Eine Katze domestizieren

Literatur Muss man sich die Welt gefallen lassen? Nein! Eine Leseprobe aus dem Debütroman "Vollkommen leblos, bestenfalls tot" von Antonia Baum

Heute Morgen schrieb Sue, sie wolle soundsoviele Texte (Ausstellung, Buch, Anti-Wrinkle, ethisch korrekte Pelzmäntel etc.), alles wie immer, bis heute Abend, und dann bitte dem CvD schicken. Außerdem sollte ich für Irene ein Regisseurs-Interview abtippen und fertigmachen, das sie geführt hatte, so und so solle ich es machen und dann bitte dem CvD schicken, alles bis heute Abend, ich nickte und fing an und machte. Der Relaunch, wir beteten, wir arbeiteten, es war Nachmittag, und da saß ich. Mein Kopf ging mit mir über den weißen Flur, aus dem ich nicht mehr rauskam, dachte ich, vor meinem Rechner sitzend, meine Finger tippten, ich sah ihnen dabei zu und lief zitternd, während ich ständig lachen musste. Ich wollte mich beruhigen und ging auf die Toilette, wo ich meinen Kopf unter kaltes Wasser hielt und den Spiegel ein paar Mal umdrehte.

Ich saß dann wieder an meinem Platz, in der Zwischenzeit hatte ich etwa 390 E-Mails erhalten, die ich alle löschte, wieder aus dem Papierkorb holte, wieder löschte und wieder aus dem Papierkorb holte. Schließlich schickte ich sie allesamt über den Redaktionsverteiler und entschuldigte mich danach, ebenfalls über den Redaktionsverteiler. Mir ist schlecht, ich habe zu viele RSS-Feeds und Streams geschluckt, ich muss mich endlich auf das Wesentliche konzentrieren, dachte ich und setzte mich gerade hin. Ich entschied dann, dass ich nicht mit Patrick nach Los Angeles fliegen wollte. Ich schrieb ihm über Skype, dass ich Flugangst habe,

er schrieb, du musst keine Angst haben

ich schrieb, ich habe aber Angst

er schrieb, ich bin doch bei dir

ich schrieb, das ist ja das Problem

er schrieb, süße

ich schrieb, wir können nicht fliegen

er schrieb, zusammen schaffen wir das, ich habe jetzt aber keine Zeit

ich schrieb, ich muss gerelauncht werden

er schrieb ja, super, und dann fing ich an. Es war gegen vier, ich rüttelte an meinem Kopf, um reinzukommen. Es war dann schon fünf nach vier. Ich sah durch die Zeit, die flüssig, durchsichtig und gleich vor mir lag. Ich sah mich um und dachte, du musst fertig werden. Ich nahm die Pressemappen, aus welchen ich die Texte machen sollte. Ich schrieb die Texte fertig und schickte sie an Sue, die o.k. schrieb. Das Gleiche machte ich mit dem Interview für Irene, die auch o.k. schrieb. Ich saß da und überlegte. Die Ersten brachen schon auf, um 19:30 war die Tafel bestellt. Ich saß vor meinem Rechner und wurde dann ganz ruhig. Jedem, der fragte, ob ich mitkomme, sagte ich, ich müsse nur noch etwas erledigen, dann käme ich. Patrick sagte, bis später, Süße.

Ich nahm dann die Pressemappen, schrieb sie ohne eine Änderung ab und kürzte sie auf die gewünschte Länge, in regelmäßigen Abständen schrieb ich Nazi, SS, explodierte Kinder, oder Analsex mit Kindern in SS-Uniform rein. Die Letzten gingen, nacheinander wurden die grünen Skype-Lampen grau. Sven rief bis gleich durch die Gänge und es waren jetzt nur noch Sue und der CvD da. Ich saß eine Weile regungslos vor dem Bildschirm, aktualisierte im Sekundentakt mein Postfach bzw. die Bildschirmnachrichten und fing dann an, auch Irenes Regisseurs-Interview umzuschreiben. Aus bereits geführten Regisseurs- und Schauspieler-Interviews (ganz neue Herausforderung, künstlerische Entwicklung, einsame Berghütte, ich nahm so viele Drogen bis ich mich selbst abschleppte), aus diesen bereits bestehenden Interviews bastelte ich ein neues zusammen und weil es immer noch so klang wie vorher, schrieb ich auch hier in regelmäßigen Abständen SS, Nazi, explodierte Kinder, oder Analsex mit Kindern in SS-Uniform rein.

Der CvD kennt mich als schnelle, zuverlässige Mitarbeiterin. Ich sagte ihm, dass Sue und Irene die Texte freigegeben hätten. Weil er unter Zeitdruck war, einigten wir uns, dass ich die Texte in das Redaktionssystem einpflegen sollte. Er wollte dann später nur noch mal drüberschauen. Müsste alles in Ordnung sein, sagte ich und bis später. Es war 20.00 Uhr. Ich stellte die SS-Kinder-Analsex-Pressemitteilungen und das zusammengebastelte SS-Kinder-Analsex-Interview online, pflegte alles in das Redaktionssystem ein, kennzeichnete es als korrigiert und machte das Licht aus. Ich ging über den weißen Gang an Sues Zelle vorbei, die ich aus dem Augenwinkel unter ihrem Schreibtisch versinken sah. Wie ein schwarzes Laken floss sie zu Boden. Ich ging auf sie zu, beugte mich zu ihr herunter und biss ihr ein Stück Fleisch aus ihrer violett-wächsernen Wange, das ich auf ihre weiße Tastatur spuckte. Sie schrie, bedankte sich dann aber ganz herzlich und sagte: Puh, endlich mehr Freizeit! Sie wolle jetzt erst mal in eine Klinik fahren, um sich einer Schönheits-OP zu unterziehen. Eine Rundum­erneuerung, noch einmal von vorne anfangen. Ich sagte: Alles klar, bis dann, und ging nach draußen zu dem redaktionellen Tafel-Essen, wo ich noch immer sitze und darauf warte, dass der CvD die Analsex-mit-Kindern-in-SS-Uniform-Katastrophe meldet, because I really wanted to do something, das ist der Grund, denke ich, und danach will ich gehen.

Es gibt jetzt Nachtisch. Patrick, Sven, Schleichl, Marc und so weiter essen irgendwelche Parfaits, die mit speziellem Pfeffer und Erdbeeren garniert sind, mit molekularen, nein, atomaren … oh Gott, ich weiß es nicht, eine Atombombe, Svens Haut schlägt ja schon die ganze Zeit Blasen. Es gibt Schnaps. Immer wieder rennen ein paar auf die Toilette. Der Schleichl’sche Berg ist rot angelaufen, er will sich an Sven anschmiegen, der ihm den Rücken zukehrt und zwei Models, die ihm ihre anorektischen Ausschnitte hinhalten, von seinen existenziellen Erfahrungen damals als LSD-Konsument erzählt, die er „unter keinen Umständen missen will“. Jules sitzt neben Marc und erklärt ihm die Vorteile des Buddhismus, Marc sagt, er muss endlich mal raus hier, dann halten sie Händchen und als ich das nächste Mal hinsehe, küsst sie ihn völlig verdurstet. Michael links neben mir langweilt sich und versucht, eines der Models für sich zu begeistern.

Ich warte. Michael setzt sich in seiner Eigenschaft als Redaktions-Cineast mit schon ein bisschen grauen Haaren neben ein schönes Model, das vielleicht gerade zwölf geworden ist. Er redet expertenhaft, während sie ihre Haare wirft, und ich weiß nicht, welchen Film er sich gerade denkt, dass sie ihn spielen, aber irgendeiner ist es bestimmt, irgendeiner ist es immer, und ich gucke mir all das im Spiegel an, den ich zerschlagen will. Ich sehe, Irene trinkt allein, Chris rennt schon wieder aufs Klo, Jules küsst Marc, der Kellner bringt neuen Schnaps, jemand stellt sich mit einem Maschinengewehr vor die Tafel und schießt unsere Gehirne an die Wand. Ich warte auf die Katastrophe, nichts passiert. Ich zünde mir eine Zigarette an, es ist gleich zwölf, ich warte. Patrick sagt, Süße, das Rauchen steht dir nicht. Wir sitzen nebeneinander, er lächelt, wo es keinen Grund gibt und wieder einmal denke ich, dass ich nicht sagen kann, wer von uns beiden widerwärtiger ist. Er, weil er mich kleidet und hält wie sein stylisches Haustier, das er braucht, um schlafen zu können, um nicht alleine zu sein, um Sue zu zeigen, dass er nicht alleine ist, oder ich, die sich wie sein stylisches Haustier kleiden und halten lässt, weil … ich weiß es auch nicht. Der Kellner bringt Schnaps, immer wieder, ich nehme keinen. Ich warte. Patrick schlägt vor, dass wir gemeinsam eine Katze domestizieren. Er ist betrunken und hat einen schwachsinnig lächelnden Ausdruck im Gesicht.

Ich warte auf die SS-Kinder-Analsex-Katastrophe, sage ich und: Meinst du nicht, ein Hund wäre besser?

Nein, das macht zu viel Arbeit, sagt er. Ich zünde mir eine neue Zigarette an, er sagt, Süße, du musst unbedingt das Rauchen aufhören, das steht dir nicht.

Um eins oder später hängen die Anwesenden aneinander oder sind auf dem Klo, so geht es weiter, ich sehe Irene im Spiegel Schnaps trinken, inzwischen nicht mehr alleine, Julia sitzt neben ihr, Marc hat sein Interesse für sie und den Buddhismus verloren, er hat sich im Auftrag von Sven mit einem Model in ein Taxi gesetzt, um Kokain zu besorgen, ich sehe den Kellner im Spiegel die Gläser abräumen und neue Getränke bringen, so geht es weiter, nichts passiert, ich frage, ob irgendjemand wisse, wann der CvD kommt, ich sehe Irene und Julia die Achseln zucken und höre sie sich über die weiblichen Lebensprobleme von Sue und die Gefahren von Kokain unterhalten, die nicht zu unterschätzen seien, ich stehe auf und sehe mich auf rührende und natürlich lächerliche Weise von der Sue-Analsex-mit-Kindern-in-SS-Uniform-Katastrophe berichten, ich sehe Julia und Irene nicken, ich sehe Sven, der mir lächelnd zuprostet, ich sehe Patrick mit Schleichl das Relaunch-Gespräch wiederholen, der unentwegt zu Sven schielt, so geht es weiter, ich warte, es passiert nichts, Jules Kopf fällt auf den Tisch, Irene streichelt ihn, Patrick nimmt meine Hand, besinnungslos, die Augen nur noch halb geöffnet, weil voller Alkohol, ich reiße meine Hand weg, er fragt, ob wir zusammen auf die Toilette gehen wollen. Ich nehme meine Handtasche, wir stehen auf und betreten die Kabine. Wir stehen über dem Spülkasten, er schwankt und während er das Koks teilt, greife ich in meine Handtasche, in der ich das Steak-Messer versteckt habe, und ramme es mit voller Kraft in Patricks Unterbauch.

Antonia Baum (geb. 1984 in Borken) hat Geschichte und Literatur studiert. Schreibt unter anderem für den Freitag. Las 2011 auf Einladung von Hubert Winkels beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Vollkommen leblos, bestensfalls tot ist ihr Romandebüt. Das Buch ist seit dem 14. September im Handel

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12:55 15.09.2011
Geschrieben von

Antonia Baum

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