Mein Gott, mein Jarvis

Thesenverrücktheit In immer neuen Anläufen wird versucht, das Internet zu begreifen. Das muss naturgemäß scheitern. Eine Nachbetrachtung zur re:publica

Redaktion des Freitag, große Sitzung. Was machen wir zur Republica? Wie wäre es mit zehn Thesen über das Internet?, schlägt einer vor.

Später dann, im Vorraum eines rechteckigen Klotzes in Berlins Mitte, der voll ist von Menschen, die sich für das Internet interessieren und rein wollen: Noch ist der Mensch auf seinen Körper angewiesen, noch muss er sich in einer ganz und gar primitiven Warteschlange anstellen. So auch ich, die ich keine besondere Ahnung vom Internet habe, bin da einfach nur drin seit ich 16 wurde, schreibe da rein, weil man das eben so macht. Wie die Zeitungen, auch die schreiben ihre Artikel ins Internet und wollen eine gute Beziehung mit ihm, wollen es verstehen lernen und schließlich bezwingen, weswegen sie auf diese Internetmesse rennen, um Präsenz zu zeigen und darüber zu berichten, wie auch ich, die ich, wie gesagt, keine Ahnung habe, weder vom Internet, noch von dem, was ich über diese Messe berichten soll, aber ich habe den Auftrag, diesen thesenhaltigen Artikel zu schreiben.

Und so bin ich also da.

Naturgemäß ständiges Gesabbel, Gepiepe und Getippe auf irgendwelchem Gerät. Ich habe sechs Twitteraccounts, sagt ein Typ im gelben Regenmantel. Ein anderer: Das Ipad ist ja so gesehen kriminell.

Na gut. Sonst alles normal, eigentlich.

Nach mehreren Stunden betrete ich den Hauptsaal. Ein Raumschiff: keine Fenster, dunkle Sessel, schwarzer Boden, schwarze Bühne, darauf ein blau erleuchteter Würfel mit einem Apple-Rechner, das Rednerpult. In einem Halbkreis angeordnete Ränge für Tausende, voll besetzt mit Menschen, viele mit Rechnern auf dem Schoß. Ein dünner Herr mit grauem Haar und schwarzem Anzug tritt nun ins Licht, der Saal, das Schiff schwebt in die Zukunft. Großer Applaus für Jeff Jarvis: Journalismusprofessor, Blogger, Autor von Internet-Fachliteratur, einer aus Amerika. Es geht um Privatheit und Öffentlichkeit, um „The German Paradox“ am Beispiel von Penissen: Die Deutschen sorgen sich ständig um ihre Privatheit, setzen sich aber nackig in die Sauna, was Jarvis total paradox findet.

Er selbst hatte mit seinem ganzen Intimbereich Probleme, war an Prostatakrebs erkrankt und hat darüber gebloggt, wie er voller Glück und die Arme ausbreitend verkündet. Er habe so eine Menge Zuspruch und nützlicher Informationen erhalten, er glaube an die wisdom of the crowd, konstatiert er, orchestriert von dem meditativen Tippen seiner Hörerschaft. Holy shit, mein Gott, mein Jarvis! Jarvis wird als Riese auf zwei Bühnenleinwände geworfen und er sagt uns jetzt: Wir sind doch ALLE peinlich!

Wir alle sollten der Öffentlichkeit offener gegenüber stehen, performt er weiter unter Einstreuung positiver Amerika-Wahlkampf-Slogans, von That’ s life bis I’ am an optimist, und dann kommt er zu den Bill of Rights des Cyberspace.

We believe in the wisdom of the crowd! Applaus.

We don’ t know what the internet is. It is not a medium. It is a place. Why do we not stand up to defend the Internet? Applaus.

Die Selbsthilfegruppe applaudiert ihrem Motivationstrainer, der nun dynamisch durch die Reihen springt, um Fragen zu beantworten, keine Ahnung, welche, aber es ist alles so – Yeah! – total logisch und sinnvoll in diesem Augenblick. Ich fliehe aus dem Raumschiff, dem Ufo, der Kapsel auf die Toilette. Dort unterhalten sich zwei junge Frauen über die Wand und die Klospülung hinweg: Jeff Jarvis ist saugeil.

Die andere: Total!

Jawohl! Ich will dem Professor zustimmen

Einige Stunden später ist es Republica total. Rein, raus, Kaffee trinken, Raum suchen, zu spät kommen, Platz suchen, zur nächsten Veranstaltung hetzen. In der dunklen Kapsel erscheint nun ein Professor mit langem Bart. Sieht irre prophetisch und vertrauenserweckend aus, vielleicht bringt er ein bisschen Ordnung in die Sache. Er hat Ärger, wie er sofort sagt und stellt sich als Hirnforscher mit psychologisch-systemtheoretischer Draufsicht vor. Im Internet, sagt der Professor, werde bedauerlicherweise völlig unproduktiv diskutiert. Danke! Er ist es! Er hat das Problem erkannt!, hoffe ich, dem Professor horchend, der erklärt: Entweder das Internet sei von oben bis unten böse und mache dumm, oder es werde euphorisch geliebt. Das sei ihm ein Indikator für unzureichend reflektierte Wertedifferenzierung, also handele es sich um einen Glaubenskrieg zwischen Experten.

Jawohl! Will ich dem Professor zustimmen, der aber in den letzten Minuten zu einer feierlichen, ganz und gar richtungsweisenden, radikalen Lobpreisung ansetzt: Das Web 2.0 sei ein Angriff auf die etablierten Regeln der Macht. Die Macht verschiebe sich vom Anbieter zum Nachfrager, alte Machtstrukturen würden aufgebrochen, spricht der machtvolle Professor unter anschwellendem Applaus. Es scheint einen großen Wunsch nach Richtung zu geben, denke ich, während der Professor eine selbstbewusstere, eine repolitisierte Gesellschaft voraussieht, was ich gefühlte fünftausend Mal gehört habe, nämlich, dass das Internet endlich die alten Machtstrukturen aufbricht, nur frage ich mich, warum dann auf der Republica so viele machtvolle Menschen sprechen.

Das Hirn vollkommen verwüstet, suche ich den Freitag-Stand auf. Ein Redakteur liest Zeitung und wird von einem Besucher um eine Beilage gebeten. In Print bitte. Oh Gott. Ich will was zu essen. In echt bitte und verlasse verwirrt den Betonklotz. Raus an die Luft, wo ich neben einem Menschen rauche, der mit seinen angegriffenen Mäusezähnen die Packung seines Drehtabaks zu öffnen versucht. Er lächelt mich an, auf seiner vermutlich 1990 gekauften Glas-Wand-Brille sind echte Schuppen-Partikel, sein Haar hat er irgendwann mal rot gefärbt, es schlängelt sich von seinem fet­tigen Ansatz in einem dünnen Zopf bis über die Schultern. Klar, ihm ist sein Körper egal, den nutzt er nur als Medium, um ins Internet zu gehen. Aber er lächelt und ich begrüße so viel Körperlichkeit, so viel Körperzerfall neben den perfekten Rechner-Oberflächen und den monumentalen Richtungsvorträgen hier überall. Tach, ich bin der Björn, sagt er. Am schwarzgekleideten Björn ist auf Hüfthöhe ein faustgroßer Schlüsselbund befestigt, daran hängt ein Taschenmesser, Schraubenzieher, Taschenlampe und ein merkwürdiges, ebenfalls etwas angegriffenes Stofftier. Was ist das?

Du, das ist ein lustiges Pantoffeltierchen.

Ja, ich bin Biologe und Blogger. Bin auch bei der Piratenpartei. Zuletzt hat er sich einen lustigen Vortrag über einen lustigen 3D-Drucker angehört und damit könne man vielleicht bald lustig Organe drucken.

Bitte?

Ja, klar. Wenn man die bauen kann, warum sollte man sie nicht drucken können?

Kann man dann auch bald … Menschen drucken?

Klar. Aber ist halt ethisch nicht so ganz o.k. Da gibt es unterschiedliche Thesen zu, hör dir mal den Vortrag zu …

Üble Beleidigungen

Ich haue ab, zu Sascha Lobo, der einen Vortrag zum Thema „How to survive a Shit-Storm“ hält, was mich jetzt irgendwie anspricht. Pinkfarbener Irokesenschnitt, bekanntermaßen. Er redet wie ein poststrukturalistisches Seminar: gesellschaftliche Korrektive, Kommunikate, metamediale Realitäten, Kulturtechniken, die in Abgrenzung zu anderen Sachen stattfinden und dadurch ihre Identität konstituieren, gespickt ist seine Rede mit scheiße, ey und wow, jugendlicher Sprache, die der universitären Sprechweise eine Lässigkeit ja, einen Hauch von sexy Unangepasstheit verpasst. So bringt er den Hörern seinen Diskurs nahe, der sich um üble Beleidigungen im Netz dreht, von welchen er, Sascha Lobo, auf tatsächlich niederträchtige Weise immer wieder betroffen ist. Shit-Storms, so der Dozent, sind weitgehend inhaltsunabhängige Phänomene, bei denen die Betreiber der Shit-Storms das jeweils subjektive Gefühl der Teilnahme (wow!) hätten und das, obwohl sie sich in den allermeisten Fällen über unverstandene Zusammenhänge verbreiteten. Unter den „Trollen“, wie die Shit-Stormer bezeichnet werden, gehe es nur darum, sich möglichst resonanzwirksam zu äußern.

Und wie es sich für einem Vortrag über das Internet gehört, formuliert auch Sascha Lobo am Ende noch ein Paar Thesen: Wir alle werden noch mit Shit-Storms zu kämpfen haben, man sollte versuchen den Shit-Storm von der echten Kritik zu trennen und er hätte auch sein Gutes, denn die Angst vor Shit-Storms werde zum Handlungskorrektiv und ich, so denke ich im Raumschiff sitzend, bekomme große Angst vor einem Shit-Storm : diese vollkommene Thesenverrücktheit das Internet betreffend, ungeheuer anstrengend, denke ich weiter. Thesen zum Internet aufstellen wollen, das ist wie: Thesen über Alles aufstellen wollen, ja, genau so hätte ich es in der zurückliegenden Redaktionskonferenz sagen müssen: man kann keine zehn stichhaltige Thesen über Alles aufstellen.

15:00 22.04.2010
Geschrieben von

Antonia Baum

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