interfilm mit 60 Themenprogrammen

Kurzfilmfestival Wider die Eindimensionalität der Wahrnehmung wäre eine Art Multiblick wünschenswert.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mit acht bis zehn unterschiedlichen Aspekten lassen sich Fachgebiete und Lebenskomplexitäten vielseitig beleuchten. Wider die Eindimensionalität der Wahrnehmung, die heute gesellschaftlich leider dominiert, wäre also eine Art Multiblick wünschenswert, der Widersprüche und Probleme rund um einen Sachverhalt divers in Augenschein nimmt.

Überträgt man dies auf das Genre Film, entspricht der Langfilm ehr der Eindimensionalität denn der Vielheit. Denn in der Regel behandelt ein Langfilm ein Thema narrativ anhand einer einzigen Geschichte. Das mag in die Tiefe gehen, mag spannend sein und auch erhellend, wird aber womöglich der Komplexität der Welt nicht ganz gerecht. Cineastische Beliebigkeit wie das in den Sozialen Medien erlebbare Filmschnipsel-Bombardement freilich dürfte kein kluges Gegenmittel sein, die Welt komplex zu vermitteln. Bliebe die klug kuratierte Schau unterschiedlicher Themenaspekte in einer dem Langfilm anverwandten Wahrnehmungseinheit und also ein Kurzfilmprogramm, das durch eine Vielheit von Aspekten ein Thema auf den Punkt bringt.

Kurzum: Mit acht bis zehn Kurzfilmen lassen sich Themen in einem Kurzfilmprogramm vielfältig beleuchten. Da ist dann zum Einstieg inhaltlich Inspirierendes, dann Kurzspielfilm, Dokumentarisches, Animation und Experimentalfilm, um am Ende nach einem womöglich absurden Fanal psychisch komplexe Erkenntnisse zu welchem Thema auch immer zu erwirken: Das interfilm Festival nun bietet vom 5. bis 10. November 2019 in 60 thematischen Kurzfilmprogrammen einen umfassenden Eindruck über globale Wirklichkeiten und menschliche Möglichkeiten.

Die 90-Minüter sind pointiert dramaturgisiert und selbst die Wettbewerbe sind thematische Fundgruben und nicht durchnumeriert, wie das oft bei anderen Festivals der Fall ist. Liebesfilme sind traditionsgemäß ein Programm im Internationalen Wettbewerb. Dort finden sich auch soziale Belange und Programme über Absurdes, über Konfrontationen und Powerfrauen.

Die drei Programme des Deutschen Wettbewerbs sind betitelt mit Körper, Geist und Seele, der Umweltfilmwettbewerb beobachtet den Menschen als Biest und im Fokus auf Spanien, dem diesjährigen Länderschwerpunkt versammelt das Klassikerprogramm die spanische Filmleidenschaft der letzten Jahre.

Darüberhinaus blicken 15 Spezialprogramme auf Berliner Lebenswelten, folgen aufmüpfigen jungen Menschen, zeigen arabische Kultur, Fahrraderlebnisse, filmische Experimente und Musikvideos. Bei "Body Talk" wird getanzt, "Queer Fever" beglückt Schwule und Lesben und „Sci-Fi Shorts“ hinterfragt die Tendenzen rund um die Künstliche Intelligenz. Bei "Nightmares" spielt Matt Dillon unter der Regie des Kultregisseurs Yorgos Lanthimos einen Musiker, der von einer mystischen Frau bedrängt wird.

Die 450 gezeigten Kurzfilme sind in den fünf Festivaltagen nicht nur programmatisch verteilt, sondern auch als Großereignis erlebbar: Bei "Sound & Vision" werden knapp ein Dutzend Kurzfilme von knapp einem Dutzend von Musikern live vertont, bei Eject wird der schrägste Festivalfilm durch Luftballonaktionen ermittelt und im Zeiss Grossplanetarium trägt man 3D-Brlille, schaut interaktiv und in 360 Grad.

interfilm.de

11:09 13.10.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare