Hoffnung auf Ruhe

Bildung In Berlin hat die Humboldt-Universität eine spektakuläre Bibliothek eröffnet: Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum. Wir haben sie getestet

Zuhause war es laut und ich musste dringend meine Hausarbeit fertig schreiben. Also beschloss ich, erstmalig in die neue Bibliothek der Humboldt Universität zu gehen, das zu gehen, in der Hoffnung dort in Ruhe arbeiten zu können. Jeder redet von dieser unglaublichen Bibliothek, sie ist ein akademisches Ereignis und sie sollte mir helfen.

Es war 13:20, es regnete, ich rannte, meinen Laptop unter dem Arm, durch die Straßen. Zwischen dem Bahnhof Friedrichstraße und dem Hauptgebäude der Universität erhob sich die Bibliothek. Ein heller Gigant, der zusammen mit den anderen Steingiganten in jener Straßensituation eine monströse Schlucht macht, wobei der Bibiotheksgigant darin mit Abstand die meiste Macht hat. Herrschaftlich und perfekt, ein massiver, ästhetisch vollkommener Klotz vor dem ich, nein, unter dem ich stand und die Luft anhielt.

So stand ich also regungslos unter dem Giganten und bewunderte seine gegliederte Fassade aus schmalen Fenstern, die aus der Sandsteinfarbe streng auf mich herab blickten und bei deren Anblick mir "Nazi! Nazi! Nazi!" durch den Kopf schoss, wofür ich mich murmelnd mehrfach entschuldigte, bei wem auch immer. Ich bedauerte, was ich Schreckliches über dieses durch und durch in humanistischem Geist gebildete Gebäude gedacht hatte, ich fand das unverschämt gegenüber dem Architekten Max Dudler, der es ganz sicher so nicht gemeint hatte, ja, ganz Berlin und Deutschland tat ich mit diesem Gedanken unrecht, dachte ich kopfschüttelnd und lief zum Eingang in der Hoffnung, nun endlich in Frieden arbeiten zu können.


Holz, Licht, Rechtecke

Ich kam erst kaum durch die Drehtür, weil sich ihr Gewicht mir entgegen drückte und ich meinen ganzen Körper einsetzen musste, um sie zu öffnen. Dann stand ich in der Eingangshalle. Ein festliches Schiff, ein klassisches Museum, eine hochstaatliche Sache. Streng und symmetrisch, Formen, wie mit dem Lineal gezogen, Wände wie New York, diszipliniertes Licht aus recheckigen Milchgläsern von oben, eine durch und durch perfekte Benutzeroberfläche, kein einziger Fehler. Das Hindurchgehen wurde ein Weg.

Er verkleinerte mich mit jedem Schritt, während ich staunte und nach einigem Suchen vor dem Bibliotheksinformationsschalter stand. Ich fragte nach Möglichkeiten für ungestörtes Arbeiten und die Dame sagte, es gebe sie. Insgesamt 1250 Mal, wie sie selbstbewusst behauptete. 1250 Arbeitsplätze auf sieben Stockwerken, entweder im Lesesaal oder an den Seiten vor den Fenstern. "Wenn Sie Glück haben, finden Sie noch was", sagte sie und schickte mich auf den Weg, den ich niemals auf mich genommen hätte, hätte ich gewusst, was mich erwartet.

Ich machte mich daran, Treppen zu steigen um den gigantischen Bau zu bezwingen. Unendlich viele helle Steintreppen waren es, ich nahm auf der Suche nach meinem ruhigen Arbeitsplatz immer zwei auf einmal und dachte während des Treppensteigens, dass dieses Gebäude perfekt ist und dass ich gerne hätte, dass meine Wohnung genauso aussieht, nur in ganz klein. Holz, Licht und Rechtecke bis in die kleinste Form.

Ich kann rückblickend nicht mehr genau sagen, was ich die 90 Minuten, die ich in der neuen Bibliothek, dem Jakob und Wilhelm Grimm-Zentrum, zubrachte, tat. Ich glaube, ich stieg ausschließlich Treppen. Vorbei an Bücherreihen, kilometerlang, Reihe für Reihe und Stockwerke für Stockwerk, vorbei an immer besetzten Arbeitsplätzen mit daran sitzenden Menschen, die vom bloßen Dasitzen klug und akademisch aussahen. Ich beneidete sie darum und wurde von Minute zu Minute wütender, weil sie, im Gegensatz zu mir, einen ruhigen Arbeitsplatz hatten.

Im 7. Stockwerk

Sie arbeiteten im Zentrum des Gebäudes unter einem gerasterten Glasdach in einer Konstruktion aus lauter Symmetrie und Rechteckigkeit: Terrassen, so genannten Leseterrassen, die von den Buchbeständen umgeben sind. Die Mitte der Bibliothek ist ein gigantischer viereckiger Denkmaschinenraum, der sich weigert, mich in sich aufzunehmen, dachte ich, während ich weiter Treppen überwand, inzwischen außer Atem. Rings um das symmetrische Lesezenrum gruppieren sich weitere Arbeitsplatze, Einzelarbeitskabinen, rechteckige Zellen, in die man sich einschließen kann, um in Ruhe zu arbeiten, aber da war meine Hoffnung auf Ruhe in dieser Bibliothek längst beseitigt.

Die Gründe dafür waren nicht nur der Platz, den ich nicht fand, die vielen Treppen und die Unbezwingbarkeit dieses Gebäudes — es waren auch die unendlichen Bücherreihen, diese 1, 5 Millionen Bücher, die mich platt machten und die mich denken ließen, wie ich mich überhaupt berechtigt fühlen, ja, wie ich mir anmaßen konnte, irgendetwas aufschreiben zu wollen, ohne Kenntnis auch nur eines Bruchteiles dieser Bücherreihen, die sich Stockwerk für Stockwerk über mir erhoben. Ich fand keinen Platz.

Wirklich, ich suchte überall bis ich im 7. Stockwerk ankam, wo ebenfalls nichts frei war und ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch kein einziges Satzzeichen meiner Hausarbeit hinzugefügt, die endlich fertig werden musste und die ich mich aber inzwischen in dieser Umgebung außer Stande sah zu schreiben. Ich fühlte mich vollkommen ungenügend und verließ eilig den Bibliotheksbau.

Ich muss aus Mitte raus, dachte ich, als ich draußen im Stadtlärm stand. Nach Dahlem muss ich, nach Dalhem-Dorf. Freistehende Häuser mit Gärten und Platz davor. Luft dazwischen. Zur Philologischen Bibliothek der FU, jenem Gebäude von Norman Foster, genauer von Sir Norman Foster, das rund ist und aussieht, wie ein Tropfen. Drinnen denkt man, man sei in einem Gehirn. Ich wollte jetzt unbedingt in diesem entlegenen Gehirn mit seinen zwei Hälften aus geschwungenen Formen sein. Überschaubar und aufgeräumt liegen sie nebeneinander, ganz so, wie ich mir den Zustand meines eigenen Gehirns in diesem Augenblick wünschte.

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17:00 14.11.2009
Geschrieben von

Antonia Baum

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