Antonia Märzhäuser
Ausgabe 4616 | 22.11.2016 | 06:00 2

Ganz schön am Arsch

Drama Künstler und andere Kritiker spüren in der Türkei verstärkt Repressalien. Die Revue „Love It or Leave It“ am Gorki-Theater reagiert darauf

Ganz schön am Arsch

Autor und Regisseur haben sich auf die Suche nach Bildern begeben, die die Absurdität der türkischen Gegenwart einfangen

Foto: Drama-Berlin/Imago

Es gibt Stücke, die beginnen mit voller Lautstärke. Da reißt sich nach wenigen Minuten ein König das samtrote Gewand vom Leib, auf den vorderen Rängen regnet es Daunen oder Flüssigkeit, Stimmbänder werden ans Limit gepeitscht. Das Publikum muss sich dann immer erst mal eine Weile vom Schock erholen.

Nurkan Erpulat hat für Love It or Leave It, das vergangenen Freitag Premiere feierte, einen ruhigeren Auftakt gewählt. Das liegt auch daran, dass die Realität, die verhandelt werden soll, laut genug ist. „Wie holt man ein Land auf die Bühne, in dem zugedröhnte Omas vor laufenden Fernsehkameras sich bereit erklären, unbedingt das Arschhaar ihres angebeteten Staatsoberhauptes sein zu wollen?“, stand im Ankündigungstext des Stücks. Das ist nicht metaphorisch gemeint. Es handelt sich um eine wahre Begebenheit, eine Liebesbekundung, die dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan zuteil wurde. Der Autor Emre Akal und der Regisseur Nurkan Erpulat haben sich auf die Suche nach Bildern begeben, um die Absurdität der türkischen Gegenwart einzufangen. Und da es nirgendwo wahnwitziger zugeht als im Alltag, wird genau dort nach Antworten auf die Frage gesucht, was eigentlich los ist mit diesem Land.

Man hat aufgehört zu zählen, wie viele Beamte, Akademiker und Journalisten ihrer Ämter und Positionen enthoben wurden, wie viele angeklagt oder eingesperrt sind. Zuletzt traf es Cumhuriyet-Herausgeber Akın Atalay. Auch Künstler bekommen die Repressalien der Regierung zu spüren. Akal, der seit drei Jahren in Istanbul lebt, ist einer von ihnen, er sah sich gezwungen, seine Antigone-Adaption nicht auf die Bühne zu bringen. Die griechische Tragödie von Macht, Verbannung und Mord war zu nah dran an der türkischen Gegenwart.

Der Therapeut predigt

Nurkan Erpulat, Emre Akal und ihr Dramaturg Tunçay Kulaoğlu schöpfen aus einem Nähe-Distanz-Verhältnis zur Türkei, das eine Übersetzung ebenjener Verhältnisse in die Kunst möglich macht. Nähe, um Bilder zu finden, Muster zu erkennen, und Distanz, um die Bilder zu dechiffrieren. Beste Voraussetzungen eigentlich für das Stück der Stunde, an einer Bühne wie dem Maxim-Gorki-Theater, die nicht zuletzt als Theater des Jahres ausgezeichnet wurde, weil sie wie keine andere Gegenwart verhandelt – und politisch ist.

Eigentlich. Aber Love It or Leave It hat sich viel vorgenommen. Und daran arbeitet sich das Stück über zwei Stunden ab. Es ist ein Zuviel an Referenzen, ein Zuviel an Informationen (es kommt mit Glossar) und ja, auch Zuviel des Immergleichen. Und das, obwohl es so verheißungsvoll beginnt.

Erst mal passiert nämlich sehr lange rein gar nichts. So hat man Zeit, das Arrangement auf der Bühne zu betrachten, zu dem sich die Schauspieler – zwei Frauen und vier Männer – aufgestellt haben. Um Arrangement und Struktur, das sollte sich im Laufe des Stücks herausstellen, geht es hier nämlich. Und so läuft die Assoziationsmaschine auch sofort heiß: Was ist das für ein feuerrotes Kostüm, das die Frau auf dem Boden kniend, den Kopf in eine Schlinge gelegt, trägt? Ist es ein sündiges Rot? Ein patriotisches Rot, schließlich geht es um die Türkei? Ein Trump-Rot? Und die lethargisch dreinschauenden Gestalten um sie herum, was hat die so müde gemacht? Die Welt da draußen, außerhalb der eigenen vier Wände?

Die Bühne ist ein Schlaf-Wohnzimmer-Hybrid. Das ist vier Jahre nach den Gezi-Protesten nicht unerheblich. Ging es damals doch auch um die Frage, wer die Deutungsmacht über den öffentlichen Raum hat. Sehen wir hier also eine Gesellschaft, die sich ins Private zurückzieht, weil sie den Kampf um die Agora verloren hat?

Und so könnte man ewig weiter sinnieren (auch über das Bananenbouquet mit EU-Stempel, das kronleuchtergleich von der Decke baumelt), würde nicht ein nervöses Klirren die Stille durchbrechen. Ein Mann stimmt an einer Elektroorgel The End von den Doors an, die Frau, den Kopf immer noch in der Schlinge, beginnt zu tanzen, die Männer flüchten sich peu à peu ins Gebet, in den Zigarettenkonsum oder die Tobsucht. Im Wohnzimmer tut sich ein Höllenschlund auf. Die Musik verklingt. Teppich drüber, Idyll wiederhergestellt. Die Porträts der türkischen Herrscher an der Wand, sie verziehen keine Miene. Turbulente Zeiten sind sie gewöhnt.

Im weiteren Verlauf steht eine Familie im Mittelpunkt, in der etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Das sieht zumindest ihr Therapeut so. Der ist gleichzeitig auch geistliche Autorität, eine ungute Mischung, er predigt die Wiederherstellung einer gottgegebenen Struktur als einzigen Ausweg aus der Misere. Hier verliert sich die Intensität des Anfangs in eine wilde Mixtur aus Strukturalismusparabeln und Versatzstücken aus der Sphäre der Realpolitik. Statt einem Panorama entsteht ein Wirrwarr aus Erzählsträngen.

Erst kurz vor Schluss passiert, worauf man so lange gewartet hat. Die jüngere Geschichte bricht auf die Bühne herein in Form eines kurdischen Lieds, gesungen von einem verwundeten Demonstranten. Er steht auf einmal im Schlafzimmer der Frau, die erfolglos versucht hat, sich umzubringen. Ein Gegengewicht zum Narrativ von Gehorsam und Autoritätsglaube entsteht. Sein Gesang ist bitterschön: „Dich begehre ich, der weder herrschen noch heilen kann. Im Herzen eines Gerechten gleiche ich einem Frühlingsregen.“ Und er endet mit: „Einsam zurückbleiben will ich nicht. Nicht in der Hitze der Hölle.“

Info

Love It or Leave It Regie: Nurkan Erpulat, Dramaturgie: Tunçay Kulaoğlu, Text: Emre Akal Maxim-Gorki-Theater, Berlin

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 46/16.

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