Boule

A–Z Boule ist nicht nur ein angenehmer Sport, sondern eine Philosophie – Stadtguerilla, Stilkunde und Spielfreude in einem. Unser Lexikon der Woche von Antonia Märzhäuser
Antonia Märzhäuser | Ausgabe 36/2016 3

A

Asphalt 39 Artikel mit diversen Unterpunkten umfassen die Boule-Spielregeln. Besonders detailreich ist das Werk bei der Beschaffenheit der ➝ Kugeln. Das sieht den Franzosen und ihrem viel beschworenen Laissez-faire gar nicht ähnlich. Wo bleibt denn da die Liberté? Die große Freiheit liegt in der geologischen Unabhängigkeit des Spiels: Während man für fast alle anderen Ballsportarten ein spezielles Spielfeld benötigt, ist Boule auf allen Böden dieser Welt zu Hause.

In Artikel 5 heißt es schlicht: „Pétanque (➝ Gefahren) wird auf jedem Boden gespielt.“ Es kursieren sogar Gerüchte, dass in südfranzösischen Gemeinden asphaltierte Garageneinfahrten zu Boule-Plätzen umfunktioniert werden. Nach dem Motto: Es gibt keinen schlechten Boden, nur schlechte Spieler. Generell gilt: Jeder Boden ist mit Respekt zu behandeln. Veränderungen des Untergrundes sind untersagt, denn Boule-Spieler arbeiten nicht gegen, sondern mit dem Boden – ein Unterschied zum italienischen Boccia.

D

Deutschland Boule wurde zunächst von den in Deutschland stationierten französischen Militärs importiert. Auch der Tourismus spielte für die schnelle Verbreitung eine Rolle. Der erste hiesige Boule-Verein wurde Anfang der 60er in Bad Godesberg gegründet. Dort spielte ein kleiner Kreis, vornehmlich aus Botschaftsmitarbeitern, regelmäßig vor dem Rathaus. Die Gründung des Clubs erwies sich jedoch als gar nicht so einfach: Die deutschen Behörden wollten das Spiel partout nicht als Sportart anerkennen. Die frühen Boulisten mussten deshalb Beweise aus Frankreich über Vereine, Meisterschaften und Ligen liefern (➝ Politikum). Letztlich ließen sich die Beamten überzeugen, und 1964 konnte der erste Boule-Sportverein ins Register eingetragen werden. Heute gibt es in Deutschland Landes- und Stadtvereine und der Pétanque-Verband gehört längst zum Deutschen Olympischen Sportbund. Nach wie vor gilt aber: Um Boule zu spielen, muss man nirgendwo Mitglied sein, Plätze gibt es überall – und Mitspieler sowieso.

F

Freundschaft Boule-Platz, Berlin-Kreuzberg, August 2016: Auf die Frage, wie sie sich kennen gelernt haben, gibt es keine eindeutige Antwort: „Auf dem Boule-Platz, aber eigentlich mehr in der Kneipe.“ Vor 50 Jahren haben Fred und Jürgen (➝ Quote) das erste Mal zusammen gespielt. Damals musste ein französischer Freund für sie bürgen, damit sie auf dem Gelände der Armée française nahe dem Tegeler See mitspielen durften. Es folgten gemeinsame Urlaube in Tunesien, Frankreich, Dänemark und Schweden, wo auch immer gespielt wurde.

Einmal sind sie sogar zur berüchtigten Marseillaise gereist, dem mit 10.000 Spielern größten Boule-Turnier der Welt. Fred war mit seiner Mannschaft zudem zweimal Berliner Meister: „Bei dem Turnier spielen auch immer die Boule-Freunde vom FKK-Club mit. Die ziehn dann aber ’ne Hose drüber.“ Heute spielen die über 80-Jährigen nur noch zum Spaß. Jürgen ist eher ein Leger, Fred eher ein Schießer (➝ Technik), zusammen sind sie das Yin und Yang des Pétanque. „Und Schreiben Sie in Ihrem Artikel dazu, Boule ist ein Laufsport“, sagt Jürgen zum Abschied. Ein junger Mann, der der Partie zusieht, ruft auf einmal laut: „Alles ist Liebe!“

G

Gefahren Sie lauern überall. Am gefährlichsten ist das Verwirrspiel mit den Bezeichnungen: Boule ist in Frankreich nämlich eigentlich nur der Überbegriff für eine ganze Reihe von Kugelspielen. Die korrekte Bezeichnung ist demnach Pétanque, was sich von „pieds tanqués“ ableitet und so viel heißt wie „geschlossene Füße“. Weitere Gefahren lauern auf dem Boule-Platz. Spontan eingerichtet, ist er ein Magnet für Störenfriede aller Art. Das Klacken der Kugeln und das ungewohnte Material locken vor allem Hunde und Kinder an. Neugierige Schnauzen und Kinderhände sind die natürlichen Feinde der Boulisten. Man zieht außerdem das Misstrauen von Helikoptereltern auf sich, die angesichts umherfliegender Kugeln um die Unversehrtheit des Nachwuchses fürchten.

Und auch das Internet hat sich offensichtlich gegen die Boulisten verschworen. Genauer: die Macher von Social Media Pranks. Für alle, die es nicht mitbekommen haben: Das sind kurze Videoclips von „Streichen“, die über Social-Media-Kanäle und Plattformen verbreitet werden. Eine Gruppe Boule-Spieler wurde in Berlin-Kreuzberg kürzlich Opfer eines solchen Prank. Eine Horde Kinder rannte schreiend auf sie zu (➝ Zank), klaute die Kugeln vom Spielfeld, nur um sie kurz danach in verkehrter Reihenfolge wieder zu platzieren. Dafür gab es dann Props auf Snapchat. Der Wurf musste wiederholt werden.

K

Kugeln Nie war der Spruch „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ so wahr wie bei Boule-Kugeln (➝ Asphalt). Wer sich nicht als Banause outen will, sollte auf die glänzende Ikea-Variante für 20 Euro verzichten. Die sind oft nur mit einer dünnen Metallschicht überzogen und mit Beton gefüllt. Eine Wettkampfkugel ist dagegen aus Eisen und hohl. Und dabei ist jede ein Unikat – Gewicht, Seriennummer und Herstellername müssen eingraviert sein. Die Hauptstadt der Boule-Kugeln ist Saint-Bonnet-le-Château, wo die Firma La Boule Obut die Spielgeräte seit den 50er Jahren herstellt. In Frankreich sind die runden Eisen so etwas wie die Patek Philippe fürs Volk. Sie werden über Generationen vererbt, weshalb man ein inniges Verhältnis zu ihnen aufbaut. Deswegen kommt es beim Kauf auf die Psychologie der Kugel an, ob das Material zu einem spricht, wie es in der Hand liegt. Nie war ein Produkt so ungeeignet fürs Onlineshopping.

P

Politikum Das Spiel mit den Eisenkugeln, dessen Wurzeln bis in die Antike reichen, sorgt seit jeher für politische Furore. 1369 sah sich Karl V. gezwungen, es zu verbieten, da er die Staatssicherheit in Gefahr wähnte. Denn Soldaten vernachlässigten ihre Ausbildung, indem sie jede freie Minute für Boule verwendeten. Darauf folgte 1629 ein nur wenig beachtetes Verbot. Diesmal war der Grund ein wirtschaftlicher: Die Hersteller von Schlägern für Paume, eine Vorform des Tennis, fürchteten um Einnahmen und wollten durch das Verbot ihren eigenen Sport stärken.

Auch Geistliche verfielen massenhaft dem Reiz des Spiels, weshalb die Pariser Diözesansynode es ihnen 1697 untersagte. Das alles kreierte natürlich nur einen noch größeren Hype. Im 19. Jahrhundert wurde Boule, einst Vergnügen der Aristokratie, vom ganzen Volk gespielt, was wohl zu erheblichen Behinderungen im Straßenverkehr führte. 1824 erließ die Lyoner Polizei ein Verbot für das Spiel „auf Verbindungsstraßen zwischen den Orten und auf Hauptstraßen der Stadt“. Und heute? Boule hat seine subversive Kraft natürlich nicht verloren (➝ Urbanität).

Q

Quote Ja, man muss es mal so sagen: Boule ist das Spiel älterer Herren. Meine – nicht repräsentative – Erfahrung auf Boule-Plätzen in den Berliner Bezirken Kreuzberg, Mitte und Charlottenburg zeigt klar: Frauen sind in der Minderheit. Es überwiegt der männliche Phänotyp Ü50 (➝ Freundschaft). Bisher liegen keine verlässlichen Daten über Gründe dieses Ungleichgewichts vor, eine strukturelle Diskriminierung lässt sich dennoch ausschließen. Befragungen unter den männlichen Spielern ergeben vor allem eines: Der Umstand wird sehr bedauert. „Ja, hier sind keene Frauen“, sagt einer, „weil die alle arbeiten müssen, wir Männer sind halt alles Hallodris und faul, deswegen hamm wa Zeit zum Spielen.“

S

Stil Alles kann, nichts muss. Das typische Boule-Outfit ergibt sich eher aus lokalen Gepflogenheiten denn aus einer bestimmten Kleiderordnung. Werden in Frankreich gern Espadrilles und Panamahüte getragen, überwiegen hierzulande Outdoorsandalen und Schildmützen. Abgeraten wird von Multifunktionshosen mit prall gefüllten Taschen, hier besteht die ➝ Gefahr, dass man beim Wurfvorgang am Bein hängen bleibt.

Nicht fehlen darf das quadratische Boule-Tuch zum Entfernen von Schmutz auf der Kugel. Das wird über Ländergrenzen hinweg lässig in der Arschtasche getragen. Wichtiger als die modische Ausstattung ist jedoch eine angemessene Verpflegung. Ein gekühlter Weißwein sollte immer in der Nähe sein. Aber auch hier gilt: Lokale Spezialitäten setzen sich durch. Auf Berliner Boule-Plätzen findet man vermehrt Club-Mate oder ein kühles Pils. Inbegriff des guten Stils ist schließlich ein respektvoller Umgang mit den Mitspielern, nach einer fertigen Runde gibt man sich die Hand.

T

Technik Die Verbindung zwischen Spieler und Kugel ist eine innige. Die Hand legt sich auf sie, sodass die Kugel zum Boden zeigt, und dann wird diese gelegt, niemals geworfen. Ein erfahrener Bouliste wird irgendwann Stellung beziehen: Ist er eher ein Pointeur, also ein Leger, oder ein Tireur, ein Schießer (➝ Freundschaft)? Der Schießer gilt als der aggressivere und lautere Spieler, er sorgt für Aufsehen, wenn er die Kugel seines Gegners mit einem lauten Klacken wegschießt. Der Leger ist eher ein ruhiger Techniker. Es gibt drei Arten des Legens: Hoch-Portée (hoher Bogen), Halb-Portée (halber Bogen) und rouler (rollen).

Das Rollen ist eher verpönt, doch wenn man ehrlich ist, besteht darin ebenso eine Kunst, schließlich muss man die Eigenschaften des Bodens erfühlen. Das Rollen ist damit für die besonders naturverbundenen Spieler geeignet. Generell müssen die Leger stärker mit dem Boden arbeiten, während die Schießer sich ganz und gar auf ihre Zielgenauigkeit verlassen können. Am eindrucksvollsten ist dabei tir au fer: der Schuss auf Eisen.

U

Urbanität Während man in Südfrankreich in jeder noch so kleinen Gemeinde den Marktplatz daran erkennt, dass dort zu jeder Tageszeit eine Grüppchen Boulisten anzutreffen ist, hat sich das Spiel in ➝ Deutschland eher zu einer Sache der Städter entwickelt. Das mag vor allem daran liegen, dass für ein angemessenes Spiel-Set-up jeder Grünstreifen ausreicht. Damit ist Boule so etwas wie die erste Stadtguerilla-Sportart überhaupt. Man sollte die subversive Kraft dieses Spiels also nicht unterschätzen. In Zeiten, in denen immer mehr Stadtraum privatisiert wird und Bürger für Freiräume kämpfen müssen, ist Boule genau die richtige Kombination aus Freizeitbeschäftigung, Reviermarkierung und Résistance.

Z

Zank Sollte unbedingt vermieden werden, er gehört nicht zum guten Ton (➝ Stil). Falls doch einmal Uneinigkeit darüber besteht, welche Kugel der Sau, der Zielkugel, am nächsten liegt, darf zur Tirette, einem extra Boule-Zollstab mit Messzunge, gegriffen werden. Generell gilt jedoch: Wer ein gutes Augenmaß hat, kommt ohne Tirette aus. Ständiges Messen ist nicht Sinn und Zweck des Spiels. In Kreuzberg gilt die Boule-Gemeinschaft übrigens als äußerst loyal, die Tirette wird kaum gezückt, während im Wedding, so erzählt man sich, die Erbsenzähler wohnen.

06:00 11.09.2016

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 3