Achse des Hasses

Kulturkampf Das Bekenntnis zum Antifeminismus funktioniert weltweit als Bindeglied für reaktionäre Kräfte

Lange Zeit dachten wir, das mit der Geschlechtergleichheit sei nur noch eine Frage der Zeit. Jedes Jahr gab es Statistiken darüber, wie lange es noch dauern würde, bis Frauen genauso viel verdienen, genauso häufig in Parlamenten und Aufsichtsräten sitzen wie Männer: noch viel zu lang, klar, aber die Tatsache als solche stand doch außer Frage.

Dann wurde der Republikaner Donald Trump Präsident von Amerika. Kurz bevor der Gipfel erreicht wurde – eine Frau als Präsidentin von Amerika! –, machte das Projekt „Gleichstellung“ schlapp. Stattdessen ist ein offener Sexist zum Präsidenten gewählt worden, und das war kein Ausrutscher, keine Panne, sondern volle Absicht. Hinter Trump steht eine Koalition aus gesellschaftlichen Kräften, die längst überwunden geglaubte patriarchale Männlichkeiten wieder zum Leben erwecken wollen.

Das Bekenntnis zum Antifeminismus fungiert als einigendes Band, mit dessen Hilfe sich die neue Rechte organisiert. Schlagworte wie „Genderideologie“ oder „Frühsexualisierung“ sind zum Erkennungszeichen einer politischen Bewegung geworden, die ganz unterschiedliche Szenen zusammenbringt, Neonazis und religiöse Fundamentalisten, Computer-Nerds, Pick-up-Artists und Väterrechtler.

Rasender Rückschritt

Und das Phänomen ist nicht auf die westliche Welt beschränkt. Der Kampf gegen frauenpolitische Errungenschaften zeichnet Machthaber wie den russischen Präsidenten Wladimir Putin oder den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan genauso aus wie patriarchale Männerbewegungen in allen Erdteilen, seien sie nun islamistisch, christlich-fundamentalistisch oder säkular-nationalistisch. So spinnefeind sie sich von ihrer Rhetorik her auch sein mögen, wenn es gegen die Freiheit der Frauen geht, herrscht Einigkeit. Unter einem Schlagwort wie „White Sharia“ können sich ganz unironisch auch amerikanische Neonazis wiederfinden.

100 Jahre Frauenwahlrecht

1918, vor einhundert Jahren, durften in Deutschland Frauen das erste Mal an die Wahlurne treten. Grund genug für die Freitag-Redaktion, zum Internationalen Frauentag die Hälfte dieser Ausgabe der Hälfte der Menschheit zu widmen: Frauen. Eine Ausgabe, die das Jubiläum von 100 Jahren Frauenwahlrecht zum Anlass nimmt, um sowohl an den Kampf von Frauen- und Wahlrechtlerinnen in Deutschland, England und der Schweiz zu erinnern als auch den Blick über die Historie hinaus zu weiten. Wir rücken den Druck, dem Frauen heute ausgesetzt sind, in den Fokus:

Wie sie es auch anstellen, irgendetwas daran ist immer falsch. Warum? Weil es kein eindeutiges Frauenbild gibt, so wie noch vor einigen Jahrzehnten? Dafür gibt es jede Menge vorherrschende, meist eindimensionale Zuschreibungen: Weibchen mit Kernkompetenz für Kinder, Küche, Vorgarten. Oder machthungrige Karrierefrauen, denen feminine Eigenschaften abhandengekommen sind.

Haben Frauen eine andere Wahl? Dürfen sie einfach so sein, wie sie nun mal sind: stark, schwach, Mutter, kinderlos, Chefin, Hausfrau? So unterschiedlich also wie das Leben selbst? Und eine Wahl jenseits der fakultativ-obligatorischen Möglichkeit, über den Bundestag, ein Kommunal- oder Landesparlament mitzuentscheiden?

Lesen Sie selbst!

Wie ist das möglich? Spätestens seit der Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen 1995 im chinesischen Beijing erschien die Gleichstellung von Frauen und Männern auch im globalen Maßstab ein akzeptiertes Ziel zu sein. Frauenförderung, Gleichstellungsgesetze, Gender-Mainstreaming-Programme waren nur noch administrative Maßnahmen, die in der Realität umsetzen sollten, was theoretisch bereits geklärt war. Das Bekenntnis zu mehr „Frauenrechten“ war eine Zeit lang allgegenwärtig. Umso erstaunlicher, wie schnell jetzt der Umschwung von emanzipatorischer Gleichstellungsrhetorik hin zu offenem Sexismus vonstatten ging. Wie schnell das vermeintlich Unsägliche sagbar wurde.

Warnsignale hatte es allerdings gegeben. Zum Beispiel in den Erwiderungen und Rechtfertigungen, die Feministinnen regelmäßig zu hören bekamen, wenn sie die Männerdominanz im öffentlichen Raum kritisierten. Dort hieß es meistens, den Verantwortlichen seien bei der Planung von Podien, Kommissionen oder Preisträgern leider keine Frauen eingefallen. Oder die Frauen, die man gefragt habe, hätten nicht gewollt. Und überhaupt: Ist Geschlecht als Kategorie nicht längst überholt? Ist es nicht ungerecht, ja geradezu sexistisch, einen Mann aufgrund seines Geschlechts nicht einzuladen, bloß weil auf dem Podium schon drei andere Männer sitzen und keine Frau? Sind Männer denn nicht eigentlich die wahren Opfer? Die Argumentationskette, die vom „Postgender“-Denken zum rechtspopulistischen Antifeminismus führt, ist kurz und direkt.

Neurechter Antifeminismus steht aber nicht für ein einfaches „Zurück ins Mittelalter“, er will nicht die Zeit zurückdrehen. Sondern es geht um eine Neuerfindung des Patriarchats für die heutige Zeit, unter den Bedingungen der Emanzipation gewissermaßen. Schon 1974 warnte die italienische Feministin Carla Lonzi vor dieser Dynamik, als sie schrieb: „Die Gleichheit der Geschlechter ist heute das Gewand, mit dem sich die Unterordnung der Frau tarnt.“ Die Rechtsnationalisten tragen die Emanzipation wie ein Banner vor sich her. Wenn sie rassistisch sind, dann im Namen der sexuellen Selbstbestimmung der weißen Frau, die vom „schwarze wilden Mann“ bedroht ist – ein seit kolonialistischen Zeiten etabliertes Narrativ westlicher Gesellschaften. Auch die traditionellen Geschlechterkonzepte propagieren die Rechten ganz im Namen der Emanzipation, die moderne Frau entscheidet sich ja aus freien Stücken dafür, für die Familie beruflich kürzerzutreten und den Apfelkuchen selbst zu backen!

Da ist es kein Wunder, dass Frauen eine wichtige Rolle in rechtsextremen Parteien spielen – ob in der AfD, bei den polnischen Nationalkonservativen, beim Front National in Frankreich. Auch als Rednerinnen bei Männerrechtskongressen oder Wortführerinnen christlicher Fundamentalismen sind Frauen aktiv und gern gesehen.

Und zugegebenermaßen ist an ihren Erzählungen auch etwas Wahres dran: Der neoliberale Umbau der Wirtschaft seit den 1990er Jahren hat tatsächlich ganz skrupellos feministische Argumente instrumentalisiert, um die weibliche Arbeitskraft dem Kapital verfügbar zu machen. Es ist ein reales Versäumnis der staatlich administrierten Gleichstellungsarbeit gewesen, die problematischen Aspekte dieser Entwicklung nicht laut genug kritisiert zu haben. Im Gegenteil: Nicht wenige Frauenbeauftragte haben in Reden dafür geworben, mehr Frauen in Aufsichtsräte zu bringen, damit die Wirtschaft noch mehr brummt!

Heute sind zwar ein paar mehr Frauen in Aufsichtsräten, aber unzählige Frauen führen auf der anderen Seite des Wirtschaftsspektrums ein Leben hart am Limit. Erwerbsarbeit und Familienarbeit sind eben unter den gegebenen Bedingungen nur mit großer Selbstausbeutung zu vereinbaren. Logischerwiese sind manche dieser Frauen dann auch für eine rechtspopulistische Rhetorik empfänglich, die ihnen ein schönes und geruhsames Leben im Heim und am Herd verspricht – eine Propaganda, die übrigens ganz ähnlich auch in konservativ-islamistischen Gruppen funktioniert.

Die Revolte ist weiblich

Die meisten Feministinnen dachten allerdings schon immer weiter als bloß bis zur Gleichheit mit den Männern. Sie stellten die Systemfrage. Sie pochen darauf, dass es kein sinnvolles politisches Ziel ist, Frauen und Männer innerhalb einer strukturell ungerechten Welt gleichzustellen. Sie weisen darauf hin, dass der Abstand zwischen Reichen und Armen nicht weniger schlimm wird, wenn sich beides fifty-fifty zwischen Frauen und Männern verteilt, und dass die Abwertung von Care-Arbeit immer Schaden anrichtet, auch wenn mehr Männer sie erledigen. Und diesen Feministinnen ist natürlich auch klar, dass eine Frau als Präsidentin nichts bringt, wenn sie nur ihren männlichen Vorgängern nacheifert. Mit Hillary Clinton als Spitzenkandidatin machte das Projekt „Gleichstellung“ nicht deshalb schlapp, weil sie nicht gewählt wurde – eine Niederlage ist bei politischen Kämpfen immer möglich. Nein, das Projekt machte schlapp, weil Clinton keine radikalen Visionen hatte. Nicht einmal Feministinnen waren von ihr begeistert.

Die amerikanische Präsidentschaftswahl war insofern ein doppelter Wendepunkt: In ihr wurde nicht nur klar, dass die Freiheit der Frauen keine Naturnotwendigkeit ist, sondern ständig in Gefahr steht, beschnitten zu werden, dass alle Errungenschaften nur erhalten werden, wenn sie im gesellschaftlichen Leben verankert und konsequent gegen Angriffe verteidigt werden. Es wurde gleichzeitig klar, dass die Frauenbewegung wieder radikaler werden muss, dass der bloße Wunsch, bei der Politik der Männer mitmachen zu wollen, heute wirklich nicht mehr ausreicht. Feminismus ist nicht bloß für das Verhältnis der Geschlechter zuständig, sondern für die Welt insgesamt. Denn in einer unfreien Welt können auch die Frauen nicht frei sein.

Ein uralter Slogan der Frauenbewegung lautet ja: Wir wollen kein größeres Stück vom Kuchen, wir wollen einen anderen Kuchen. Dieses Versprechen, einen anderen Kuchen backen zu wollen, ist das, was am Feminismus attraktiv ist, nicht nur Frauen. Es ist ja kein Zufall, dass es überall auf der Welt feministische Initiativen sind, unter deren Banner sich heute der Protest und der Widerstand gegen Rechtsruck und Nationalismus formieren. Von den Czarny-Protesten in Polen zu den Women’s Marches in den USA, von den Massendemonstrationen in Istanbul über die Pussy Riots in Moskau bis zu den aktuellen Protesten in Iran: Die Frauenbewegung ist die einzige international vernetzte politische Bewegung, der man zurzeit die Kraft zutrauen kann, dass sie eine Alternative zu bieten hat. Nicht nur zu den Rechten, sondern auch zum „Weiter-so“ des bürgerlich-kapitalistischen Durchwurschtelns.

Die Rechten haben das bereits verstanden, die Linken lernen es gerade noch. Der amerikanische Filmproduzent Harvey Weinstein hat als einer der Ersten zu spüren bekommen, dass man sich keine sexistischen Allüren mehr erlauben darf, wenn man im links-liberalen Milieu eine Rolle spielen möchte. „Grab them by the pussy“ (Trump) ist eine Weltanschauung der Rechten, wer links sein will, muss heute feministisch sein.

Politische Zugehörigkeit entscheidet sich an der Haltung zur weiblichen Freiheit. Es ist nicht mehr so, dass die Frauenbewegung ein Teil der Linken ist. Sondern es ist andersherum: Die Linke ist ein Teil der Frauenbewegung. Oder sie ist out.

06:00 08.03.2018
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