Kein Frieden mit Moskau

Neue Musik, Oper Köln Valentin Schwarz inszeniert die groteske Satire „Der Meister und Margarita“ poppig mit surrealen Bildern. York Höllers schillernde Vertonung des gleichnamigen Romans vom russischen Dichter Michail Bulgakow wird nun zum vierten Mal gezeigt.
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Flammen und Theaterrauch liegen in der Luft. Opfer häufen sich auf der Drehbühne. Der Frieden rückt scheinbar in weite Ferne. Es vermischen sich Ebenen, Taktfolgen und harmonische Klanggestalten. Gesangspartien folgen dem Duktus der deutschen Sprache. Sie enthalten viel direkte Rede aus der autobiographisch geprägten Romanvorlage des sowjetisch-russischen Schriftstellers Michail Bulgakow. Macht und Schuld sind das zentrale Thema von Der Meister und Margarita, das im stalinistischen Moskau spielt. Der 1891 in Kiew geborene Dichter schrieb sein Hauptwerk in den 1930er Jahren. Der Meister und Margarita konnte aufgrund von Zensur erst posthum 1966 erscheinen. Bulgakow starb bereits 1940 in Moskau, ähnlich wie sein Protagonist krank und zermürbt von der Kulturbürokratie.

Das Thema einer Gesinnungspolizei und monopolistischer Meinungsdiktatoren ist beklemmend aktuell. Auch heute missbraucht der Kreml Macht mit seinem Angriffskrieg auf die Ukraine, rücksichtslos und menschenverachtend. Das System verhindert durch Verbote, das Kunst geschaffen wird. Werte wie Offenheit, Empathie und Transparenz werden beschränkt.

York Höllers Musiktheater erzählt die epische Geschichte über Wahn und Terror ähnlich der Vorlage nicht linear. Valentin Schwarz setzt Höllers Oper im Staatenhaus, der Interimsstätte der Oper Köln, mit alptraumhaften Bildern andeutungsreich, diffus bleibend, klamaukig und grellbunt in Szene. Kostümbildner Andy Besuch zeichnet heuchlerische, selbstsüchtige und privilegierte kommunistische Kulturfunktionäre etwas beliebig und wenig erhellend als prominente Köpfe der bildenden Kunst. Sie tragen überdimensionierte Kostüme, die an Dali, van Gogh, Picasso, Beuys oder Warhol erinnern. Andere Figuren, die auch als Sprachrohr der Macht auftreten und für Missverständnisse sorgen, muten in unförmigen, lackschwarzen Ganzkörperkostümen gesichtslos entindividualisiert an. Sie bevölkern die Drehbühne zombieartig wie absurd komische Angst-Hasen aus David Lynch-Filmen oder Monster aus Gemälden von Hieronymus Bosch.

Der 33jährige Österreicher Schwarz, der dieses Jahr in Bayreuth Wagners Ring der Nibelungen inszenieren wird, wartet auf der eher requisitenarmen Bühne auch mit weiteren Überraschungen auf. Es wird mit Virtual Reality-Brillen geliebäugelt, die den Hauptfiguren aufgesetzt werden, während diese teils wie im Rausch hyperventilieren. Effektvoll versieht des Weiteren Lichtdesigner Andreas Grüter eine mehrteilige Rückwand mit dutzenden Scheinwerfern, die Schlagworte wie „мир(russisch: Frieden) auf Fassaden in Leuchtschrift abbilden.

Anspielungsreich ist auch der phantasiereich überbordende russische Kultroman Bulgakows. Er erzählt ein Porträt vom grotesken System Moskaus zur Zeit der stalinistischen Säuberungen der 1930er Jahre. Die komplexe Handlung dreht sich um Staatsmacht, Denkverbote und den Wunsch nach Selbstbestimmung. Erzählebenen überlagern sich. Surreale Delirien verweben sich mit antiken Geschichten um Pontius Pilatus und die Jesus-Erzählung, die „der Meister“ geschrieben hat. Im Wechselspiel zwischen Wahn und Realität oszillieren Wirklichkeit und Obsession.

Ein Literat wird als Systemkritiker und Dissident ästhetisch und politisch gegängelt. Er kommt gegen die Repression nicht an und wird in die Psychiatrie eingewiesen. Später wird er von den Medien zum Staatsfeind erklärt. Der zweite Teil der Oper thematisiert eine große Liebesgeschichte. Die Freundin Jeschuas, Margarita, nennt ihren Lebensgefährten nur liebevoll „Meister“. Sie glaubt an seine Kunst. Margarita geht einen Pakt mit dem Teufel ein, um ihn zu retten. Unter den zahlreichen Heuchlern, Profiteuren und Denunzianten des Kommunismus wird sie als gewissenhafte und aufrechte Gestalt für den Teufel unangreifbar.

Der Isländer Bjarni Thor Kristinsson gibt den Satan Voland, als einnehmend taktierenden Schwarzen Magier, mit dynamischen Tempo und wohlforciertem, prägnantem Bass. Der weißrussische Bariton Nikolay Borchev mimt den langhaarigen Meister stimmlich akzentuiert und mit darstellerischer Präsenz. Die gebürtige Kolumbianierin Adriana Bastidas-Gombua, Ensemblemitglied an der Oper Köln, zeichnet ihre Margarita ausdrucksstark mit nuancenreicher Stimmführung. Schlussendlich erlöst sie mit ihrem Mitgefühl den von Selbstzweifeln geplagten Meister.

Doch insbesondere das groß besetzte Gürzenich Orchester Köln unter der Leitung von André de Ridder lässt aufhorchen. Die komplexe Partitur fordert ineinander verschachtelte musikalische Sphären und sich ablösende Harmonien. Da trifft Schlagwerk auf tiefen Bläser, allerlei Überlagerungen, Zitate, Wendungen und Rhythmuswechsel werden hörbar. „Der große Satansball“ zu Beginn des zweiten Aktes wartet so mit trommelnden Congas, Synthesizer-Klängen und elektronischen Zuspielungen auf, etwa von Mick Jaggers „Sympathy for the Devil“. Regisseur Valentin Schwarz lässt während der 10minütigen Ballettszene die Bühne unbespielt und requisitenfrei. So kann sich das Publikum ganz auf das rechts von den Besuchern platzierte Orchester konzentrieren. Imaginäre Bilder werden von einem ekstatisch obsessiven Stampfen und Fauchen temporeich und atmosphärisch stimmungsvoll befeuert.

Schlussendlich vernichtet der Meister verzweifelt seinen Roman. Doch Margarita besänftigt seine Rachegedanken mit ihrer selbstlosen Art. Ein kunstfertiges, über vier Stunden (mit Pause) wütendes musikalisches Ereignis mit merklichen Längen, das einen etwas ratlos ob der wenig erhellenden Handlung entlässt. Immerhin vielleicht doch ein poetisches Nachbeben und Nachleben Bulgakows, der etwa elf Jahre an seinem Roman feilte.

Eingebetteter Medieninhalt

DER MEISTER UND MARGARITA (Staatenhaus Saal 1, 8.4.2022)

Musikalische Leitung: André de Ridder

Inszenierung: Valentin Schwarz

Bühne: Andrea Cozzi

Kostüme: Andy Besuch

Licht: Andreas Grüter

Dramaturgie: Georg Kehren

Besetzung:

Der Meister/Jeschua … Nikolay Borchev

Margarita … Adriana Bastidas-Gamboa

Voland, der "schwarze Magier" … Bjarni Thor Kristinsson

Korowjew, sein Gehilfe … Matthias Hoffmann

Asasello … John Heuzenroeder

Behemoth, der Kater … Dalia Schaechter

Gella, die Hexe … Statisterie der Oper Köln

Pontius Pilatus / Dr. Strawinsky, Arzt … Oliver Zwarg

Levi Matthäus / Besdomny, Lyriker … Martin Koch

Berlioz, Chefredakteur / Archibald Archibaldowitsch, Restaurantbesitzer … Johannes Wedeking (Gesang), Michal Hoffmeyer (Spiel)

Stjopa, Varietédirektor … Ján Rusko

Frau Stjopa / Sofja Pawlowna … Judith Thielsen

Alter Ego/ Conférencier … Oscar Musinowski

Schriftsteller:

Nastassja … Mine Yücel

Paprichin … Artjom Korotkov

Dubratsky … Michael Terada

Deninskin … David Howes

Abakow … Julian Schulzki

Beskudnikow … Sung Jun Cho

Sagriwow … Guido Sterzl

Gürzenich-Orchester Köln

Uraufführung war am 20. Mai 1989 an der Grand Opéra de Paris.

Deutsche Erstaufführung war am 1. November 1991 an der Oper Köln

Premiere war am 3. April 2022 in der Oper Köln im Staatenhaus.

Nächste Termine: 12., 17.4.2022

Weitere Infos siehe auch: https://www.oper.koeln/de/programm/der-meister-und-margarita/5954

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ" & "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Webentwickler und Journalist
Ansgar Skoda

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