Tabula Rasa zwischen Welt und Phantasma

interfilm Festival Wird man durch zu viel Kurzfilm verrückt!?
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Kurzfilme stehen zurecht unter Witzverdacht, denn in wenigen Minuten Erzählzeit lassen sich Plots mit einer Portion gesunder Fantasie ins wunderbar Absurde steigern. Da beim interfilm Festival vom 5. bis 10. November in 10 Berliner Kinos über 400 Filme ins Rennen gehen, sei aus interner Sicht auf ein paar inhaltliche Extreme verwiesen und die Frage gestellt, ob man durch zu viel Kurzfilm verrückt wird.

Es kommen schon mal Kollegen schreiend aus dem Sichtungsraum und stammeln wie kopflose Hühner über die Inhalte, die sie grade sahen. Um die Sichter der 6000 Einreichungen bei der Bewältigung all der narrativen Hochleistungsversuche zu schützen, wird in Teams geschaut und aus therapeutischen Gründen landen die Essenzen des Erlebten in der Datenbank.

Da steht dann: Bruder mutiert zu Banane, Frau verkauft ihre Muttermilch, Schlächterin rettet Kuh und will mit ihr Bus fahren, an der Tanke gibt´s Benzin umsonst, wenn du das Wrestling gewinnst, Arbeitsalltag führt zu ekstatischem Massenselbstmord, Frau wird von Zeitung verschluckt, auf der Erde wird die Luft knapp. Und auch das: Film ergibt keinen Sinn, sollte aber dennoch laufen.

Festivalbesuchern würde schummrig werden, wenn diese Inhalte nicht dramaturgisch gereiht und in den über 60 Programmen thematisch sortiert wären. Andererseits darf dem Besucher schummrig werden, denn die Filme sind unmittelbare Weltabbildung: sie spiegeln jene Komplexität, die bekanntermaßen (Adorno) nur schwer zu durchdringen ist.

Es geht ums Leben: Warum ist der Sex unter Menschen so kompliziert, wo es doch beim Lachs trotz starker Wasserströmung so gut klapp? Die Antwort liefert „The Salmon“ im Internationalen Wettbewerb 3. Dort auch der Typ, der die Nachbarin gegenüber filmt und ihre Geräusche mit viel Geschick vertont. Ein Programm weiter rettet ein echter Ritter eine Influencerin vor dem Drachen. Desweiteren entdeckt eine Frau einen Fluss mit Jungbrunnenfunktion. Sie wird jung und prompt kommt ein Verehrer des Wegs. Ihr Mann ahmt ihr nach und wird als Baby das neue Familienmitglied (Tempus Fugit).

Animationen sind Fantasiebeschleuniger, sie können die Erzählhorizonte des Spielfilms noch toppen. Nicht nur der Dokumentarfilmwettbewerb und der Fokus auf Spanien bieten reine Animationsprogramme, geballt finden sie sich auch bei Eject, der langen Nacht des abwegigen Films. Mit Penissen im Weltall, Murmeltier-Splatter, Menstruationsblut und dem rückwärts laufenden Panda im Berliner Zoo.

Was ist das Gegenteil von Waffe? Bei „Opposites Game“ gerne mitdenken! Mit Blick auf die Künstliche Existenz kann man im Sci-Fi-Programm Sex mit willigen Klonen erleben. Da wird auch die Frage, ob Alexa töten kann, beantwortet - mit Ja. Und es wird von der Schwierigkeit erzählt, im Krankenhaus besserwisserischen Robotern zu entkommen. Bleibt der Chapta-Bilder-Test für Maschinenmenschen: Wenn sie den nicht bestehen, dann lieber umbringen!

Auch im Programm „Reality Bites“ steht die Wirklichkeit Kopf. Es gibt Stierkampf im Schaumbad, unter den Niagarafällen entdeckte Luxuswohnungen und einen jungen Mann, der Plastiktüten über alles liebt. Der „Biss der Realität“ im Kurzfilm kann also durchaus und gerne in den Wahnsinn treiben: Der Kurzfilm ist ein gutes Mittel, den Wahnsinn der Welt zu bewältigen.

Handy-Ekstasen finden sich zahlreich und Kommunikation scheint global ein Problem zu sein. Auch Arbeit wird sektionsübergreifend dramatisiert: Wer den niedrigsten Lohn akzeptiert, bekommt den Job (May Day). Ein Betriebsausflug in die Sauna führt zur Flucht eines Nackten (Vihta) und eine Berliner Polizistin deckt die Entführung eines fiesen Politikers (ReVolvo). Alltag und Konfrontation sind wesentliche Grundparameter des Festivals. Einer der spannendsten Thriller ist das Roadmovie „Détours“ über die Killerinstinkte nach einem Bagatellunfall.

Leute mit sexueller Extremlust werden übrigens bei „Nightmares“ glücklich: da will sich Einer zur Erregung von Tieren beißen lassen. Und auch der Umweltfilmwettbewerb bietet Fantasiekapriolen: Eine neue App saugt das globale Hirnwissen ins All, es ereignet sich eine Flucht aus der Zukunft ins Heute und man kann lernen, Plastikflaschen aus dem Meer lecker zu braten. Die letzten drei Werke sind auch im Online Wettbewerb EYES WIDE OPEN auf der Seite interfilm.de zu sehen - und zu bewerten.

interfilm Festival Website

Und hier die schräge Animation ANIMALS aus Dänemark, die beim interfilm Festival bei "Eject, der langen Nacht des abwegigen Films" im großen Saal der Volksbühne läuft. Es geht um eskalierendes Verhalten in der U-Bahn:

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10:35 09.11.2019
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