Kapitalistischer Realismus und das Ende der Zeitrechnung

Kapitalismus Wenn Veränderung utopisch und der Status quo unanfechtbar wird. Über Antikapitalismus, Aktivismus und post-ideologische Ideologie.

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Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.

Frederic Jameson, Slavoj Žižek

Wir leben in einer Welt, in der die Zeit zum Stillstand gekommen ist. Geschichtsschreibung ist an ihrem Ende angelangt; Veränderung wurde unmöglich gemacht, verbannt in das Reich des Absurden und das Metier naiver Utopisten. Das kapitalistische System präsentiert sich als Lösung für, nun ja, alles. Es hat die Gegenwart erobert, es gestaltet die Zukunft und es rekonstruiert sukzessive die Vergangenheit. Es existiert nur ein System; es hat schon immer nur ein System existiert.

Über Widerstand

Scheinbar gegen das Establishment gerichtete Bewegungen gehen nun im Kapitalismus auf und stärken diesen, anstatt ihn zu untergraben. Extinction Rebellion, Fridays for Future, Letzte Generation und ähnliche Gruppierungen fungieren vor allem als Plattform für privilegierte Weiße, um ihren kapitalistischen Lebensstil vor sich selbst zu rechtfertigen. „Ich tue wenigstens etwas. Ich versuche es", scheinen sie uns zuzurufen, während sie Straßen blockieren und damit den Unmut der Arbeiterklasse auf sich ziehen oder vorab genehmigte und von der Polizei sanktionierte Proteste organisieren. Insbesondere Extinction Rebellion ist dafür bekannt, aktiv mit Ordnungskräften und Polizisten zu kollaborieren, ihren Unterdrückern und dem System, welches sie angeblich ablehnen, Beifall spendend, aktiv danach strebend verhaftet zu werden und darauf auch noch stolz zu sein.

Die meisten Klimaaktivisten wollen das System gar nicht bekämpfen, sie wollen es nur verändern und zur Vernunft bringen. Doch man kann mit einem sich selbst verstärkenden, sich selbst entwickelnden, anpassenden, allumfassenden, gefühllosen System nicht diskutieren. Jene, die über die Macht verfügen, echte und nachhaltige Veränderungen zu bewirken, werden dies niemals aus eigenem Willen tun. Und schon gar nicht aufgrund von ein paar friedlich protestierenden „Single-Issue-Aktivisten".

Grüner Kapitalismus und Regenbogenkapitalismus sind der Beleg für die erstaunliche, selbstgesteuerte Anpassungsfähigkeit des Systems. Hoffnung und Moral wurden zu Produkten gemacht, die für Profite verkauft werden. Der Klimawandel selbst ist zu einer Industrie geworden, gebaut auf privilegiertem Aktivismus und guten Gewissen. Öl- und Kohleindustrien sollen durch „nachhaltige" Technologien ersetzt werden, welche wiederum auf der Ausbeutung von Arbeitern und dem Raubbau von seltenen Metallen und anderen Rohstoffen beruhen. All dies ohne jemals die Existenz von Industrie an sich infrage zu stellen. Ohne jemals den Preis für Kosteneffizienz infrage zu stellen.

Selbst direkter Antikapitalismus ist weitgehend in Kapitalismus aufgegangen – wurde Teil des Dogmas. Cyberpunk-Fiktion stellt uns gigantische Megakonzerne als das Böse dar, welches es zu vermeiden und zu bekämpfen gilt; in unzähligen TV-Serien und Filmen werden uns Wirtschaftsbosse und Manager als seelenlose, egoistische und gierige Psychopathen präsentiert. The Big Short, ein Film über die Finanzkrise von 2008 mit Christian Bale, Ryan Gosling, Steve Carell und Brad Pitt in den Hauptrollen, spielte bei einem Budget von 50 Millionen Dollar 133 Millionen Dollar ein. Für ein paar Stunden machte er uns wütend. Wütend, während wir an unseren Coca-Colas nippten und unser Popcorn aßen, die Kinokarten bezahlt. The Wolf of Wall Street inspirierte eine Generation von Möchtegern-Neoliberalen und weckte in ihnen die Hoffnung, dass auch sie Teil der Elite werden können. Reich werden, Drogen konsumieren, Partys feiern und Sex mit allem was laufen kann. Der zynische Charakter des Films verloren an eine Generation von entfremdeten und perspektivlosen Jugendlichen, welche begierig auf alles aufspringen das ihnen helfen könnte, dem Status quo zu entkommen. Sei es der Aktienmarkt und hochriskante Investments, Unternehmertum, „Hustle-Kultur" oder irgendetwas anderes Befreiung versprechendes. Letztendlich dient dies alles dazu, Kapitalismus weiter zu festigen und zu legitimieren. Wenn du sie nicht verändern kannst, werde einer von ihnen.

Es geht hier nicht darum, solches Verhalten zu verurteilen. Auf die eine oder andere Weise sind wir alle dessen schuldig. Es geht vielmehr darum aufzuzeigen, dass es kein Entrinnen vor dem Kapitalismus gibt und es nicht möglich ist, ihn zum Guten zu verändern. Kapitalismus ist kein bloßes Wirtschaftssystem; es ist eine Lebensweise, eine Art, die Dinge zu sehen, die Welt zu interpretieren und vor allem eine Art alles und jedem einen monetären Wert zuzuweisen. Kapitalismus ist eine Ideologie möglicherweise die mächtigste je erdachte. Ein Teil dessen Stärke liegt darin, dass er nicht aktiv aufrechterhalten werden muss. Kapitalismus erhält sich selbst und ändert sich nur, wenn es profitabel ist. Die vermögende Elite, das obere eine Prozent, sind nicht die Hüter dieses Systems; sie sind lediglich eine Manifestation dessen.

Über Post-Ideologie

Faschismus erfordert ständige Propaganda; er erfordert Hingabe, eine Aufhebung jeglicher Moral und eine Art spirituelle Agenda – die inhärente Überlegenheit einer Rasse über andere, Reinheit und eine glorreiche Zukunft für all jene, die bereit sind, Teil der Maschinerie zu werden. Kapitalismus benötigt nichts dergleichen. Das kapitalistische Dogma festigt permanent seine eigene Existenz. Dazu bedarf es keiner Hilfe. Man ist zwangsläufig und automatisch Teil der Maschine. Tatsächlich gedeiht Kapitalismus in der völligen Abwesenheit jeglicher Wert- und Glaubensvorstellungen.

Kapitalismus erscheint als eine Art post-ideologischer Handlungsrahmen. Er machte alle anderen Ideologien obsolet und transformierte sie zu etwas, das um jeden Preis vermieden werden muss – etwas Böses. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fiel auch die letzte wahre Alternative, und Kapitalismus kann seitdem ungehindert herrschen, frei von jeglicher Illusion der Wahl. Wir reden uns ein, dass unser kapitalistisches System zwar nicht perfekt ist, aber immer noch die beste Option darstellt. Es könnte schließlich viel schlimmer sein. Wir könnten in einer autoritären Diktatur oder, noch schlimmer, in einem kommunistischen System leben. Indem alle Alternativen entweder als böse (Sozialismus, Kommunismus) oder als utopisch und naiv (Anarchismus, Kommunalismus) porträtiert werden, hat sich Kapitalismus als der Normalzustand etabliert. Er ist nicht bloß eine der Alternativen, er ist die einzige Alternative. Das Wort selbst verlor dabei jegliche Bedeutung.

Kapitalistische Ideologie nimmt in erster Linie die Form von scharfem Zynismus an, schreibt der slowenische Philosoph und Kulturtheoretiker Slavoj Žižek. Sie verhöhnt das Konzept von Ideologie selbst, während sie gleichzeitig unsere soziale Realität in einem noch nie da gewesenen Ausmaß strukturiert. Auf diese Weise sind Überzeugungen und Werte einer zynischen Distanz und einem beunruhigenden Maß an Apathie gewichen. Ja, Kapitalismus ist schlecht, ja, Ungleichheit ist schlimmer denn je, ja, wir verbringen unsere Leben damit, für Grundbedürfnisse und den Profit anderer zu schuften, ja, wir haben uns voneinander entfremdet und den Kontakt zur Natur verloren, ja, Armut und Hunger sind verbreiteter als je zuvor, ja, unsere Ökosysteme versagen und wir stehen am Rande des Zusammenbruchs, aber, hey, zumindest sind wir keine Kommunisten. Es könnte schlimmer sein, nicht wahr? Stellen Sie sich vor, Sie würden in Nordkorea oder im Iran leben, oh Mann. Radikaler Zynismus ist zur dominierenden post-ideologischen Ideologie geworden, zum Endpunkt jeglicher Entwicklung.

Über Antikapitalismus

Antikapitalismus ist zu einem nützlichen Bestandteil des Kapitalismus geworden. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller prägte den Begriff der „Interpassivität", um ein Phänomen zu beschreiben, welches den meisten von uns vertraut erscheinen wird. Unser Antikapitalismus wird nun von Fiktion für uns ausgeübt. Wir schieben unsere moralischen Verpflichtungen beiseite, indem wir uns antikapitalistische Filme, Dokumentationen und Fernsehsendungen ansehen oder bestimmte Bücher lesen. So fühlen wir uns besser und können weiter konsumieren. Es entlastet uns von unseren Verbrechen und schiebt unsere Verantwortung ab. Der Konsum von Antikapitalismus als Mittel der Aufrechterhaltung des Kapitalismus.

Die innere subjektive Einstellung ist, wie Žižek erklärt, an die Stelle des demonstrierten externen Verhaltens getreten. Solange wir in unserem Herzen glauben, dass Kapitalismus schlecht ist, solange wir antikapitalistische Medien konsumieren, Fair-Trade-Produkte kaufen und an friedlichen Protesten teilnehmen, können wir weiter partizipieren. Es ist eine Art kognitive Dissonanz, eine Form der Selbsttäuschung. Die ironische Distanz und Apathie – gegenüber Geld, Vermögen, dem Aktienmarkt, Reichen, der Politik – ist ein Bewältigungsmechanismus, welcher es uns erlaubt, mit dem Status quo und all dem Leid um uns herum zu leben. Selbst mit unserem eigenen.

Kapitalisierter Konzern-Antikapitalismus ist von „echtem" Antikapitalismus kaum mehr zu unterscheiden. Proteste, Demonstrationen, die Entwicklungshilfeindustrie und Aktivismus verblassen im Hintergrundrauschen der kapitalistischen Maschinerie. Sie stellen Forderungen, deren Erfüllung sie nicht erwarten, und bieten keine Alternativen zum Status quo. Anstatt Hoffnung zu wecken, anstatt alternative Institutionen und Prozesse zu etablieren, anstatt das gegenwärtige System zu untergraben und einen Weg hinaus aufzuzeigen, konzentrieren liberale Aktivisten ihre Energien auf ungerichteten Ärger. Die Bereitstellung echter Alternativen wird radikalen Linken, vor allem Anarchisten, überlassen, die wenig bis keine mediale Aufmerksamkeit, Publizität oder Unterstützung in der Öffentlichkeit erhalten. Es ist leicht, Kapitalismus zu hassen; es ist weitaus schwieriger, etwas Besseres zu schaffen.

Ebenso ist es einfach, unsere Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Situation auf Milliardäre und politische Eliten zu projizieren. Letztlich ist es jedoch unsere Mittäterschaft, die es ihnen ermöglicht, zu herrschen und andere auszubeuten. Kapitalismus ist ein hochgradig abstraktes Konzept, eine Illusion, die ohne unsere Mitwirkung bedeutungslos wäre. Geld, der mächtigste aller Motivatoren, verliert jeglichen Stellenwert, sobald wir ihm keinen mehr zuschreiben. In diesem Sinne erfüllen auch wirtschaftliche und politische Eliten einen wichtigen Zweck. Sie ermöglichen es uns, unsere Wut auf sie zu konzentrieren, ohne dabei tatsächlich etwas zu bewirken. Auf diese Weise findet das abstrakte System einen Sündenbock und verschafft den Massen moralische Entlastung. Zumindest sind wir nicht so schlimm wie diese hamsternden Milliardäre, nicht wahr?

In einem früheren Artikel befasste ich mich eingehend mit der Hilfsindustrie und dem Mythos der Entwicklungsförderung. In seinem Buch Capitalist Realism: Is There No Alternative? beschreibt Mark Fisher diese als eine Art von ideologischer Erpressung. Demnach wird vorausgesetzt, dass einzelne Individuen, also wir, an Armut und Hunger im globalen Süden schuld sind und dass wir diesen Plagen der Menschheit endlich ein Ende setzen könnten, indem wir ein bisschen mehr geben und ein wenig mehr tun würden, um zu helfen. Wir betreiben Kapitalismus einfach nicht auf die richtige Weise. Indem wir die richtigen Produkte kaufen, sozial bewusst konsumieren und andere auf die Problematik aufmerksam machen, könnten wir das unglaubliche Leid lindern. Und wenn wir das nicht können, nun, dann ist es ihre eigene Schuld – die Schuld ihrer korrupten Politiker und ihrer versagenden Institutionen. Die Kuriositäten des Kolonialismus und der Sklaverei in die Sicherheit der Geschichtsbücher verbannt.

Indem Diskussionen, die an den Fundamenten der postideologischen Ideologie rütteln, als lächerlich, naiv, utopisch oder als Produkt fehlgeleiteter Wut junger, desillusionierter Idealisten abgetan werden, sind wir nun schließlich am Ende der Geschichtsschreibung und dem Ende jeglicher Veränderung angelangt. Die Fundamente sind gelegt, es bleibt nur noch herauszufinden, wie hoch die Wolkenkratzer reichen können und ob sie ein Ende haben. Unendliches aus Endlichem nun kein Widerspruch mehr, sondern eine Zielvorgabe.

Sowohl Hegel als auch Marx glaubten, dass die Entwicklung menschlicher Gesellschaften nicht offen ist, sondern dann enden würde, wenn die Menschheit eine Gesellschaftsform erreicht hat, die ihre tiefsten und grundlegendsten Sehnsüchte befriedigt. Beide Denker postulierten also ein „Ende der Geschichte": für Hegel war dies der liberale Staat, für Marx die kommunistische Gesellschaft. Dies bedeutete nicht, dass der natürliche Zyklus von Geburt, Leben und Tod enden würde, dass wichtige Ereignisse nicht mehr stattfinden würden oder dass Zeitungen, die darüber berichteten, nicht mehr erscheinen würden. Es bedeutete vielmehr, dass es keinen weiteren Fortschritt in der Entwicklung der zugrundeliegenden Prinzipien und Institutionen geben würde, weil alle wirklich großen Fragen geklärt wurden.

Francis Fukuyama

Quellen und weiterführende Literatur

Bell, K., & Bevan, G. (2021). Beyond inclusion? Perceptions of the extent to which Extinction Rebellion speaks to, and for, Black, Asian and Minority Ethnic (BAME) and working-class communities. Local Environment, 26(10), 1205–1220. https://doi.org/10.1080/13549839.2021.1970728

Fisher, M. (2010). Capitalist Realism: Is There No Alternative? Zero Books.

Pfaller, R. (n.d.). 20 years of interpassivity. robert-pfaller.com. https://www.robert-pfaller.com/20-years-of-interpassivity

Statement on Extinction Rebellion’s relationship with the police. (2020, July 1). Extinction Rebellion UK. https://extinctionrebellion.uk/2020/07/01/statement-on-extinction-rebellions-relationship-with-the-police

Žižek, S. (1989). The Sublime Object of Ideology (Eighth Impression). Verso.

Dieser Artikel ist eine selbsterstellte Übersetzung meines englischsprachigen Originalartikels. Dieser ist unter folgendem Link verfügbar: https://antoniomelonio.medium.com/capitalist-realism-and-the-end-of-history-1d32471bae5d
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Geschrieben von

Antonio Melonio

Schreiben für Veränderung • Eine klare anti-kapitalistische Agenda • Niemand ist frei, solange nicht jeder frei ist
Antonio Melonio

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