Krieg nen Oscar, so gehts

Oscar-Entscheid Am Sonntag ist die große Nacht der Bekanntgabe der Oscars 2020. - So funktioniert die Preisvergabe.
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Über 90 Langfilme hatten in der Kategorie „Internationaler Spielfilm“ für die diesjährige Oscar-Verleihung Aussicht, auf die Liste der zehn Vornominierungen (Shortlist) zu gelangen, wovon wiederum fünf nominiert wurden und einer gewinnt. In anderen Kategorien lag die Quote ähnlich, beim „Animated Short Film“ waren es auch über 90, beim „Live Action Short Film“ stolze 191.

Sind nun aber 90 Filme pro Kategorie viel!? Die Berlinale hat kategorienübergreifend 8000 Lang- und Kurzfilme zu bewältigen, bei interfilm, Berlins größtem Kurzfilmfestival, sind es 6000 Kurzfilme. Die relativ geringe Zahl der Vorauswahl vor allem bei bei den Langfilmen wird in Hollywood durch das Reglement bestimmt: Die Filme müssen vor dem Ende der Einreichfrist in Los Angeles im Kino gelaufen sein. Zusätzlich darf jedes Land einen im Land produzierten Film zur Nominierung vorschlagen.

Bei den Kurzfilmen gelten zusätzlich Preisgewinne bei Festivals: 115 Festivals weltweit werden berücksichtigt. Seit 2018 ist auch interfilm dabei. Gewinnerfilme im Internationalen Wettbewerb in den Kategorien „Best Film“ und „Best Animation“ geraten auf die entsprechende Longlist. Rund 30 Prozent der „Oscar qualifying festivals“ freilich finden in den USA statt. Und so ist es nicht erstaunlich, dass stets viele US-Werke ins Rennen gehen und regelmäßig Kurz- und Langfilme von Pixar nominiert werden, auch weil sie in US-Kinos liefen.

In der Vorauswahlphase schlagen die Akademiemitglieder ihre zehn persönlichen Favoriten z.B. in der Kategorie „Bester Film“ vor, ohne alle in Frage kommenden Filme gesehen haben zu müssen. Wählende müssen aber in der nächsten Runde alle zehn Filme der Vorauswahl ihrer Kategorie kennen, damit die Stimmzettel gültig sind. Zusätzlich schlagen Mitglieder fünf Filme bzw. Personen im eigenen Akademiezweig zur Nominierung vor, d.h. Regisseure wählen Regisseure, Schauspieler wählen Schauspieler usw..

Ausnahmen gibt es bei Spezialpreisen wie „Makeup & Hairstyling“ oder „Visual Effects“. Da genügt die Begutachtung von Ausschnitten. Wie viele Personen pro Kategorie entscheiden, ist nicht bekannt. Der potenzielle Personenkreis freilich ist groß, denn die Academy of Motion Picture Arts and Sciences hat über 8000 Mitglieder.

Die über 8000 Mitglieder der mit 300 Mitarbeitern ehrenamtlich operierenden Academy werden also jährlich ermuntert, sich für eine der neun Kategorien zu begeistern. Die Oscar-Filmwahl erfolgt freiwillig und ohne Vergütung. Aus Deutschland sind u.a. Fatih Akin und Daniel Brühl im Team.

Mitglied der Academy kann man nur durch Einladung werden. Die Ehre erhalten Persönlichkeiten, die oscarnominiert waren oder sich in besonderer Weise für die Filmkunst einsetzten und von zwei Mitgliedern vorgeschlagen werden. Die Akademie vereint 14 verschiedene Berufsfelder: Schauspieler, Ausstatter, Kameraleute, Regisseure usw.. Sie bemüht sich um Geheimhaltung der Namen ihrer Mitglieder. Da die Mitgliedschaft auf Lebenszeit gilt, liegt das Durchschnittsalter laut einer Erhebung von 2016 bei 62 Jahren.

Bei den Oscars werden Filme prämiert, die bereits prominent sind, wohingegen die meisten Filmfestivals weltweit Filme erst entdecken und bekannt machen wollen und oft auf Premierenstatus bestehen. In hohem Maße wird bei den Oscars also das Beste des bereits Erfolgreichen gewürdigt.

Erstaunlich ist, dass die Filme möglichst nur im Kino angeschaut werden sollen. Mitglieder freilich können die Filme bereits im Vorjahr im Kino gesehen haben, denn die Werke waren ja bereits auf Tour. Filmfestivals weltweit sind demgegenüber ziemlich glücklich, dass man heute Filme in HD auch wunderbar groß in Kinoäquivalenz begutachten kann. Einst, im Zeitalter von DVD, und noch früher, in der anstrengenden VHS-Ära (man musste die Kassetten nach dem Sichten zurückspulen), hatte die Academy darauf bestanden, nur das 35mm-Kino-Format anzunehmen. Hut ab also, die Helden der Sichtung fürs Kino zu begeistern!

Bei der Gründung der Academy im Jahr 1927 war das Kino in der Krise. Hollywood hatte wirtschaftliche Probleme und die Erfindung des Radios bewirkte Besucherschwund. 33 Studioleiter (die Erstmitglieder), gerne Studiobosse genannt, erschufen die Organisation der Filmschaffenden auch ganz pragmatisch vor dem Hintergrund gewerkschaftlicher Bewegungen unter Schauspielern. Die Academy sollte eine zentrale Steuerung der Interessen der Filmschaffenden gewährleisten und als Schlichtungsgremium zwischen den kreativen Kräften des Filmemachens und den Studios verhindern, dass sich auch gut bezahlte Stars organisierten. 1929 wurde der Oscar erstmals vergeben, die Kategorien Bester Kurzfilm und Beste Animation bis 40 Minuten gibt es seit 1932.

Der Verleih von interfilm Berlin zeigt die Nominierten 2020 der Kategorien „Live Action Short Film“ und „Animated Short Film“ übrigens bundesweit in über 20 Kinos! - Link - #Nixwiehin!

Und jetzt Vorhang auf für den aktuell in der Kategorie „Live Action Short Film“ nominierten Kurzfilm NEFTA FOOTBALL CLUB von Yves Piat aus Frankreich: Zwei Brüder stoßen in der Wüste auf einen Esel. Seltsamerweise trägt das Tier Kopfhörer und es hat mysteriösen Inhalt im Gepäck.

Der Film lief 2019 auch bei interfilm-KUKI, dem 12. Internationalen Kurzfilmfestival für Kinder und Jugendliche Berlin im Wettbewerbsprogramm für Jugendliche ab 12 Jahren - Link
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10:43 06.02.2020
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