Ich bin nicht Elizabeth K.

Interpretationshilfe Charlotte Roche möchte nicht mit ihrer Romanfigur verwechselt werden. Und zu ernst sollte man sie auch nicht nehmen. Die Bestseller-Autorin im Gespräch mit Antonia Baum

Der Freitag: Hast Du gerade viel damit zu tun, dich von dem Bild zu distanzieren, das Du von deiner Roman­figur, von Elizabeth Kiehl, entworfen hast?

Charlotte Roche: Total. Es war schon bei Feuchtgebiete absurd, dass man das autobiografisch interpretierte. Es gibt minimale Details in Feuchtgebiete, die ich als Jugendliche selbst gemacht habe. Dinge wie die Avocado- Kerne, überhaupt die Sache mit der Selbstbefriedigung und das ganze Sexuelle – ich verstehe, dass Leute das lesen und denken, das kann man sich doch gar nicht ausdenken. Eigentlich ein Kompliment an mich. Bei Feuchtgebiete fand ich das lustig, jetzt nicht mehr. Je dümmer ein Medium oder der Interviewpartner ist, desto mehr will er über das „Echte“ reden. So reduziert man einen Roman auf den Wert: Er gilt nur, wenn viel echt ist. Was schon mal eine Beleidigung ist, an jemanden, der einen Roman schreibt.

Warum sagst Du dann über dich selbst, dass Du dich nicht als Schriftstellerin siehst?

Das ist tief gestapelt.

Sich selbst nicht so ernst nehmen, ist nachvollziehbar, aber es macht auch so klein.

Du musst dir mal anschauen, woher ich komme. Ich habe die Berufswelt beim Musikfernsehen kennengelernt. Das ist halt Pop. Ganz egal, ob wir jetzt Indie- Musik gespielt haben, oder Mainstream-Pop. Ich war immer von den Stars, Musikern, Künstlern am meisten beeindruckt, die ernsthafte Kunst gemacht haben, sich selbst und ihr Kunstwerk aber nicht mehr ernstgenommen haben. Die setzen etwas in die Welt, können Interviews geben, und man könnte sie beleidigen, aber das würde an ihnen abperlen. Das sind mir die liebsten. Die lustige Interviews geben, selbstironisch sind. Ich muss kotzen, wenn ich Autorinnen im Fernsehen sehe, die versuchen, total ernstgenommen zu werden, mit ihrer großartigen Literatur.

So willst Du nicht sein.

Nein. Die Leute nehmen das ja ernst, aber die, die beschlossen haben, mich nicht allzu ernst zu nehmen, die muss ich einfach lassen.

Zu deinem Roman „Feucht­gebiete“ hast Du gar keine Kritiken gelesen.

Habe ich dieses Mal auch nicht.

Die Reaktionen kriegst Du aber schon zugetragen? Den Brief von Alice Schwarzer zum Beispiel?

Es ist schön, dass Du schon lachst, während Du es ansprichst. Habe ich nicht gelesen, aber wie bei den Kritiken auch bekommt man natürlich etwas mit. Ich bekomme vom Verlag mitgeteilt, aus der Ferne, welche Zeitung etwas Gutes schreibt, welche etwas Schlechtes, damit ich nicht wie ein Idiot in den Interviews sitze. Aber: Der Wortlaut kann sich in mein Herz nicht einbrennen, weil ich es nicht gelesen habe. Das ist für mich befreiend.

Hat sich Alice Schwarzer mit dem Brief für Dich endgültig unmöglich gemacht?

Bislang hat es kein Boulevardjournalist geschafft, mich so platt mit meiner Romanfigur zu verwechseln. Aber diskreditiert hat sie sich schon vorher. Dadurch, dass sie für die

… die Sache mit dem …

… vielleicht der offene Brief, aber es sind wirklich alle jüngsten Aktionen, das geht total bergab. Jeder Taxifahrer merkt das. Dafür muss man keine feinfühlige, junge Feministin sein, um sich Sorgen zu machen um unsere Frauen-Anführerin.

„Schoßgebete“ zu lesen war für mich ganz schlimm, weil ich den Terror, dem diese Frau ausgesetzt ist, schrecklich finde. Nun ist sie ja total traumatisiert, und hat deshalb einfach eine Klatsche. Man muss aber kein Trauma haben, um so verrückt zu werden.

Nein, und das ist für mich auch sehr wichtig. Es geht um die Frage, warum junge Frauen heute so häufig einen Knall haben. Der Unfall kommt im Buch vor, um mit der

Dazu muss ich sagen, dass ich die Sexszenen im Roman sehr inspirierend fand. Man könnte aber auch denken: Ich muss lebenslang, ununterbrochen total guten, fortgeschrittenen Sex haben, sonst haut mein Freund ab. Auch das ist Terror.

Das höre ich total ungern. Mir geht es mehr darum, auf eine gute Weise über Sex zu sprechen. Nicht diesen Perfektions-Schwachsinn, den man dauernd im Fernsehen sieht. Beim Schreiben des Buches habe ich viel Wert darauf gelegt, die Schamhaftigkeit der Protagonistin zu zeigen.

Was glaubst Du woher die vielen körperhassenden, magersüchtigen Frauen mit Selbstmordwünschen kommen?

Ich würde gerne ein Buch empfehlen, nicht meins. Kennst Du Susie Orbach? Sie erforscht den Körper der Frau in den Medien, und hat die Theorie, dass wir einem unglaublichen Druck ausgesetzt sind, dieser Druck aber nicht spürbar von außen kommt, von Männern, sondern dass wir ihn uns selbst machen. Im Prinzip ist die Frau ihr eigener Feind. Ich glaube, sie hat recht. Der Druck ist so riesig, eine super­geile Geliebte zu sein, eine tolle Freundin für Freundinnen, eine megamäßige Arbeiterin, und, wenn man ein Kind hat, auch eine perfekte Mutter. Dazu werden wir bombardiert mit gefakten Bildern über den weiblichen Körper. Weil wir Zeitschriften lesen, in denen Models abgebildet sind, geht es uns schlecht. Ganz bestimmt. Früher hat es doch keine Rolle gespielt, was für einen Scheiß-Körper man hatte.

Hilft Therapie?

Ich hoffe ja, dass mein Buch wie ein großes Werbebuch für Therapie gelesen wird. Ich bin ganz begeistert von Therapie, auch Paartherapie. Ich kenne so viele Beziehungen, von denen ich denke, die gehen bald den Bach runter, die müssten vielleicht durch eine Paartherapie gerettet werden.

Wie wirkt Therapie für dich?

Ganz laienhaft ausgedrückt, ich habe es ja nicht studiert, ich bin nur Patientin, also eine Konsumentin von Therapie: Man redet lange über Muster, über irgendwelche Fehler, die man macht, in der Beziehung, als Mutter, bei der Arbeit. Viele Leute machen immer wieder die gleichen Fehler, sie sind in sich gefangen – wollen das nicht, können es aber nicht abstellen. Indem man erst mal lange darüber redet, und das Problem rational erkennt, kann man es aber noch nicht abstellen. Und das ist die Erkenntnis bei mir: Das hat schon oft funktioniert, dass man ein Problem rausnimmt. Dann redet und redet und redet man und irgend einmal macht es Klack, und dann rutscht es vom Kopf in die Gedärme.

Ich finde interessant von diesem Vorgang zu erfahren, also dass Sachen einfach weg­erzählt werden können.

Bist Du auch Therapie-erfahren?

Immer schon.

Immer bei der gleichen Person?

Bei diversen. Deshalb fand ich es schön, das zu hören …

… dass es bei anderen wenigstens funktioniert. Ich meine jetzt nicht dich, aber es gibt ja Menschen, bei denen man sich fragt, was erzählen die eigentlich so in ihrer Therapie? Wahrscheinlich nicht die echten Probleme, die sie haben. Ich kenne Leute, die in Therapie gehen, und sagen, heute erzähl ich der wieder einen vom Pferd. Ich packe in der Therapie richtig aus. Da geht es dann nur um die hässlichsten Seiten meines Charakters, mir ist nichts peinlich. Weil ich denke, die muss mich retten, vor allem, vor jeder Sucht, vor jedem Selbstmord, der noch kommen kann.

In dem Roman steht ja, dass Elizabeth Kiehl neben der „Zeit“ nur den „Freitag“ liest.

Ja, ich wollte auch Sachen rein­packen, von denen ich denke: Das ist eine gute Angelegenheit. Deswegen habe ich ein wenig Schleichwerbung für den

Okay. Du sollst denen auch irgendein Kompliment machen, das wünschen sie sich.

Ich finde, dass linke Zeitungen auf jeden Fall diese Welt besser machen. Sogar Frank Schirrmacher hat eingesehen, dass die Linken doch recht hatten, und Charles Moore, der Biograf von Margaret Thatcher. Die Linken sind auf dem Vormarsch, und die Konservativen merken langsam, dass sie auf dem Holzweg waren.

Gibt es das für dich überhaupt noch so, links und rechts?

Total, ja. Ich bin ganz begeistert, wenn ich Menschen treffe, die links eingestellt sind. Weil ich finde, die sind richtig. Mir ist aufgefallen, dass ich immer in Männer verliebt bin, die politisch links sind. Ich könnte wahrscheinlich gar nicht schlafen mit jemandem, der konservativ eingestellt ist.*

So weit also zu dem Kompliment.

* Dagegen steht das Angebot von Roche an Christian Wulff vom 14.11. 2010: Sex gegen Veto bei der AKW-Laufzeitenverlängerung. (Anm. der Red.)

Das Gespräch führte Antonia Baum

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12:00 02.09.2011
Geschrieben von

Antonia Baum

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