Neoliberales Denken - Freiheit – Unterwerfung

Individualität, Markt Der Neoliberalismus wird vielfach kritisiert - zu Recht. Unberücksichtigt bleibt dabei zumeist die zentrale Grundlage des Neoliberalismus: grenzenlose Individualisierung
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Viel Richtiges steht in dem Artikel von Christian Baron: „Was vom Tage übrig bleibt“ im Wochenthema des Freitag Nr. 30 vom 25.07.19 und was Patrick Schreiner in dem Interview: „Freiheit ist das nicht“ in der selben Ausgabe sagt, kann im Wesentlichen nur unterstrichen werden.

„Die Menschen machen gesellschaftliche Erwartungen zu einem Bestandteil ihrer Persönlichkeit“, sagt Schreiner zu Recht. Aber das ist nicht die Spezifität neoliberaler Gesellschaften – das ist vielmehr eine Grundvoraussetzung von Gesellschaft und von Gemeinschaften überhaupt oder anders ausgedrückt, das ist die für die gesellschaftliche Existenz notwendige Integration – Teil zu haben an den gesellschaftlichen Erwartungen, ihren Normen und Werten und die zum Bestandteil der eigenen Identität, der Persönlichkeit werden zu lassen.

Es geht also bei der Kritik am Neoliberalismus nicht um dieses Phänomen – dass gesellschaftliche Erwartungen Teil der Persönlichkeit werden – sondern man muss die spezifischen gesellschaftlichen Erwartungen und impliziten Voraussetzungen und Grundannahmen des Neoliberalismus genauer anschauen, um die Deformationen und deren die Gesellschaft zerstörenden Charakter zu erkennen.

Die Grundidee des Neoliberalismus, der Markt sei gegenüber dem Staat und der Politik bei der Organisation von Produktion und Gesellschaft überlegen, wie Schreiner zu Recht zusammenfasst, schleift implizit eine kaum je thematisierte Grundvoraussetzung mit, die allerdings von dieser Grundidee auch ständig (re-)produziert wird: die Idee, Grundannahme oder Voraussetzung, dass der Markt und eben auch die Gesellschaft aus massenweise vereinzelt Einzelnen besteht, aus Individuen, deren höchste – und einzige – Existenzform ihre Individualität ist. Als solch vereinzelt einzelne Individuen treten diese dann in den Markt ein und versuchen dort ihr Glück, indem sie kaufen und verkaufen, ihre Arbeitskraft, ihre Lebenszeit, auch ihre Freizeit und mit den anderen Individuen, die es ihnen gleich tun, um die vorderen Plätze mit aller Macht – und der Zuhilfenahme von leistungssteigernden Techniken und Substanzen – konkurrieren, letztlich, so die Idee, zum Wohle und besten Ergebnis für alle. Dies könne, so die Idee des Neoliberalismus, nur der Markt leisten: das freie, unreglementierte Aushandeln und Spiel der freien Kräfte auf einem freien Markt – jede staatliche oder politische Intervention störe dieses Geschehen nur und sollte deshalb unterbleiben.

Ja, dieser Gedanke ist durchaus richtig, wenn wir den Markt betrachten und seine Logik und ja, der Markt kann viele Dinge effizient lösen und regeln. Voraussetzung: gleiche und freie vereinzelt einzelne Individuen treten in den Markt ein, mit den gleichen Chancen und Risiken, mit den gleichen Voraussetzungen und Bedingungen. So eine Annahme ist natürlich eine theoretische Konstruktion, aus der dann die positiven Effekte – unter dieser Voraussetzung – gefolgert werden. Fakt ist, die Eintrittsvoraussetzungen in den Markt waren noch nie gleich und schon gar nicht frei. Aber das ist eher eine oft wiederholte und alt bekannte Fußnote.

Der Neoliberalismus mit der Idee, er sei bei der Organisation von Produktion und Gesellschaft überlegen, hat nun weitgehend nicht nur die konkreten gesellschaftlichen Erwartungen mit seiner Idee von vereinzelten, freien Individuen geprägt, die Normen, Werte und Ziele ganzer Generationen deformiert, sondern auch zunehmend die Organisation der Gesellschaft und deren Gestaltung durch die Politik übernommen.

Aber die Gesellschaft ist kein Markt und die Regeln eines gut funktionierenden Marktes destruieren, wenn sie auf die Organisation von Gesellschaft angewendet werden, eben diese.

Gesellschaften und Gemeinschaften sind kein auf rationaler, zweckorientierter und utilitaristischer Gesinnung erfolgender Zusammenschluss von Individuen (im Stile eines Marktgeschehens), sie sind vielmehr Voraussetzung jeder Individualität, mit der der einzelne dann in das Marktgeschehen eintreten kann.

Anders gesagt: die Individualität, die subjektive Vereinzelung des Einzelnen, die erst dazu führt, dass solcherart freie Individuen mit allen ihren existentiellen Bedürfnissen in einen scheinbar freien Markt eintreten müssen, um dort ihre Haut zu Markte zu tragen, befördert das Marktgeschehen aber zerstört die Gesellschaft. Schon Marx hat in seinen frühen Schriften gegenüber denjenigen seiner Kollegen, die darum bemüht waren, die Entstehung von Gesellschaften und Gemeinwesen aus dem für sie fraglichen Zusammenschluss von vereinzelt Einzelnen zu erklären, herzuleiten und irgendwie nachvollziehbar und rational begründbar zu machen, festgestellt, dass nicht die Vergesellschaftung oder Vergemeinschaftung der Menschen das zu erklärende Phänomen sei, sondern dass die Individualisierung der Menschen, ihre Vereinzelung (im und durch den Prozess der Produktion und des Marktes oder eben durch den Kapitalismus) das zu erklärende Phänomen, bzw. das Problem sei. Der Mensch ist Mensch nur durch seine Gemeinschaft, hat Sprache, Leben, Verstand nur durch seine Identität mit einer Gemeinschaft, gegenüber der er sich – unter besonderen, auch materiellen Voraussetzungen – vereinzeln kann. Er tritt nicht als allseits entwickeltes Individuum auf einen Markt oder in eine Gesellschaft ein und vergemeinschaftet sich dann, er ist ein soziales Gemeinschaftswesen, das sich durch die Übernahme gesellschaftlicher Erwartungen, Normen und Regeln, vereinzeln kann.

Lassen Sie mich das Problem des Neoliberalismus an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: in unserer hoch individualisierten, markt- und konkurrenzgesteuerten, leistungsorientierten Gesellschaft tritt jeder mit seinen Fähigkeiten und Kompetenzen in den Markt ein und konkurriert mit den anderen Individuen um die vordern Plätze. Lassen wir hier mal die Frage der eigenen Schuld, derjenigen, die nicht mithalten können, zunächst beiseite, wenngleich wir sie nicht aus dem Auge verlieren sollten.

Bildung gilt in unserer leistungs- und erfolgsorientierten Gesellschaft als Grundvoraussetzung für die gelingende, also erfolgreiche Teilnahme am Markt, sprich an der Gesellschaft. Bildung verspricht Erfolg und genauso wird das seit Jahren nicht nur von zahllosen Eltern ihren Kindern, von Lehrern ihren Schülern, von Integrationsbeauftragten den ihnen anvertrauten Migrantinnen und Migranten, von Unternehmern den Heranwachsenden, sondern auch von Politikerinnen und Politikern den Bürgerinnen und Bürgern vorgetragen, um nicht zu sagen gefordert oder ihnen um die Ohren gehauen.

Ja, Bildung kann die Chancen auf dem Markt erhöhen, einen Platz an der Sonne zu erhaschen. Verständlich, das Eltern ihren Kindern versuchen, die Vorteile guter (Aus-)Bildung nahe zu bringen. Auch ich würde versuchen meinem Kind eine gute Bildung zukommen zu lassen. Die meisten Eltern werden desgleichen tun. Was daraus entsteht ist ein unglaublicher Konkurrenzkampf zwischen vereinzelt einzelnen jugendlichen Individuen unter zu Hilfenahme von allerlei Mitteln um einen guten Platz im Wettbewerb.

Aber wie stellt sich so eine Logik aus gesellschaftspolitischer Perspektive dar? Wie kann ein Politiker, der die Sicht und die Notwendigkeiten der gesamten Gesellschaft im Blick haben sollte und nicht die von zahllosen Individuen (also nicht nach der Behauptung Thatchers: „There's no such thing as society“), diese These unhinterfragt herunterbeten, unzählige Male die Bedeutung und Vorteile von guter Bildung für den Erfolg und das Leben der Einzelnen hervorheben und seine Politik im Bereich Bildung z.B., zumindest vorgeblich daran ausrichten, wenn er nicht selbst vollständig der Individualitäts-Ideologie des Neoliberalismus verfallen ist?

Also, aus gesamtgesellschaftlicher Sicht: bei allen Bemühungen und Anstrengungen der Individuen ihre Chancen auf dem Markt durch Bildung zu verbessern: einen ersten Platz gibt es nur einmal! Führungspositionen oder bestimmte Plätze an der Sonne des Konsumkapitalismus sind nur begrenzt vorhanden. Richtig, wer sich am meisten anstrengt (Bildung!) hat bessere Chancen auf diese Plätze. Aber Bildung als Lösung gesellschaftlicher Probleme von prekären Lebensverhältnissen, von Armut auszugeben – wie es die Politik seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholt – ist ebenso schlau, als würde man empfehlen, nur recht fleißig zu beten, damit tausend Leute von einem Brot satt werden können.

Bildung schafft keine Arbeitsplätze, sie ist in diesem Zusammenhang ein Mittel in einem Verdrängungswettbewerb zwischen Individuen, die ausser ihrer Bildung frei sind - von Produktionsmitteln.

Wenn der individuellen Bildung der Individuen entsprechende Arbeitsplätze nicht für alle Individuen vorhanden sind, nützt deren Bildung (auf dem Arbeitsmarkt) rein gar nichts. Die Übrigen sind dann selbst Schuld, weil sie offensichtlich nicht mithalten konnten. Das ist eine dermaßen individualistische Perspektive und Problemlösungsidee, dass sie nur aus einem neoliberal beschränkten Hirn entspringen kann. Ein Politiker, der darüber nicht hinaus denken kann, ist als Repräsentant der Bürgerinnen und Bürger ganz offensichtlich an der falschen Stelle - die meisten wechseln ja dann auch nach ihrer politisch aktiven Zeit in die Wirtschaft.

Bildung und individuelle Bemühungen können individuelle Schicksale und Lebenswege gestalten, sie können auf dem Markt in der Tat große Ressourcen durch die Anstrengung der Einzelnen freisetzen. Aber sie lösen nicht gesellschaftliche Probleme fehlender oder gut ausgestatteter Arbeitsplätze. Wenn zehn Menschen sich um eine Stelle bewerben, dann gewinnt der am besten Ausgebildete – alle anderen müssen zwangsläufig „verlieren“, trotz noch so guter Bildung. Durch diesen Mechanismus und das gebetsmühlenartige Wiederholen: Bildung, Bildung, Bildung wird letztlich Bildung entwertet, weil es nur dazu führt, dass immer mehr hoch Gebildete, Abiturienten, Akademiker Arbeitsplätze einnehmen, für die früher auch untere Bildungsabschlüsse hinreichend waren. (Oder wie sang Joni Mitchell schon 1991: „Now you tell me, Who you gonna get to do the dirty work, When all the slaves are free?“). Durch die Bildung der einzelnen Individuen wird kein Arbeitsplatz gewonnen, nur die Schuldzuweisungen sind klar: keine Arbeit: selbst Schuld, nicht genügend angestrengt, nicht ordentlich gebildet. Und das neoliberale Unternehmertum freut sich und schöpft die gebildete Sahne oben ab.

Wenn die Politik sich also in ihrer Perspektive auf die neoliberale Marktlogik beschränkt verpasst sie nicht nur das Eigentliche ihrer Aufgabe und Funktion, sie trägt damit zur Zerstörung der Gesellschaft bei – dem Zusammenhalt des Ganzen durch die Fokussierung auf eine aus der neoliberalen Marktlogik entspringende Individualität, die Voraussetzung und Folge des Funktionierens des Kapitalismus ist.

Wer also über Neoliberalismus spricht, sollte dessen Bedingungen und Voraussetzungen, die Existenz „freier“, vereinzelter Individuen nicht aus den Augen verlieren, es ist die „conditio sine qua non“ des Neoliberalismus – die Bedingung, ohne die er nicht wäre. Wie aber wurde aus einer Gemeinschaft eine hoch verdichtete Ansammlung von einzelnen Individuen – oder perspektivisch gefragt: wie machen wir aus einer Ansammlung vereinzelter, heterogener Individuen wieder eine Gesellschaft?

00:20 01.08.2019
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Geschrieben von

antithese

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