Mit der Kopfkamera im Wald stehen

#digitaldetox Immer mehr Arbeitnehmer leiden unter ständiger Erreichbarkeit. Doch ist eine Entzugskur wirklich das probate Gegenmittel?
Antonia Märzhäuser | Ausgabe 22/2016
Mit der Kopfkamera im Wald stehen
Mal wieder die eigene Kopfkamera aktivieren? Nein, nicht so!
Foto: Josh Edelson/AFP/Getty Images

Spaziergänger im Hangang-Park von Seoul wurden kürzlich Zeuge eines sonderbaren Schauspiels. Über 60 vornehmlich junge Koreaner saßen bei 30 Grad in der Sonne und taten – nichts. Die apathisch dreinschauenden Geschöpfe waren Teilnehmer der Space-out Competition, die unter dem Motto „Entspann dein Gehirn, denk einfach mal an nichts“ zur digitalen Enthaltsamkeit aufgerufen hatte. 15 Prozent der Südkoreaner gelten laut Studien als handysüchtig, der Entschleunigungswettbewerb sollte auf diesen Umstand aufmerksam machen.

Auch hierzulande werden im Stundentakt neue Studien zu unserem digitalen Nutzungsverhalten veröffentlicht. Das Ergebnis ist immer das gleiche: Alles sehr ungesund, was wir da mit unseren Smartphones so machen. Und spätestens wenn Frank Plasberg dem Thema eine Hart-aber-fair-Sendung widmet, weiß man, die Nation bewegt etwas. Immer online – machen Smartphones dumm und krank? lautete der unaufgeregte Titel. In der Sendung erklärte Manfred Spitzer, Leiter der Psychiatrischen Uniklinik in Ulm, uns alle mal wieder zu „Info-Junkies“.

Während Plasberg sich in seiner Sendung das Berufsprofil Social-Media-Redakteurin erklären lässt, ist das Netz bereits einen Hashtag weiter. Nach dem #laktosedetox und #glutamatdetox gibt es jetzt endlich auch den #digitaldetox, und der ist angetreten, um uns von dem Gift der immerwährenden Erreichbarkeit zu befreien. Die Suchtmetaphorik ist bewusst gewählt und wird ohne Bedenken durchdekliniert: „Ich bin jetzt seit eineinhalb Jahren clean, und mir geht es gut damit“, schreibt Jenna Woginrich über ihren handylosen Lebensstil im Guardian – man möchte fast zum Festnetzhörer greifen und dieser tapferen Frau ein „Weiter so!“ durch die landline zurufen.

Aber zurück nach Deutschland, denn auch hier hat die Digital-Detox-Bewegung bereits Anhänger gefunden, und die besinnen sich, wie könnte es anders sein, auf den analogen Sehnsuchtsort par excellence. „Ich ging im Walde so vor mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“ Schon Goethe wusste den Wald als Ort der Kontemplation zu schätzen, und so bietet „Offlines“, Deutschlands erste Beratungsagentur für digitale Balance, neben Workshops auch Waldspaziergänge für ihre Klienten an. Dabei geht es darum, „auch mal wieder die eigene Kopfkamera zu aktivieren“, erklärte Medienpädagogin Kathleen Lindner während einer Podiumsdiskussion des Digitalen Salons am Institut für Internet und Gesellschaft. Offlines will damit den bewussten und gesunden Umgang mit digitalen Medien fördern. Hashtag Achtsamkeit. Idealerweise soll dieses Verhalten auch in die Unternehmen getragen werden.

Waldspaziergänge werden allerdings kaum ein Umdenken in den Unternehmen anstoßen. Zwar machten bereits vor einigen Jahren Firmen wie Volkswagen den Anfang; dort wird eine halbe Stunde nach Dienstende der Mail-Server für alle Smartphones ausgeschaltet. Dennoch leiden immer mehr Arbeitnehmer unter der ständigen Erreichbarkeit. Das Geschäftliche drängt immer weiter in die private Sphäre, und genau hier beginnt der eigentliche Diskurs. Ein Zuhörer brachte die zentrale Frage während der Diskussion des Digitalen Salons auf den Punkt: „Bei der industriellen Revolution haben Gewerkschaften Verantwortung übernommen und einen humanistischen Diskurs geführt. Wer übernimmt diese Rolle heute, da wir zunehmend einer digitalen Fremdbestimmung ausgesetzt sind?“

06:00 06.06.2016

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