Morgens, halb zehn in Deutschland

Eventkritik Klimaschützer bieten in Berlin gratis Fahrradreparaturen an. Auch Christian Ströbele bringt sein Rad vorbei. Alle anderen würden lieber ihr Leben auf Vordermann bringen

Montag, ich stehe mit meinem Fahrrad auf einer grauen Kreuzung in Kreuzberg, die von nackten Häuserwänden umgeben ist, der Winter ist immer noch da und er geht auch niemals wieder weg, Autos donnern vorbei, die Straße ist nass und stinkt, es ist zum Depressiv-Werden und sofort Losheulen. Auf einer Insel am Rande der Kreuzung leuchtet ein grünes Zelt. Davor wartet eine Schlange, zehn Menschen aufgereiht, vor sich hin starrend, am Ende der Schlange steht der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele mit seinem Fahrrad, bereitwillig lächelnd für die Fotos, um ihn herum eine Handvoll Menschen, Organisatoren, die tapfer und engagiert gucken und die mich begrüßen: „Hallo, schön, dass Sie da sind“.

Wir sind für das Klima da, denn darum soll es heute gehen: Das Bündnis Stadtvertrag Klimaschutz bietet kostenlose Fahrradreparaturen an, um die Menschen nach dem harten Winter dazu zu bewegen, wieder auf das klimafreundliche Fahrrad umzusteigen. Als erster ist Ströbele dran, er lässt sein 14 Jahre altes Kettler-Alu-Rad durchchecken, das in der Herstellung eigentlich nicht ganz p.c. sei, das aber habe er beim Kauf damals nicht gewusst, wie er erzählt, während zwei Fotografinnen um ihn kreisen. Ja und der Handschuh, der an seinem Lenker klemmt, der ist nicht etwa zum Steine-Schmeißen, Ha Ha und wir, die zwei Journalisten, die Fotografen und Organisatoren, wir lachen und weiter: Der Handschuh hängt da also, um die Kette zu reparieren, die dauernd springt, er kann schließlich mit dreckigen Händen keine politischen Treffen abhalten.

Ab in den warmen Bundestag


Geklaut worden ist es übrigens auch schon, gleich zweimal, aber immer wieder gefunden worden und einmal ist es sogar vorm Bundestag entwendet worden, dieses „Bundestagsfahrrad“, wie es von den unter dem grünen Zelt Stehenden scherzhaft genannt wird. Damals habe Ströbele die Sicherheitsleute gebeten, auf den Video-Aufzeichnung nachzugucken, wer der Dieb war und Angela Merkel hat dann gesagt: Wenn es den Grünen was bringt, sind die nämlich auch für Überwachung. Das ist noch mal lustig, wir lachen also, es werden Fotos gemacht, von Ströbele und seinem „Bundestagsfahrrad“, das repariert wird und das ein komplizierter Fall zu sein scheint, denn es dauert, es ist kalt und Ströbele muss dann auch weg, nämlich in den Bundestag, wo es warm ist.

Die Schlange steht. Inzwischen sind es rund fünfzehn Menschen, die von dem klimafreundlichen Reparaturangebot Gebrauch machen wollen. Wir warten und frieren, es schneit. Viele Anoraks, ein Funktionsmensch mit neongelben Klettverschluss-Riemen zum Hochwickeln der Hose, Haut sieht man keine, nur Mützen und Schals, ein junges Mädchen, vielleicht Studentin. Gegen die Kälte wird Tee in Plastikbechern verteilt. Neben mir steht ein älterer Mann mit älterer Brille und einem Werbe-Slogan auf dem abgenutzten Base-Cap. „Meene Bremsen sind in Arsch“, erzählt er. Hmm.

„Und fahren Sie viel Fahrrad?“

„Icke? Imma! Aber nich wegen den Klima-Wechsel. Dit is jut für die Figur und halt och billjer, wa!?!“ Wir fragen uns gegenseitig, wer wo wohnt. Er kommt „von Neukölln“. Die Anzeige für die kostenlose Fahrrad-Reparatur hat er in der lokalen Boulevardzeitung B.Z. gelesen, die kauft er jeden Tag, sonst guckt er viel Fernsehen. Nein, er hat keine Kinder, auch keine Frau mehr, die ist ihm nach zehn Jahren Beziehung „abjehaun“. Und jetzt? „Man is halt viel alleene. Wat willste machen den janzen Tag? Fernsehn. Fahrradfahren. Jibt halt hier wenig Persönlichet. Bei mir in den Neubau kennt man sich nich.“

Radfahren ist einfach billiger

Hmm. Er redet weiter von seiner abgehauenen Frau, von der Kontaktarmut unter der er leidet und er fasst mir an die Schulter, immer wieder, während ich in seinen Augen suche, weil ich fürchte, dass sie feucht werden. Oh Gott. Wirklich, ich bin für soziale Gerechtigkeit, für Klimaschutz, zusammen mit denen unter dem grünen Zelt bin ich dafür, aber ich weiß jetzt einfach nicht mehr, was ich sagen soll. Ich schenke ihm einen Fahrradweg-Faltplan, den mir zuvor die Klimaschutz-Organisatoren geschenkt haben, und hole mir noch einen Plastikbecher mit Tee. Auf dem Rückweg treffe ich noch einen älteren Mann. Wahnsinnig großer Anorak über großem Körper, neben ihm sein Mountain Bike. Ich frage nach Feuer, die Schlange steht und wir rauchen ein bisschen zusammen. Er kommt aus Palästina, hat sechs Kinder und fährt nur noch Fahrrad, weil das billiger ist und gut gegen seinen Bauch, auf den er sich lachend klopft. Ihn nervt, dass arabische Frauen immer flache Schuhe tragen, er findet hochhackige viel schöner, sagt er und zeigt auf meine Stiefel.

„Und, was machen Sie so?“

„Hartz IV.“

Hmm.

„Und davor?“

„Verkäufer. Bei Hertie.“

Er ist vor 37 Jahren nach Deutschland gekommen, um zu studieren. Er wollte Computer-Programmierer werden. Er zündet sich noch eine Zigarette an, die Schlange bewegt sich ein wenig nach vorne, wo immer noch für den Klimaschutz repariert wird.

„Also, ich schätze mal, du bist 25 Jahre alt“, sagt er. Ich nicke, wir lachen, eine junge Frau neben uns lacht mit und erzählt, dass sie in dem Alter auch noch gute Laune hatte. Jetzt hat sie zwei Kinder und findet keinen Job mehr. Und weiter?

„Na, Hartz IV beantragen“. Weiß sie seit eben, da bekam sie eine Absage.

„Ich sage den Leuten, ich bin flexibel, ich arbeite am Wochenende, abends, was sie wollen, immer. Aber, wenn sie hören, dass ich kleine Kinder habe, haben sie kein Interesse mehr.“ Eben hat sie noch geweint, erzählt sie, dann fuhr sie hier vorbei und sah, dass kostenlos Fahrräder repariert werden. Das hat sie gefreut. Ein Freund von ihr sagt, sie solle sich nicht beschweren. Wenn sie wissen wolle, wie es ist, wenn es einem wirklich schlecht geht, solle sie nach Haiti fahren.

Mir reicht diese Kreuzung. Sie ist zum Depressiv-Werden und sofort Losheulen. Halbzehn in Deutschland, an einem Ort, an dem es irgendwas kostenlos gibt, ist Hartz IV, nicht Klimaschutz.

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17:10 17.03.2010
Geschrieben von

Antonia Baum

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Ausgabe 18/2021

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