicher Hand (S. 112). Auch die ökologische Landwirtschaft und ein Ausstieg aus Mastbetrieben liegen auf ihrer Agenda. Sie kritisiert: „Lediglich fünf Prozent der Betriebe, die in Deutschland Schweine halten, wirtschaften ökologisch.“ (S. 89) Sie diskutiert mögliche koordinierte Strategien für einen klimaneutralen Pfad einzelner Wirtschaftsbranchen (S. 100) im Sinne eines Strukturwandels. Die Grünenpolitikerin bedauert Rückschläge in der deutschen Solarindustrie und eine fehlende Infrastruktur für Windenergie trotz des 2000 von der Bundesregierung beschlossenen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) (S. 102f.).

Manchmal driftet Baerbock ins Floskelhafte ab: „Viel wichtiger aber ist, sich als Volksvertreterin immer wieder bewusst dafür zu entscheiden, Politik aus den Lebensrealitäten der Menschen zu denken und zu machen und vor Ort zu sein.“ (S. 25) Sie lobt den Werdegang ihrer Mutter, die über den zweiten Bildungsweg nach der Arbeit als staatlich anerkannte Erzieherin ein Fachhochschulstudium der Sozialpädagogik mit Diplom abschloss (S. 44).

Durch persönliche Anekdoten möchte Baerbock scheinbar insbesondere eine jüngere Leser- und Wählerschaft ansprechen. Sie bezeichnet ihre eigene Kindheit als: „Ein bisschen Bullerbü auf Norddeutsch.“ (S. 117) Sie beschreibt Ereignisse wie die Klimakonferenz von Paris als emotional ergreifende Schlüsselmomente „mit Tränen in den Augen“ (S. 77). Leider wird das Buch allzu rührig, wenn Baerbock sogar betont, dass sie ihr Mitgefühl nicht verstecken möchte (S. 51): „Mir rannen Tränen über die Wangen. Beim Schreiben tun sie das heute noch.“ (S. 47) „Doch mir blutete das Herz.“ (S. 123) Man fragt sich, wie eine derart emotionale Politikerin als Außenministerin mit unberechenbaren Präsidenten wie Erdogan oder Putin verhandeln möchte.

Baerbocks informatives, oft recht persönliches Sachbuch arbeitet ohne Anmerkungen oder Register und bezieht kaum aktuelle Studien mit ein. Es ist so weniger brillant-analytisch, wie das etwa zeitgleich erschienene Werk Die Selbstgerechten der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht. Die Spitzenpolitikerin verzichtet auf Quellenangaben und verkauft vieles als Allgemeinwissen. Beim Abfassen ihres Bestsellers konnte sie unter anderem auf die Unterstützung des Schriftstellers Michael Ebmeyer zählen. Aufgrund des Drucks der Öffentlichkeit und einer schlagzeilenträchtigen Plagiatsaffäre überlegte Baerbock Quellen nachzureichen. Leider werden diese Angaben nicht nachgereicht und das Buch wird mittlerweile nicht mehr gedruckt.

Annalena Baerbock: Jetzt. Wie wir unser Land erneuern. 240 Seiten, Ullstein Verlag 2021. Vergriffen, vom Handel zurückgezogen.

Mai: Das bittere Kraut. Eine kleine Chronik.

Der Debütroman Marga Mincos (1957 in den Niederlanden erschienen) ist sicherlich eine gute ergänzende Schullektüre zum Tagebuch der Anne Frank (1947). Die jüdische Niederländerin Minco erzählt autobiographisch grundiert vom Beginn der Judenverfolgung in den Niederlanden.

Die heute 101jährige Zeitzeugin berichtet in ihrer kleinen Chronik sachlich und eindringlich vom Schicksal ihrer Familie nach 1940. Trotz der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg glaubt sich ihre Familie zunächst in trügerischer Sicherheit. Doch schon bald werden sie, ihre Eltern und ihre Geschwister offen angefeindet und bedroht. Plötzlich werden die Ich-Erzählerin und ihr Bruder von wohlmeinenden jüdischen Bekannten dazu angehalten auszuwandern. Judenfeindliche Bestimmungen der Besatzer reißen die Familienangehörigen schließlich gewaltsam auseinander. Die damals Zwanzigjährige kann fliehen, wird verfolgt, muss sich verstecken. Ihr Leben wird fortan von bangen Angstgefühlen bestimmt.

Später findet sie als Mittzwanzigerin heraus, dass nahezu alle Angehörigen ermordet wurden. Der mit 22 knappen Kapiteln schmale Band handelt auch von den Schuldgefühlen der Ich-Erzählerin als letzte Überlebende einer Großfamilie. Marga Minco erhielt 2019 den P.C.-Hooft-Preis, der bedeutendste Oeuvre-Preis für Literatur in den Niederlanden. Marlene Müller-Haas übersetzte Das bittere Kraut 2020 für den Wiener Arco Verlag neu, zusammen mit anderen wiederzuentdeckenden Werken der Autorin.

Marga Minco: Das bittere Kraut. Eine kleine Chronik. Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas. 95 Seiten, 18 EUR, Arco Verlag 2020. ISBN 978-3-96587-020-8. Weitere Infos.

Juni: Ein leeres Haus.

Margo Mincos Ein leeres Haus (in den Niederlanden 1966 erstveröffentlicht) ist sozusagen der Nachfolgeroman zur Vorgeschichte in Das bittere Kraut. Er handelt vom schmerzlichen Erinnern einer Ich-Erzählerin, die den Holocaust in einem Amsterdamer Versteck überlebte: „[…] Du bist nirgends. Auf die Dauer beginnst du es selbst zu glauben oder an dir zu zweifeln. […]“ (S. 39) Nach dem Krieg denkt sie oft an den schmerzhaften Verlust ihrer Familienangehörigen:

Was hatte ich getan, was würde ich noch tun, das eine gewisse Bedeutung hatte und bewies, dass es einen Sinn hatte, dass wir noch da waren und die anderen nicht mehr? Die Zwillinge von Onkel Max von Assen sind nicht älter als acht Jahre geworden. In Sobibór vergast. Es sind aufgeweckte Kinder, sagte meine Mutter einmal, nachdem sie ein paar Tage zu Besuch gewesen waren, sie können schon lesen, bevor sie in der Schule sind.“ (S. 130)

Es werden drei Tage der jungen Holländerin in der Nachkriegszeit beleuchtet; der 28. Juni 1945, der 25. März 1947 und der 21. April 1950. Ein leeres Haus unterscheidet sich stilistisch von Das bittere Kraut, wenn die Autorin spannungsvoll bruchlos zwischen Gegenwart und qualvoller Vergangenheit springt. Die Ich-Erzählerin holt so das Gestern zurück in das Jetzt, wenn sie etwa darüber nachdenkt, dass ihr Lebens- und Fluchtpartner Amsterdam 1947 nicht verlassen möchte, um in ein anderes Land zu gehen:

Ich verstehe das. Er will nicht, er will in Amsterdam bleiben. Es gibt »Wichtiges« zu tun, das hat er schon oft gesagt. Aber er meint etwas anderes als im Hungerwinter, als wir aufeinander angewiesen sind, ständig zusammenhocken, ganze Tage in dem großen Bett verbringen, zusammen ins Versteck kriechen, wenn eine Razzia ist, die Angst teilen und danach die Erleichterung, und reden, darüber reden, was wir nach dem Krieg tun werden, wie wir leben werden, wohin wir gehen werden.“ (S. 74)

Es kommt nach Kriegsende keine Befreiungsstimmung auf. Zu nah sind die Erlebnisse der Flucht und der Verlust der Familie, um sich davon zu lösen. Gleichzeitig ist es auch den Begegnungen der Erzählerin ein Bedürfnis, etwas über ihre Umstände in Kriegszeiten, wie beispielsweise den Hungerwinter 1944/45, zu erfahren:

Sie wollte alles über die Kirche mit den Leichen wissen, die Männer mit den Ratschen, die Ödemkranken auf den Treppen des Königspalastes und über die ausgemergelten Kinder, die mit ihren kleinen Töpfen zur Garküche gingen. Ich erzählte es ihr bis ins kleinste Detail. Über das gefilterte Fett, von dem wir Durchfall bekamen, die fauligen Mooskartoffeln, das Brot, das wie nasser Ton war; über die Schwären und offenen Beine. Mir schien es eine Möglichkeit, ihr etwas zurückzugeben.“ (S. 42)

Wie uns Marga Minco die damalige Zeit und die Trauerarbeit ihrer jungen Ich-Erzählerin näherbringt, ist wahrlich eine große Gabe.

Marga Minco: Ein leeres Haus. Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas. 172 Seiten, 22 EUR, Arco Verlag 2020. ISBN: 978-3-96587-019-2. Weitere Infos.

Juli: Vögel. Vom Singen, Balzen und Fliegen.

Sie leben um uns herum, sind immer irgendwo zwischen Himmel und Erde. Sie flüchten vor uns und leben in den entferntesten Winkeln und Höhen, suchen aber auch unsere Nähe und wurden sogar domestiziert. Sie singen und zwar so schön, dass wir sogar glauben sie täten es für uns. Sie dienten schon immer uns Menschen als Symbole – für Macht, engelsgleich für unsere Verbindung von der Erde zum Himmel. Die Vögel. Der Journalist, Biologe und Philosoph Cord Riechelmann veröffentlichte 2021 ein kleines, bibliophiles Werk über Vögel, das durch etwa zwanzig farbige Illustrationen bereichert wird. Einzelporträts erkunden alphabetisch besondere Flugwesen vom Albatros bis hin zum Zaunkönig.

Cord Riechelmann: Vögel. Vom Singen, Balzen und Fliegen. 160 Seiten, 16 EUR, Dudenverlag 2021. ISBN 978-3-411-71054-6. Weitere Infos.

August: Pfoten vom Tisch! Meine Katzen, andere Katzen und ich.

Der Entertainer Hape Kerkeling hat ein innig-zärtliches Verhältnis zu Katzen und betrachtet sie mitunter als mystische Wesen. In seinem anekdotenreichen, sehr persönlichen Ratgeber beschreibt er das Verhalten der sanften Raubtiere genau, liebevoll und verflochten mit Erinnerungen an die eigene Biografie. Der Spiegel-Sachbuchbestseller des Jahres enthält einen besonders lesenswerten Teil, in dem Kerkeling unterschiedliche Rassen beschreibend zuordnet. Kerkeling ist wahrlich ein Katzennarr. Er begleitet eine sterbende Katze aufmerksam, gefasst und voller Zugewandtheit. Kerkelings ausgeprägtes Verständnis für die Eigenarten von Wohnungskatzen mutet manchmal ein bisschen betulich und übertrieben an. Eine schöne Gute-Nacht-Lektüre, am besten mit einem Vierbeiner im Arm.

Hape Kerkeling: Pfoten vom Tisch! Meine Katzen, andere Katzen und ich. Hardcover mit Schutzumschlag. 304 Seiten, 22 EUR. ISBN: 978-3-492-08000-2. Weitere Infos.

September: Frida Kahlo and San Francisco. Constructing Her Identity.

Die Ausstellung Frida Kahlo and San Francisco zeigte März bis Juli 2020 im Fine Arts Museum of San Francisco Malereien der bekanntesten Künstlerin Mexikos. Frida Kahlo besuchte selbst von Herbst 1930 bis zum Frühjahr 1931 und September bis Dezember 1940 die hügelige Stadt im Norden Kaliforniens. Der englischsprachige Ausstellungskatalog beinhaltet 70 große, farbige Bilder- oder Foto-Abbildungen. Essays zu Kahlos Aufenthalten in San Francisco, zu ihrer Rolle als Künstlerin und zu ihrem Kleidungsstil runden das aufwendige und hochwertige Werk ab.

Circe Henestrosa (Hrsg.), Gannit Ankori (Hrsg.), Hillary C. Olcott (Hrsg.): Frida Kahlo and San Francisco. Constructing Her Identity. 96 Seiten, Hirmer Verlag 2020, leider vergriffen. ISBN: 978-3-7774-3573-2. Weitere Infos.

Oktober: Pina Bausch und das Tanztheater – Die Kunst des Übersetzens.

Die legendäre Compagnie des Wuppertaler Tanztheaters Pina Bausch wird mit dem 48jährigen Choreographen Boris Charmatz ab September 2022 eine neue Leitung bekommen. Gabriele Klein, Hamburger Soziologie-Professorin im interdisziplinären Studiengang Performance Studies, schrieb ein aktuelles Standardwerk über die Namensgeberin der Compagnie, Pina Bausch (1940-2009). Die Autorin betrachtet das einzigartige Werk und den künstlerischen Nachlass der enorm einflussreichen Ballettdirektorin und Pionierin des modernen Tanztheaters. Klein widmet sich dabei einzelnen Stücken und Solotänzen von Compagnie-Mitgliedern, den teils außergewöhnlichen Bühnenbildern, Bauschs Arbeitsprozess und der Rezeption ihres Werkes. Ein besonderer Schwerpunkt des Sachbuchs liegt auf dem sogenannten Übersetzens als tanz- und kunsttheoretischem Konzept:

Eine Tanzproduktion ist demnach ein permanenter und vielschichtiger Übersetzungsprozess: Zwischen Sprechen und Bewegen, Bewegung und Schrift, zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen, zwischen unterschiedlichen Medien und Materialien, zwischen Wissen und Wahrnehmung, zwischen den Compagnie-Mitgliedern bei der Stückentwicklung und den Weitergaben, zwischen Aufführung und Publikum, zwischen Stück und Tanzkritik, zwischen künstlerischer und wissenschaftlicher Praxis.“ (S. 13f.)

Gabriele Klein: Pina Bausch und das Tanztheater – Die Kunst des Übersetzens. 448 Seiten, 34,99 EUR. transcript Verlag 2019. ISBN: 978-3-8376-4928-4. Weitere Infos.

November: Die Unschuldigen von Ipanema und andere Erzählungen.

Die Freude am Schreiben leitet Marko Martin bei der Skizzierung seiner zuweilen auch erotischen Reisebegegnungen. Sein Erzählband illustriert schwule Erfahrungen in komplexen Strukturen ferner Länder, wie in Kuba, Israel oder Südamerika. Die Titelerzählung handelt von zwei Edel-Escorts, die brasilianische Industrielle bedienen. Sie leisten sich von ihrem Geld ein Nobel-Appartement in Ipanema in Rio de Janeiro, um auch hierhin westliche Besucher einzuladen. Ein sinnlicher Ton, ironische Selbstbeobachtungen, selbstreflexive Gelassenheit und sprachspielerische Skepsis leiten die Erzähler. Sie genießen es in prallen Bildern festzuhalten, was sie da gerade erleben, etwa in ominösen Cruising Areas.

Marko Martin: Die Unschuldigen von Ipanema und andere Erzählungen. 400 Seiten, 25 EUR. PalmArtPress 2021. ISBN: 978-3-96258-075-9. Weitere Infos.

Dezember: Einladung zum Schreiben.

Nach ihrem Bestseller Leben, Schreiben, Atmen gibt Doris Dörrie im Schreibjournal Einladung zum Schreiben (2021) noch mehr inspirierende Tipps. Sie lädt ihre LeserInnen ein, aufmerksam „ die Schatzkiste der eigenen Erinnerungen zu öffnen“ (S. 10) und zehn Minuten ununterbrochen und ohne nachzudenken mit der Hand zu schreiben: „Wir erzählen uns alle ständig Geschichten über uns selbst.“ (S. 13) Die Autorin Dörrie skizziert 50 mögliche Themen wie Gummibärchen, Masken oder Geschenke, zu denen ihre Leser minutenlang eigene Gedanken verschriftlichen können. Anders als in Leben, Schreiben, Atmen bietet der Band nach Dörries Skizzen nun leere linierte Seiten für die LeserInnen, ohne das Dörrie zu ihren Themenvorschlägen eigene Geschichten verschriftlicht. Manche Schreibmotive bereichert Dörrie jedoch durch Sinnsprüche unter den Linien. Sie weiß: „Zu schreiben ist eine Ermächtigung: Man holt sich die Zeit zurück. Verpasst sein eigenes Leben nicht mehr.“ (S. 217)

Doris Dörrie: Einladung zum Schreiben. Hardcover Leinen. 224 Seiten, 16 EUR. Diogenes Verlag 2021. ISBN: 978-3-257-07110-8. Weitere Infos.

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Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ" & "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Webentwickler und Journalist
Ansgar Skoda

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