Normalo ist ein anderer

Berlinale Zwei Dokus und ein Spielfilm erzählen vom Versuch, die eigene Identität neu zu vermessen
Normalo ist ein anderer
Geträumt wird von einer Karriere als Frisör

Foto: Rai/Arte/Berlinale

Traiano, einen Stadtteil von Neapel, kennt in Italien jeder. Er ist zum Sinnbild dafür geworden, was passiert, wenn die Mafia immer mehr und der Staat immer weniger zu sagen hat. Für Pietro Orlando und Alessandro Antonelli, die Protagonisten aus Agostino Ferrentes Dokumentarfilm Selfie, ist Traiano vor allem eins: ihr Zuhause. 2014 wurde in diesem Zuhause ihr Freund Davide Bifolco getötet. Ein Polizist hatte den Jugendlichen bei einer Kontrolle von hinten erschossen. Ganz Neapel versank daraufhin in Unruhen. Nun ist Selfie aber weder ein Film über den Mord noch über den langen Schatten der Mafia geworden. Ferrente hat das möglicherweise Radikalste getan, was man als Filmemacher tun kann: Er hat die Kontrolle übers Filmen abgegeben.

In Selfie werden Alessandro und Pietro zu ihren eigenen Protagonisten. Mit jeweils einem Handy ausgestattet, beginnen die Freunde ihren Alltag zu filmen. Die Kamera ist dabei immer auf sie selbst gerichtet, wie ein allgegenwärtiger Spiegel. Wir begleiten sie mit dem Roller durch die neapolitanische Sommerhitze oder einfach nur beim Abhängen auf dem Sofa. Wir werden Zeuge einer zärtlichen Freundschaft und einer scheinbar ganz normalen Jugend. Umso schwerer wiegen die Momente, die daran erinnern, dass nichts in Traiano normal ist. Dass die sympathische Selbstironie der Protagonisten Schutz ist gegen eine Welt, die nicht viel für sie bereithält. „Mach dir keine Sorgen darum, wie du aussiehst, Frauen mögen Männer mit schönem Herzen“, tröstet Alessandro seinen Freund Pietro beim Mittagessen. Pietro träumt davon, Friseur zu werden, findet aber keinen Job. Nach dem Tod Davides hat er mit dem ungezügelten Essen begonnen.

„Bei dem Film mitzumachen, war für mich eine Art von Protest“, erklärte Pietro Orlando nach der zweiten Vorstellung des Films in Berlin. Der Protest, so Orlando weiter, richte sich gegen ein System, dem Menschen wie er, Menschen aus Traiano, egal seien.

Verständnis für den Rassisten?

Auch für den Debütfilm von Maryam Zaree spielt ein System die ausschlaggebende Rolle. Dieses System hat in dieser Woche seinen 40 Jahrestag gefeiert. Es ist das gleiche System, das Maryams Mutter und Vater Anfang der 80er Jahre ins Gefängnis gesperrt und schlussendlich ins Exil nach Deutschland gezwungen hat. Die islamische Republik Iran hat in den 80er Jahren Zehntausende politische Gegner einsperren und umbringen lassen. In Born in Evin wird das von der Frauenbewegung recycelte Motto der diesjährigen Berlinale, „Das Private ist politisch“, zu mehr als nur einer Binsenweisheit. Die Revolution von damals reicht bis in die deutsche Gegenwart.

„Irgendetwas an meiner Geburt ist nicht privat“, so beginnt die 35-jährige Zaree ihren Film. Geboren, das hat die in Frankfurt aufgewachsene Zaree erst viel später erfahren, ist sie in Evin, dem bekanntesten Foltergefängnis Irans. Born in Evin ist das Dokument einer Suche. Nicht nach dem Geschehenen, sondern nach einer Form von Sprache für das, worüber Zaree mit ihrer Mutter, einer erfolgreichen Psychologin, bis heute nicht sprechen kann. Und so begibt sich die Tochter auf die Reise um die Welt, in der Hoffnung, dort Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Zu einer Tante, die sich noch an die Zellennummer ihrer Mutter erinnern kann, zu anderen Frauen, die die Haft überlebten und bis heute für die Aufarbeitung der Gräueltaten kämpfen, und zu Frauen ihrer Generation, deren Eltern nicht überlebten.

Dabei gelingt Zaree, die bisher als Schauspielerin vor der Kamera stand, das seltene Kunststück eines zutiefst persönlichen Filmes, der nie die Grenzen des Intimen überschreitet. Die schonungslose Dokumentation der eigenen Zweifel und Kämpfe, das Sichtbarmachen der eigenen Ohnmacht ermöglichen ein Nachdenken über das geschilderte Schicksal hinaus: Was steht auf dem Spiel, wenn Menschen unterschiedlicher Generation keine Sprache miteinander finden? Sind die Jüngeren nicht in der Pflicht, zumindest den Versuch zu unternehmen, Fragen zu stellen?

Während sich Selfie und Born in Evin mit dokumentarischen Mitteln um Sichtbarmachung bemühen, geht es in Skin um das Verschwinden. Basierend auf einer wahren Geschichte, handelt der Film des israelischen Regisseurs Guy Nattiv von einem jungen Mann, der seine Vergangenheit loswerden will. Bryon (Jamie Bell) trägt sein Leben eingraviert auf dem Körper. Das symbolische Universum der White Supremacy, einer rassistischen Ideologie, die von einem weißen Amerika träumt, ergießt sich über sein Gesicht und seinen Körper. Stolz und für jeden sichtbar trägt er Runen und Keltenkreuze als Zeichen seiner Identität. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihn Zweifel befallen und jeder Blick in den Spiegel zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld wird. Skin ist das Porträt eines jungen Mannes, der rauswill aus der Welt, die ihn zu dem gemacht hat, der er ist. Wenn auch konventionell erzählt, verzichtet Skin darauf, seine Protagonisten in Opfer und Täterkategorien einzuordnen. Stattdessen wirft der Film Fragen auf: Muss man einem brutalen Rassisten vergeben können? Kann sich so jemand wirklich ändern? Wie viele Chancen hat er verdient?

Sosehr sich die Filme in ihren Themen und ihrer Machart unterscheiden, so sehr gleichen sie sich doch in dem Versuch, zu ergründen, wie sich Identität konstituiert, verändert und im Zweifel auch neu gefunden werden kann. Welche Rückschlüsse aus den unterschiedlichen Innenansichten gezogen werden können, das lassen sie zum Glück unbeantwortet.

06:00 16.02.2019

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