Silicon Mafia

Computerindustrie Apps und Start-ups prägen die Welt. Anna Wiener, Wendy Liu und Jenny Odell finden Auswege
Silicon Mafia
Ein Gespenst geht um im Silicon Valley – es ist das Gespenst der New Economy

Illustration: der Freitag; Material: Angela Harburn/Adobe

Das ist der Kontext der drei Bücher, um die es gleich gehen wird: Nur einen Tag, nachdem sich die CEOs der vier größten Tech-Unternehmen des Landes vom US-Kongress zu ihrer ungebrochenen Monopolmacht befragen lassen mussten, meldeten eben diese vier Unternehmen, Facebook, Apple, Amazon und Alphabet, also die Firma, deren Herzstück Google ist, ihre Quartalszahlen. Während die Weltwirtschaft unter der Covid-19-Pandemie ächzt, ging die Gewinnkurve von Amazon und Facebook steil nach oben. Der Versandhändler Amazon verdoppelte den Gewinn zum Vorjahr sogar.

Bei der Befragung vor dem Kongress hatte der Facebook-Firmengründer Mark Zuckerberg in seinem Statement betont, dass Facebook mit nichts gestartet sei. Der Erfolg der Social-Media-Plattform sei allein der Größe und Weitsicht seiner, Zuckerbergs, Vision geschuldet. Zuckerberg ließ zudem verlauten, dass er nicht verstehe, warum große Unternehmen per se etwas Schlechtes darstellen sollten.

Jeff Bezos, dessen Versandhandel-Imperium Amazon bekannt dafür ist, einem großen Teil seiner 850.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter grundlegende Arbeitnehmerrechte zu verweigern, erging sich in seinem Statement darin, wie er die Karrieren seiner Mitarbeiter voranbringe und für ihre Weiterbildung aufkomme. Auch er sei davon getrieben, Gutes zu tun.

Mark und Jeff ließen keinen Zweifel daran, dass sie die größten Anhänger ihres selbst geschaffenen Narrativs sind. Dieses Narrativ handelt von Self-Made-Genies, deren UnternehmGegenen einen so großen Dienst an der Gesellschaft leisten, dass ihre Gründer beim Gedanken daran, dass auf ihre Milliardengewinne kaum Steuern entfallen, keinesfalls ein schlechtes Gewissen plagen muss.

Größenwahn und Effizienz

In Code kaputt von Anna Wiener und Abolish Silicon Valley von Wendy Liu gehen die Autorinnen der Frage nach, warum dieser Verblendungszusammenhang über Jahre funktioniert hat und warum eine toxische Mischung aus Größenwahn, Geschichtsvergessenheit und Effizienzdenken die ganze Welt über Jahrzehnte glauben ließ, dass sich so die Zukunft anfühlen muss.

Beide Autorinnen haben einen Teil ihrer Zwanziger damit verbracht, ihren Platz im Ökosystem Silicon Valley zu finden. Dass sie den nicht gefunden haben oder, besser gesagt, irgendwann aufgehört haben, ihn finden zu wollen, haben sie jetzt in Form von autobiografischen Ernüchterungsromanen aufgeschrieben.

Die Künstlerin und Autorin Jenny Odell knüpft da an, wo die Geschichten von Anna Wiener und Wendy Liu enden. Odell, die in Cupertino, der Geburtsstätte des Computer- und Software-Giganten Apple, aufgewachsen ist, hat selbst nie in der Tech-Branche gearbeitet und ist wahrscheinlich genau aus diesem Grund eine scharfe Beobachterin dessen, wie Internetfirmen unbemerkt unsere Aufmerksamkeit dirigieren. Odells Buch ist eine kluge Kulturkritik der Gegenwart. Umso unverständlicher ist die Entscheidung des Verlags, dem Buch einen nach Selbsthilfe klingenden Titel, How to Do Nothing (zu deutsch etwa: „Nichtstun leicht gemacht“), zu verpassen.

So unterschiedlich die drei Bücher sind, gemeinsam haben sie, dass sie das Silicon Valley nicht länger als Epizentrum vor sich hin tüftelnder blasser Computernerds verharmlosen, sondern als das beschreiben, was es ist: Ein milliardenschweres Wirtschaftssystem, das von Ideologie und Expansionslust getrieben ist und seit Jahren erfolgreich die Gesellschaft gestaltet. Dass dies nicht nur ohne demokratische Legitimierung geschieht, sondern auch ohne den Hauch von Verantwortungsbewusstsein, erfahren wir in Code kaputt auf schmerzlich unterhaltsame Weise. Uncanny Valley, also „Unheimliches Tal“, so lautet der Titel im englischen Original, ist in den USA bereits Anfang des Jahres erschienen und wurde von Kritikerinnen und Kritikern schon vor seinem Erscheinen euphorisch gefeiert.

Die Essayistin und Buchautorin Rebecca Solnit bezeichnete Anna Wiener als „Joan Didion im Start-up“. Reiste Joan Didion in den sechziger Jahren durch die abgelegenen Täler Kaliforniens, bewegt sich Anna Wiener durch die unendlichen Weiten der Bürolofts von San Francisco. Mit elektronischer Tanzmusik, EDM, wie dieses Pop-Genre genannt wird, in den Ohren: „Es war der Musikstil meiner Generation, der Sound von Videospielen und Computereffekten, der Soundtrack des Ausverkaufs. Es war dekadent und billig produziert, die Musik einer ahistorischen Zeit, der Globalisierung – oder vielleicht des Nihilismus, aber in lustig.“

Anna Wiener hatte ihren schlecht bezahlten Verlagsjob in New York gekündigt und bahnte sich nun als Mitarbeiterin im Kundenservice ihren Weg durch Buch-, Analytics- und Open-Source-Start-ups. Und Wiener, Jahrgang 1987, kam wie die meisten ihrer Altersgenossen nicht darum herum, erst mal beeindruckt zu sein: Von so viel Gehalt auf ihrem Konto, dem Massageservice am Arbeitsplatz, den Mittagessen auf Kosten ihres Arbeitgebers und vor allem: den vielen enthusiastischen Kollegen. Kollegen ohne Binnen-I, denn sie war in einer Welt angekommen, in der Männer gerne unter sich bleiben.

Dass das nicht nur zu einer ungesunden Unternehmenskultur führt, sondern auch über die Grenzen der Büroräume hinaus ungesunde Auswirkungen hat, wurde Wiener bald klar: „Ich fasste mein blindes Vertrauen in ehrgeizige, aggressive, arrogante junge Männer aus hübschen Vororten als meine persönliche Symptomatik auf, aber es war ganz und gar nichts Persönliches. Es war ein globales Leiden.“ Sie witterte, dass der Enthusiasmus, der ihr an jeder Ecke San Franciscos entgegenschlug, einen hohen Preis hatte. Denn hinter der Anpackmentalität steckte ein bewusst kultivierter Tunnelblick oder auch eine selbstgefällige Portion Ignoranz.

Die Beispiele dafür sind endlos in Anna Wieners Buch: Da gibt es den Start-up-Gründer, der Bücher kürzer machen will, um das kollektive Lerntempo effektiv zu erhöhen, es gibt einen Entwickler, der denkt, er könne die Wohnungskrise von San Francisco lösen, indem er die Obdachlosen in mobile Wifi-Spots verwandelt, und da ist der aufstrebende Investor, der Alteingesessene beschuldigt, die Immobilienpreise in die Höhe zu treiben, weil diese am Mieterschutz festhalten.

Während die selbst ernannten Genies dabei sind, ihre Umwelt gut gelaunt dem Optimierungsfetisch zu unterwerfen, merken sie nicht, dass sie dabei sind, das Leben wegzurationalisieren. Auf wessen Kosten, ist dabei zweitrangig.

Auch Wendy Liu dachte lange genau so. Nur, dass sie das nicht als Optimierungsfetisch, sondern als Effizienzethos bezeichnet hätte. Aufgewachsen in Toronto, begann sie mit zwölf Jahren, ihre ersten Websites zu programmieren. Als Teenager las sie die Bücher der russisch-US-amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand, die als literarisches Sprachrohr eines ganz besonders radikalen Libertarismus gelten kann: Der Staat solle sich doch bitte aus den meisten Bereichen des Lebens heraushalten.

Ausweg: Politisierung

Wendy Liu absolvierte ihr erstes Praktikum bei Google. Das Silicon Valley lag vor ihr wie eine verheißungsvolle Zukunft. Dass sich diese Zukunft wie ein nicht enden wollendes und immer schneller drehendes Hamsterrad anfühlt, hatte Liu nicht geahnt, umso heftiger dann ihr Aufwachen. Abolish Silicon Valley (übersetzt etwa: „Das Silicon Valley abschaffen!“) beschreibt vordergründig diesen Ernüchterungsprozess, ist aber eigentlich ein Bericht über den Prozess einer Politisierung.

Die Kurzsichtigkeit, die Anna Wiener bei ihren Kollegen und Vorgesetzten beobachtet, muss sich Liu selbst Schritt für Schritt abtrainieren. Die Mythen des Kapitalismus, dass jeder entsprechend seinen Fähigkeiten entlohnt wird, vergessen. Aufgerüttelt wird sie 2016 von der Wahl Donald Trumps. Lius Transformation vom monothematisch interessierten Programmiererinnengenie zur Revolutionsführerin vollzieht sich dann aber doch etwas schnell. Abolish Silicon Valley liest sich in weiten Teilen der zweiten Buchhälfte wie eine Seminararbeit zum Thema Kapitalismuskritik. Umso wertvoller sind die Einblicke, die Liu in ihre eigene Geschichte im ersten Teil des Buches gibt.

Mindestens so kritisch, aber mit weniger Vorschlaghammer geht es bei Jenny Odell zu. Die Berkeley-Absolventin und Hobby-Ornithologin beschäftigt sich als Künstlerin mit den Auswirkungen des Internetzeitalters auf unsere Aufmerksamkeitsstrukturen. How to Do Nothing ist eine ästhetische Widerstandstheorie, die sich aus den Beobachtungen ihres eigenen Lebens in direkter Nachbarschaft zum Silicon Valley speist.

Fast beiläufig verwebt Odell ihren eigenen Erfahrungsraum mit den Theorien des französischen poststrukturalistischen Philosophen Gilles Deleuze und dem Denken des österreichisch-israelischen Religionsphilosophen Martin Buber. Referenzen auf Walter Benjamin und Sokrates fließen in ihren Text ein. Trotz dieser theoretischen Ebene schafft es Jenny Odell, mit ihrer Sprache die Gegenwart erfahrbar zu machen. Dazu muss man freilich sagen, dass es hier um die Gegenwart einer relativ privilegierten Mittelschicht handelt. Ziemlich nonchalant zeigt sie, wie die Belohnung von Effizienz und die Diskreditierung von allem Nicht-Produktiven eine Zersetzung gemeinschaftlicher Strukturen befördert.

Um deutlich zu machen, wie sich diese Antikultur in unserem Alltag manifestiert, zieht Odell immer wieder ihr unmittelbares urbanes Umfeld heran. Da ist zum einen San Francisco, eine Stadt, die sich vom Ort der Gegenkultur zu einem von Vorstadtjungs erdachten pseudourbanen Simulakrum entwickelt hat. Aber auch in Oakland, wo Odell lebt, gibt es kaum noch Orte, an denen sich Bewohner unterschiedlicher Milieus begegnen. Die Bubbles des Internet haben sich längst in die städtischen Sphären übersetzt. Die größte Malaise unserer Zeit aber sieht Odell darin, dass auch unsere kognitive Landschaft von den in ihrer Nachbarschaft erdachten Apps und Services okkupiert ist.

Anders als die Mehrheit der gegenwärtigen Selbsthilfe- und Erleuchtungsliteratur plädiert Odell deswegen aber nicht für einen radikalen Rückzug. Statt eines apolitischen Aussteigertums will sie die radikale Reintegration. Und die beginnt zwangsläufig bei der eigenen Aufmerksamkeit. Jenny Odells Ziel ist poetisch und politisch zugleich, eine Welt, in der sich Kontemplation und Partizipation nicht gegenseitig ausschließen. Es geht darum, sich nicht länger blenden zu lassen, von CEOs, die einem ein Like als diese Partizipation verkaufen wollen. Das hat zu lange zu gut funktioniert.

Info

Code kaputt. Macht und Dekadenz im Silicon Valley Anna Wiener Cornelia Röser (Übers.), Droemer 2020, 320 S., 18 €

Abolish Silicon Valley. How to Liberate Technology from Capitalism Wendy Liu Repeater 2020, 244 S., etwa 13 €

How to Do Nothing. Resisting the Attention Economy Jenny Odell Melville House 2019, 256 S., etwa 19 €

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06:00 09.09.2020

Ausgabe 39/2020

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