Das Fiasko

Interviewversuch Unsere Autorin wollte einen bekannten Berliner Schauspieler über sein neues Buch interviewen. Das ging schief, weil so etwas eigentlich nur schief gehen kann

Nichts ist mir an meiner Journalistentätigkeit verhasster als das Führen von Interviews. Es wird immer das Gleiche gesagt, und hinterher muss der Journalist unter Anwendung von stundenlanger Textkosmetik den Eindruck erzwingen, es sei etwas Neues, Besonderes, ganz und gar Ungezwungenes und Persönliches gesagt worden. Aber nein, es bleibt naturgemäß immer das Gleiche, und man könnte diese Interviews tatsächlich niederschreiben, ohne sie jemals geführt zu haben; es liegt an der Unwürdigkeit und Ausgemachtheit der Interviewsituationen.

Trotzdem nötigt man sich gegenseitig wieder und wieder in diese unpassenden Gesprächscorsagen hinein, die jede Natürlichkeit abschnüren. So war es auch am vergangenen Freitag. Ein bekannter Berliner Schauspieler hatte ein Kinderbuch geschrieben, deswegen wurden Journalisten zum Gespräch eingeladen, damit sie mit ihm darüber reden und es dann in ihre Zeitung reinschreiben und andere davon lesen machen, die dieses Buch dann vielleicht kaufen. Solche Pressetermine an sich sind schon eine abstoßende Angelegenheit, da es sich im Grunde ja um nichts anderes handelt als um ein Verkaufsgespräch.

Der PR-Mensch

In diesem Fall handelte es sich aber um ein Verkaufsgespräch, das unter den allerschlechtesten Bedingungen geführt wurde, so dass ich mich zu Beginn des Gespräches mit dem Gedanken trug, schreiend aus dem Raum zu rennen, zu fliehen vor diesen gesprächsunwürdigen Bedingungen. Ich bin überzeugt, dass ich mit meinem Fluchtwunsch, den ich insgeheim hegte, nicht allein war.

Das Interview sollte 20 Minuten dauern, so wurde von der Presseagentur im Vorfeld verkündet, an sich eine Unmöglichkeit, die noch unmöglicher wurde, da ich diese 20 Minuten Gesprächszeit mit einem fremden Journalisten teilen musste, wie die Presseagentur ebenfalls verfügte. Schon zu diesem Zeitpunkt war mir das Ausmaß der bevorstehenden Irrsinnigkeit bewusst, und ich fragte mich, wie man ein Verkaufsgespräch unter derart schlechten Bedingungen laufen lassen kann, wenn man doch etwas zu verkaufen hat, wobei allerdings allein diese primitive Verkaufsabsicht für den Journalisten schon Grund genug sein sollte, sich vollständig zu verweigern.

Ich betrat dennoch den Raum, und sah, dass dem bekannten Schauspieler ein großer Mann beigesetzt war, der sich als PR-Mensch vorstellte. Vermutlich war er da, um den Schauspieler im Ernstfall verteidigen zu können. Ich bedauerte in diesem Moment sehr, dass der Schauspieler einen solchen Beschützer, einen Wachmann ja eigentlich, benötigte — ich bedauerte aufrichtig, denn die Presse hatte in der Vergangenheit so entsetzlich entwürdigende Dinge über diesen Schauspieler geschrieben, Dinge, die es sich absolut nicht gehört zu schreiben. Ich musste mich beim Anblick des Wachmanns für die Presse stellvertretend schämen, und ich fühlte mich gleichsam unter einen negativen Pressegeneralverdacht gestellt.

Wörtertreiber

Neben mir saß der fremde Journalist, freundlich und wie ich etwas verschüchtert wirkend. Zusammen saßen wir auf der Seite der Pressepartei, auf der anderen Seite des Tisches waren der Schauspieler und der über die Situation wachende PR-Mensch positioniert. Die Fronten waren also geklärt, und ich fragte mich ein weiteres Mal, wie man auf diese Weise ein Gespräch stattfinden lassen kann.

Ich war aber gezwungen, ein gutes und ein interessantes Interview bei meiner arbeitgebenden Zeitung abzuliefern, was mir nun immer aussichtsloser erschien. Es entstand zunächst eine peinliche Pause, die sich angesichts der fortschreitenden Zeit niemand am Tisch leisten konnte, in der sich jeder erst einmal räusperte und dann irgendetwas Daliegendes mit den Händen bewegte, bis der fremde und an sich freundliche Journalist mich zum Anfangen nötigte, indem er allen Ernstes "Ladys first" sagte, darüber auch noch lachte, so dass eine noch peinlichere Pause entstand, in der alle im Raum Anwesenden mich ansahen. Ich begann mit einer unglaublich langweiligen und belanglosen Frage, die niemanden auf der Welt interessieren kann.

Ich schämte mich sogleich für diese Frage, für mich, ja für die ganze Pressepartei, und dann auch für die Antwort des Schauspielers schämte ich mich, aber was blieb uns anderes übrig, als dieses Gespräch endlich aufzunehmen, die Zeit rannte ja davon, wofür ich, offen gestanden, nun auch ein bisschen dankbar war.

Der Schauspieler begann mit der ersten Frage das Reden. Er produzierte einen konfektionierten Antwortsatz nach dem Anderen, er trieb die Wörter vor sich her, ganz so, wie er es von sich hören wollte, und er hätte wohl auch weiter produzieren können, wenn nicht der fremde Journalist sich eingeschaltet hätte. Jener wollte Tiefe in das Gespräch bringen und fragte nach einem gesellschaftsrelevanten Thema: nach der zunehmenden Jugendgewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Schauspieler guckte irritiert, fast traurig, vermutlich, weil es nicht um sein Buch ging, und zimmerte dann einen vollkommen beliebigen Antwortsatz zusammen, der sperrig, unfertig und deprimierend im Raum stehen blieb.

Der Journalist ist ja nicht der einzige, der einen Schauspieler nach gesellschaftsrelevanten Themen glaubt fragen zu müssen, wieder und wieder werden Schauspieler und alle möglichen Presse-Exponierten von Journalisten auf deren Suche nach ein wenig Relevanz über gesellschaftsrelevante Themen befragt. Dabei sind doch gerade die Schauspieler oft diejenigen, die dazu am allerwenigsten zu sagen haben, eben da sie nicht in der Gesellschaft leben, sondern exponiert sind.

Nichts Böses


Entsprechend werden prominente Mütter mit acht Kindermädchen immer wieder dazu genötigt, Sprachrohre berufstätiger Mütter zu werden, und mitunter sind die prominenten Mütter auch tatsächlich dazu bereit, wodurch Mal für Mal das Nichts, das irrsinnige Nichts in den Zeitungen, im Internet, ja überall vergrößert wird. Ich fragte mich an dem Gesprächstisch sitzend, wie der Schauspieler etwas zur Jugendgewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln sagen soll, wo er die öffentlichen Verkehrsmittel doch vermutlich niemals benutzt.

Während die Zeit unaufhaltsam lief, bedauerte ich den pressetraumatisierten Schauspieler für die Relevanz, die er aus sich herauszupressen gezwungen wurde, schließlich tropften seine Worte nur noch vor sich hin, wobei er von uns, der Pressepartei, nickend begleitet wurde. Es war, als wohnten wir einer Geburt bei, als hofften wir die ganze Zeit über nur inständigst, dass dieser Schauspieler uns einen zeitungsrelvanten Satz gebären würde, was er aber nicht mit einer Silbe tat, bis er endlich verstummte.

Zwar wollte ich nach wie vor schreiend den Raum verlassen, doch holte ich tief Luft, um zur Rettung eine Frage an den Schauspieler zu richten. Vorsichtig und leise, immer in der Angst, sein Zeitungstrauma wachzurufen, fragte ich nach einer Sache, die eine Figur in seinem Kinderbuch betraf, woraufhin er über den Tisch knurrend suggerierte, dass es ihm nicht behage, wenn man ihm eine bestimmte Absicht unterstelle. Er habe ein Buch geschrieben, mehr nicht, es handele sich um Kunst, die keiner Erklärung bedürfe, und ich verstand, dass ich trotz größter Vorsicht das Zeitungstrauma, diesen schlafenden Hund in ihm, geweckt hatte. Er sah mich für einen kurzen Augenblick an, als verkörpere ich die ganze niederträchtige Presselandschaft, die ihm durchweg und ausschließlich Böses will.

Wenige Minuten vor dem Ende dieses Gespräches, das niemals begonnen hatte, drohte sich der negative Pressegeneralverdacht also zu erhärten und die Situation zu eskalieren. Der Schauspieler schien mir zu unterstellen, ich wolle sein öffentliches Privatleben und die daraus hervorgehende Kunst in einem selbstverständlich negativen Licht erscheinen lassen, was niemals meine Absicht war und mich nun so vollkommen verstörte, dass ein Gespräch für einen Moment endgültig ausgeschlossen war.

Doch dieser kurze Moment der Feindschaft ging vorüber, wir trugen das unmögliche Gespräch zu Ende, wir lachten sogar, waren nett und gleich fertig und es kam dabei selbstverständlich nichts Neues, Besonderes, oder gar Ungezwungenes heraus, sondern wie immer das Gleiche, ein Fiasko nämlich, das auch stundenlange Textkosmetik nicht übertünchen kann.






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18:00 10.10.2009
Geschrieben von

Antonia Baum

Autorin
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Ausgabe 41/2021

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