Budapest - Die Stadt der Gegensätze

Stadtbeschreibung Ein Versuch, anhand zweier Orte den Zwiespalt dieser Stadt und ihre Atmosphäre darzustellen.
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Zierlicher Jugendstil trifft auf brutalen Sozialismus. Wand an Wand drängen sich feine Verzierungen gegen die graubraune Betonverkleidung eines Plattenbaus. Budapest erscheint romantisch schön und bei genauerer Betrachtung erschreckend zugleich.

Unbeholfen stolpern wir durch die Winkel dieser Stadt. Schöne Cafés hier, romantische Bootstouren da, bunte Märkte, schillernde Häuser und Starbucksläden in Plattenbauten, an denen die Fassade bröckelt, ziehen an uns vorbei.

Und plötzlich stoßen wir auf einen kleinen Platz mit besonderer Atmosphäre: Ein Denkmal, umzingelt von auffälligen Protestbannern und farbigen Texten in verschiedensten Sprachen. Ein merkwürdiges Bild. Interessiert fotografieren Touristen diese bühnenähnliche Situation, ohne die Hintergrundgeschichte zu erfragen. Ohne zu ahnen, wie hier die ungarische Geschichte des Zweiten Weltkrieges absichtlich verfälscht wird.

2014 wurde die hier auf dem Freiheitsplatz erscheinende Statue des Erzengel Gabriels errichtet. Mit einem Reichsapfel in der Hand wirkt die Figur vorerst harmlos bis gewöhnlich. Doch der angreifende (deutsche Reichs-)Adler verändert die Interpretation drastisch. Die Statue Gabriel steht in diesem Bildnis für das 1944 von Deutschland eingenommene Ungarn. Ganz, als hätte sich das Land während des Krieges vollständig in der Opferrolle befunden. Die Kontrollierten und Unterdrückten, die keine Wahl hatten. Was für eine vereinfachende Selbstwahrnehmung.

Auch wenn es natürlich Widerstände in Ungarn gegen die Übernahme durch die Nationalsozialisten gab, so wurde Deutschland doch von vielen als großer Partner gesehen. Die ausführenden Behörden wurden zu einem großen Teil weiterhin vom ursprünglichen, ungarischen Personal geleitet und kontrolliert – und so auch die Beteiligung an der Auslieferung von 450.000 Juden in den ersten zwei Monaten nach Verlust der Souveränität. Die Fidesz Partei widmet dieses Denkmal„allen Opfern“. Dabei schiebt sie die alleinige Schuld Deutschland zu und vergisst, ihre eigene aufzuarbeiten. Die Protestbanner wenige Meter vor diesem traurigen Sinnbild erzeugen allerdings wesentlich mehr Aufmerksamkeit, als die Statue selbst und erscheinen daher wie ein Lichtblick. Ein Zeichen, dass nicht alle sich an der Umdeutung und Verleumdung der Geschichte beteiligen werden. Ein Hinweis, dass sich noch genügend Budapester laut und mutig dieser Regierung entgegen stellen.

Das Parlament, keine Hundert Meter von eisernen Schuhen zum Gedenken an grauenhafte Ermordungen vieler Juden an dieser Stelle entfernt, ragt wie ein Palast in den Himmel. Fast ergreift einen hier das Gefühl, progressive Weltpolitik betreiben zu können. Der Palast könnte zum Symbol der Demokratie, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auserkoren sein, so anmutig und prunkvoll blickt er auf die Donau. Doch stattdessen repräsentiert er nur Stolz.

Den Stolz, hier geboren zu sein. Den Stolz vieler Ungarn, besser zu sein. Den Stolz, sich dieses Parlament und dieses Land nicht (‚wieder‘) wegnehmen zu lassen.

Vor dem Parlament wird zur Abkühlung leichter Wasserdunst aus dem Boden gestoßen. Kinder spielen, Menschen lachen, die Statue eines früheren Herrschers sitzt anmutig auf seinem metallenen Ross wenige Meter entfernt. Eine schöne Szene. Und ich sitze da, inmitten kleiner Wasserfontänen, fotografiere diesen Moment, genieße die Sonne. Und mir schießt ein Gedanke durch den Kopf:

Brot und Spiele scheint zu funktionieren.

22:38 17.03.2019
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Geschrieben von

Antonia Leonie Peißker

Berlinerin, die versucht, diese Welt zu verstehen - und etwas gerechter zu gestalten.
Antonia Leonie Peißker

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