Rücksichtslos nackt vereinen blanke Gedanken

Theater Alia Luque zeigt Elfriede Jelineks "Das schweigende Mädchen" am Schauspiel Stuttgart und schafft eindrückliche Bilder von Gewaltbereitschaft als verbindender Gruppenbasis
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Spiegelnde Wände begrenzen das Geschehen zwischen der ebenerdigen Bühne und dem, sich in Tribünenverschlägen gegenüber sitzendem Publikum. Die Darsteller können das Publikum nicht sehen, auch die Zuschauer sehen erst nur sich selbst, bevor auf Bühnenebene das Licht angeht. Begrenztheit spielt in Alia Luques Inszenierung von Elfriede Jelineks Das schweigende Mädchen (2014 an den Müchner Kammerspielen uraufgeführt) am Schauspiel Stuttgart eine große Rolle. Wenn ihre acht Figuren auf der Bühne ungefilterten Ideologien und oft flachen Gedanken nachhängen, sind sie sich stets selbst die Nächsten, rücksichtslos auf ihr eigenes Sein fokussiert. Mit der begrenzten Essenz der preisgegeben Gedanken korrespondieren auch die Kostüme: alle Figuren sind nackt bis auf fleischfarbene, eng anliegende Slips oder Bodysuits (Kostüme: Ellen Hofmann). Das requisitenlose Bühnenbild erscheint sehr reduziert – die Körper stehen klar im Vordergrund.

Temporeich beginnt die Performance mit einer dynamischen Choreographie der acht Darsteller. Zwei männliche Figuren stacheln sich gegenseitig an. Dann werfen sie durch angedeutete Schüsse genüsslich nacheinander sechs, sich Rücken an Rücken ängstlich im Kreis drehende, verhüllte Figuren zu Boden. Auch später findet die Aufführung provokante Bilder für das Verbrechen, das Jelineks Drama zugrunde liegt - die Morde der rechtsterroristischen Organisation Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), eine deutschlandweite Mordserie, bei der in den Jahren 2000 bis 2006 ein rechtsextremes Terrortrio in verschiedenen Großstädten Deutschlands acht türkischstämmige und einen griechischen Kleinunternehmer, sowie eine deutsche Polizistin tötete. Seit Mai 2013 wird der NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München verhandelt, wo die Hauptangeklagte Beate Zschäpe seit Beginn der Verhandlungen die Aussage verweigert. Doch Zschäpe steht als Figur nicht im Fokus, vielmehr durchleuchtet Jelineks Drama die Voraussetzungen, unter denen die Organisation über einen so langen Zeitraum weitestgehend unbemerkt agieren konnte.

Jelinek arbeitet auch in ihrem jüngsten Drama nicht mit Figuren oder einer klassischen Handlung, sondern konstruiert Sprachschablonen, indem sie Gerichtsprotokoll-Zitate des NSU-Prozesses aus ihrem Kontext reißt, sie mit Bibelstellen vermengt und immer wieder auch Sprachmuster entlarvt. Was kann man sich unter einem Migrationshintergrund vorstellen? Drängt sich dieser Hintergrund manchmal sogar in den Vordergrund? Geht es darum, Betroffenheit nur vorzuspielen, möglichst nicht zu theatralisch? Die Figuren nehmen haarsträubende Positionen ein, wenn sie etwa freiheraus mit fremdenfeindlichen Ressentiments lospoltern: „Sie nehmen uns alles weg und werden gefördert – die Flüchtlinge und Ausländer.“ In der Stuttgarter Inszenierung wechseln sich die Darsteller beim freien Textvortrag ab. Die jungen Darsteller Frederik Bott, Jessica Cuna, Alexey Ekimov, Lucie Emons, Laura Locher, Rudy Orlovius, Susanne Schieffer und Philipp Sommer sprechen dabei unterschiedlich laut und kraftvoll, schnell und akzentuiert. Während eine Figur spricht, interagieren die anderen, indem sie mimisch Reaktionen auf das Gesagte darstellen oder im Hintergrund choreographisch eindrucksvoll mit ihren Körpern etwas nachbilden, etwa die Berliner Mauer.

Sie sehen gut aus, die muskulösen, schlanken Körper der acht Darsteller, bebend und erhitzt. Wenn sie gemeinsam Turnübungen vormachen, erinnern sie fast an ästhetisch-heroisierende Bilder der NS-Olympiade aus Propagandefilmen Leni Riefenstahls. Die Macht der Masse wird jedoch auch deutlich, wenn einer der Darsteller zum Schweigen gebracht wird, unter den nunmehr leblosen Körpern der anderen begraben. Dieses Bild erinnert dann an die Massengräber in Konzentrationslagern. Die Studierenden der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart zeigen eindrucksvoll, wie Gruppendruck den Einzelnen formt. Niemand möchte Außenseiter sein, so richtet sich Gewalt stets nach Außen, gegen das sogenannte Andere. Doch auch unter den Figuren tragen nicht alle Frisuren, die in der Hitlerjugend populär waren - ein Mann trägt so keinen ausrasierten Nacken und eine Frau keine geflochtenen Zöpfe. Sind diese Andersaussehenden bereits Außenseiter oder gar Ausländer? Eine menschenverachtende Organisation findet immer ihre Opfer, in Selbstbespiegelungen stetig Vorurteile reproduzierend. Der insgesamt auch aufgrund der bedrückenden Bilder sehenswerten Inszenierung fehlt es leider insbesondere in der Ansprache der Darsteller etwas an Ironie und Zynismus, die Jelineks Dramen so unverkennbar machen.

Diese Premierenkritik erschien erstmals am 22.04.2015 auf Kultura Extra.

http://vg09.met.vgwort.de/na/9c6a0b0a353e4267b5fc300e67f89f62

DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN (Schauspiel Stuttgart, 17.04.2015)
Regie: Alia Luque
Bühne: Christopher Rufer
Kostüme: Ellen Hofmann
Dramaturgie: Carmen Wolfram
Besetzung …

Frederik Bott

Jessica Cuna

Alexey Ekimov

Lucie Emons

Laura Locher

Rudy Orlovius

Susanne Schieffer

Philipp Sommer

(alle Studierende der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart)
Premiere am Schauspiel Stuttgart war am 17. April 2015
Weitere Termine: 3., 4., 11., 12.5./ 23.6.2015

Mehr Infos hier: https://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/das-schweigenede-maedchen/

18:29 22.04.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ"& "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Freiberuflicher Social Media Manager
Ansgar Skoda

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