Nicht lustig (III)

Humorkritik Was ist der Unterschied zwischen der Regierung und einer Jeanshose? Während das Publikum in der "Distel" lachte, war unserer Kulturkorrespondentin Antonia Baum zum Heulen

Es war ja zugegebenermaßen so, dass das Stück Jenseits von Angela im Kabarett-Theater Distel von mir vorsätzlich aufgesucht worden war, um es nicht lustig zu finden und an dieser Stelle darüber zu schreiben. Na ja und dann war es auch wirklich nicht lustig, aber es war eigentlich noch viel viel schlimmer, nämlich so, dass ich voller Trauer und Schuldgefühl das Theater verließ, jene traditionsreiche Ost-Berliner und später Gesamt-Berliner Institution, in der man sich seit fast 56 Jahren zum Lachen trifft und auch am vergangen Montag zum Lachen traf, wenigstens war das so ausgemacht und es war genau diese unentrinnbare Ausgemachtheit, die mich so traurig machte und mit schweren Schuldgefühlen belud.

Gelacht werden sollte über die Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in den Wirren der Finanzkrise ihren Dienst quittiert und das Kanzleramt ohne Führung zurücklässt. Das Theater war voll. Es saßen dort Reihe für Reihe alte Menschen, lauter weiße, graue oder kahle Häupter, zumeist wechselten Damenköpfe und Herrenköpfe sich ab, denn es waren hauptsächlich Ehepaare, die sich hier zum gemeinsamen Lachen einfanden, und sehr wahrscheinlich waren sie von schrecklichen Reiseorganisationsgruppen in dieses Kabarett geschickt worden, zumindest legten das die Busse nahe, die nach der Veranstaltung vor dem Theater in der Friedrichstraße standen und warteten.

Das Lachen war für diesen Abend also eingeplant und es saßen vor der hell erleuchteten Bühne die alten Menschen tief in ihren Sesseln, so dass nur noch ihre Häupter zu sehen waren, die in ihrer Gesamtheit wie Steine wirkten, ein Kiesbett sozusagen, in dem es bei Beginn der Vorstellung in Erwartung der Witzigkeit leise rauschte und das sich während ihres Verlaufes an bestimmten Stellen sogar regelrecht ausschüttete. Die Witze waren überwiegend schlecht. Jemand auf der Bühne fragte etwa, was der Unterschied zwischen der Regierung und einer Jeanshose sei. Ja, dass bei einer Jeans die Nieten außen sind. Darüber schüttelten sich die Reihen, es wurde gelacht, was an sich selbstverständlich zum Heulen ist, wie auch die hilflose Bemühtheit der Schauspieler bei diesen schlechten Pointen, was aber nicht der entscheidende Grund für die Traurigkeit und das Schuldgefühl war, das mich im Laufe der Veranstaltung mehr und mehr beschlich.

Die Kraft des Steinschlags

Die Witze gingen also weiter. Sie betrafen den schwindenden Mittelstand, die Menschheit, die in Deutschland ja generell schwindet, nämlich wegen der sinkenden Geburtenrate, und es ging weiter um die Krise, die Krise und noch mal die Krise, also um notleidende Banken, denen der Staat hilft und um kleine Bürger, denen er nicht hilft. Es ging um die Ungerechtigkeit eines Systems, in dem eine Kassiererin wegen eines Pfandbons im Wert von 1, 30 rausfliegt, während der Multimillionär Klaus Zumwinkel Steuern hinterzieht und mit einer Bewährungsstrafe und 20 Millionen Euro Pension davon kommt.

Ironisch wurde der heilige Markt und die Kraft des Geldes gepriesen, gesündigt hatte derjenige, der kein Kapital herausgeschlagen hatte. Es ging also um witzige und ja wirklich wichtige, teilweise auch sehr richtige Kapitalismuskritik. Das wirklich Traurige daran aber war, dass sich das Publikum an den gewünschten Stellen wieder und wieder leise schüttelte, also zumindest dem Anschein nach die Kritik einvernehmlich lachend bestätigte — ja, dass es in einer Behäbigkeit stoisch und in immer gleichem Tempo vor sich hin lachte und es kullerte diese Ausgemachtheit des gemütlichen gemeinsamen Lachens, dieses zähen, unbeteiligten Lachens über die kabarettistische Kritik durch die Reihen und entwickelte die Kraft eines Steinschlags, der jeden Sinn einer solchen Veranstaltung unter sich begrub und der eigentliche Grund war für die Trauer, die ich, zwischen den Steinen sitzend, empfand und es konnte jene traurige Ausweglosigkeit sogar noch gesteigert werden, und zwar, als das Publikum bereitwillig, aber teilnahmslos und ohne jedes Engagement über sich selbst zu lachen begann und insofern natürlich nicht lachte, sondern nur tat, was von ihm verlangt wurde.

Denn es wälzte sich in ewig gleichem Tempo ein Lachen durch die Mittelstandsreihen, als vorne auf der Bühne gewitzelt wurde, das sich jene ja heutzutage schon für politisch hielten, wenn sie eine Tageszeitung im Abo hätten. "Aber der deutsche Mittelstand wacht auf! Genau: wir werfen ab sofort Altpapier in die gelbe Tonne" wurde weiter gewitzelt und sukzessive gelacht, und die Steine im Publikum rollten gemütlich lachend weiter durch die Reihen, und die Veranstaltung war dann auch irgendwann endlich vorbei. Zügig erhoben sich die Häupter aus den Reihen und gingen unterhalten nachhause, und auch ich verließ das Kabarett, allerdings traurig und schon da dem Gefühl nach schuldig, denn ich wusste, dass ich über die alten Menschen würde schreiben müssen, und dass ich sie als Steine bezeichnen würde, wusste ich ebenfalls und das, obwohl sie sich solche Mühe gegeben hatten an diesem Abend, wie sich auch die Schauspieler Mühe gegeben hatten, die Idee der frechen politischen Satire auf der Bühne zu spielen, und weil es so leicht war das nicht lustig zu finden, fühlte ich mich von Schuld beladen. Verstehen Sie, es ist nicht lustig in dieses traurige Kabarett zu gehen und es nicht lustig zu finden.

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16:55 26.08.2009
Geschrieben von

Antonia Baum

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