COP27: Eine weitere Farce auf dem Weg in den Kollaps

Klimakrise Die konzerngesponserte Konferenz wird Politikern und "grünen" Unternehmen reichlich Gelegenheit bieten, nichts zu tun.

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Eine Bühne für Greenwashing
Eine Bühne für Greenwashing

Foto: Sean Gallup/Getty Images

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Vom 6. bis 18. November treffen sich unsere politischen und ideologischen Entscheidungsträger zur 27. Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP27); diesmal im ägyptischen Urlaubsort Scharm El-Scheich. Neben dem mittlerweile fast schon obligatorischen Greenwashing und neoliberalen „Techno-Hopium" seitens aller Beteiligten wird das Gastgeberland diese Gelegenheit ebenso dazu nutzen, sich als demokratische und freie Nation darzustellen und die entsetzliche Menschenrechtslage im Land unter den Teppich zu kehren.

Das eigentliche Thema der diesjährigen Konferenz, Klimagerechtigkeit zwischen dem globalen Norden und Süden droht ebenso wie der in den nächsten Jahrzehnten drohende Kollaps der kapitalistischen Welt zur Nebensache zu geraten.

Politische Gewalt und Risse in der Fassade

Afrikas Klimakonferenz, wie manche sie nennen, ist bereits der fünfte Klimagipfel auf afrikanischem Boden. Zum ersten Mal steht der Kontinent jedoch auch im Mittelpunkt des Interesses. Afrika beherbergt mehr als 16 % der Weltbevölkerung, ist aber lediglich für 3 bis 4 % des globalen Treibhausgasausstoßes verantwortlich. Die Auswirkungen der globalen Erwärmung sind hier weit verheerender als in anderen Regionen. Es erscheint ironisch und gewissermaßen passend zugleich, die neoliberale Klimashow hier zu veranstalten.

„Super lustig, einen Klimagipfel in einem Polizeistaat zu veranstalten, der von Coca-Cola gesponsert wird", fasste die Aktivistin und Autorin Naomi Klein kürzlich in einem Artikel für „The Intercept" die Stimmung zusammen. Von „bla, bla, bla" zu „Blut, Blut, Blut".

In Ägypten fristen die einzigen Menschen, die sich wirklich für die Zukunft des Planeten einsetzen, ein Dasein in dunklen Gefängniszellen, so Naomi Klein. Aufgrund von Aufrufen zu Protesten wurden im Vorfeld der COP27 Hunderte von Menschen verhaftet. Schätzungen zufolge gibt es in Ägypten rund 60.000 politische Gefangene. Das Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit sind stark eingeschränkt. Öffentliche Klimaproteste sind nur in einem speziell ausgewiesenen Areal gestattet, und auch dort wird der Zugang nur mit Akkreditierung gewährt.

In jedem Fall ist es fast unmöglich, überhaupt nach Scharm El-Scheich zu kommen. Der Touristenort, hauptsächlich aus Hotels und Strandanlagen bestehend, ist vom Meer, der Wüste und einer großen Mauer umschlossen und damit effektiv von der Außenwelt abgeschirmt. Ebenso wie die Politiker und Wirtschaftslobbyisten, die dort über all unsere Schicksale entscheiden.

Die politische Gewalt in Ägypten im Vorfeld der Klimakonferenz ist symptomatisch für den neuen Krieg um Kontrolle, mit dem sich alle Staaten konfrontiert sehen und der keineswegs nur den vermeintlich „unterentwickelten" Ländern vorbehalten ist. Während der Klimawandel unseren Planeten zunehmend verwüstet und wir von einer nutzlosen Konferenz zu einer nutzlosen Resolution zu einer weiteren nutzlosen Konferenz stolpern, wird staatssanktionierte Gewalt weiter zunehmen. Die Vorstellung, dass Regierungen zu härteren Maßnahmen greifen werden, um den Status quo aufrechtzuerhalten und eine zunehmend desillusionierte Bevölkerung unter Kontrolle zu halten, scheint keineswegs abwegig. Es ist der logische Schritt eines sich selbst erhaltenden Systems.

Vorläufig stellen Umweltaktivisten naturgemäß die offensichtlichen Ziele derartig eskalativer Maßnahmen dar. In einem früheren Artikel habe ich beschrieben, wie Aktivismus und Antikapitalismus zu einem großen Teil in den Kapitalismus einfließen und von diesem integriert werden – ein Prozess, den Mark Fisher als „kapitalistischen Realismus" bezeichnet. Aktivisten dienen dem System, indem sie unseren Antikapitalismus für uns betreiben. Gleichzeitig stellen sie zu keinem Zeitpunkt eine ernst zu nehmende Bedrohung für die kapitalistische Oligarchie dar.

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Dies könnte sich jedoch bald ändern, weswegen staatlich sanktionierte Gewalt weiter zunehmen muss. Momentan stellen Aktivisten keine ernsthafte Bedrohung dar. Sie sind lediglich Abweichungen von der Norm, die die meisten von uns aus der Sicherheit und dem Komfort unserer Wohnzimmer heraus betrachten und welche viele arbeitende Menschen gar aktiv verurteilen, wenn sie Straßen und Autobahnen blockieren oder Tomatensuppe auf Gemälde werfen.

Das unaufhaltsame Fortschreiten des Klimawandels könnte jedoch zu einer breiteren Form des Widerstands und Protests führen. Kapitalistischer Realismus kann lediglich durch unkontrollierbare externe Faktoren bedroht werden, welche dessen inneren Inkonsistenzen offenbaren. Endloses Wachstum ist letztlich nicht mit den ökologischen Realitäten unseres Planeten vereinbar. Diese Risse in der kapitalistischen Fassade sind nun offensichtlich geworden und werden auch nicht mehr verschwinden. Sobald sie eine gewisse Größe erreichen, wird die soziale Realität, die das liberal-kapitalistische System konstruiert hat, zu bröckeln beginnen. Ist der Schleier erst einmal gelüftet, wird Widerstand zur neuen Norm.

Schall und Rauch

Rund um den Globus und insbesondere in Ländern des globalen Südens, wütet inzwischen eine scheinbar nicht enden wollende Flut von Katastrophen, welche in Verbindung mit dem Klimawandel stehen. Klimaforschern zufolge ist dies erst der Beginn, und wir sollten uns auf viel, viel Schlimmeres gefasst machen. Was werden unsere politischen Entscheidungsträger tun, um diesen beunruhigenden Trend zu bekämpfen?

Im Untertitel dieses Artikels habe ich erklärt, dass sie das tun werden, was sie immer tun: Nichts. Diese Aussage war möglicherweise etwas zu simplifizierend. Ja, Politiker und Wirtschaftsvertreter werden nichts tun, um den Klimawandel zu verlangsamen oder zu stoppen, solange dessen Forderungen mit Wirtschaftswachstum und Profiten in Konflikt geraten. In einem zunehmend verzweifelten Versuch, die Risse in der Fassade zu verbergen, werden sie jedoch alles in ihrer Macht Stehende tun, um den Eindruck zu erwecken, dass in der Tat alles Menschenmögliche unternommen wurde.

COP27 wird folgende Resultate hervorbringen:

  • Dramatische Reden und Appelle an die Öffentlichkeit.
  • Unverbindliche Zusagen und Resolutionen.
  • Verurteilungen und Schuldzuweisungen an nicht-westliche Nationen wie China, Russland oder Indien und Appelle an diese Treibhausgasemissionen zu reduzieren.
  • Appelle an die individuelle Verantwortung.
  • Weitere Investitionen in „grüne" Technologien sowie Subventionen für fossile Unternehmen, um diesen „den Übergang zu erleichtern".
  • Unbegründete Hoffnungen auf technologische Lösungsansätze wie die CO2-Sequestrierung (CCS).

Da die Risse unaufhaltsam breiter werden, könnte der diesjährige Klimagipfel im Vergleich zu früheren Klimakonferenzen zu einer leichten Zunahme radikaler Phrasen und Handlungsaufrufe verleiten. Letztendlich wird es nur Schall und Rauch sein. Das kapitalistische System und die BIP-Wachstumsdoktrin werden nicht infrage gestellt und es werden auch keine notwendigen politischen Veränderungen wie das Verbot legaler Korruption („Lobbyismus") oder ein Ausbau direkter Demokratie angestoßen.

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Klimawandelkonferenzen werden von Machthabern in erster Linie dazu genutzt, Aufmerksamkeit zu erregen, argumentierte die Klimaaktivistin (und nun auch Antikapitalistin) Greta Thunberg kürzlich. Und sie hat recht. Dabei kommen „viele verschiedene Arten des Greenwashing" zum Einsatz. Klimakonferenzen, so Thunberg, seien „nicht dazu gedacht, das ganze System zu verändern", sondern dazu, inkrementelle Fortschritte zu erzielen. „So, wie es aussieht, funktionieren COPs nicht wirklich, es sei denn, wir nutzen sie als Gelegenheit zur Mobilisierung".

Dies scheint eine angemessene Beschreibung des Geschehens. Klimakonferenzen erfüllen einen ganz klaren Zweck: Indem der Anschein geweckt wird, dass etwas getan wird, indem Resolutionen verabschiedet und dramatische Reden gehalten werden, wird dem liberal-kapitalistischen System eine willkommene Illusion von Kontrolle geliefert.

„Wir haben alles unter Kontrolle", versichern sie uns, während sie Investmentbanken mit Steuergeldern retten. „Nichts wird passieren", schlussfolgern sie, während sie Milliarden in angeblich grüne Technologien stecken, welche von denselben Konzernen entwickelt werden, die diesen Planeten in wenigen Jahrzehnten für Menschen unbewohnbar machen werden und die unter denselben Bedingungen und Grundsätzen der Expansion, Ausbeutung und individuellen Bereicherung wie zuvor operieren.

Klimagerechtigkeit?

Mohamed Nasr, Ägyptens Hauptzuständiger für Klimafragen, erklärt, wie das nordafrikanische Land als „Brücke zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden" fungieren könnte. Schließlich soll das zentrale Thema der diesjährigen Konferenz Klimagerechtigkeit sein.

Während die reichen Industrienationen des Nordens einen Großteil der Klimakrise zu verantworten haben, sind es die Länder des globalen Südens, die am meisten unter den dramatische Folgen wie Überschwemmungen, steigendem Meeresspiegel, Dürre und Hitze leiden.

Die zentrale Forderung des globalen Südens bei der diesjährigen Klimakonferenz ist, dass der globale Norden endlich für die Schäden aufkommt, die er in der Vergangenheit verursacht hat und in Zukunft verursachen wird ein Klimafonds zur Unterstützung der von der Krise am stärksten betroffenen Länder. Eine Forderung, die auf der letzten Klimakonferenz vom Westen entschieden abgelehnt wurde. Bereits 2009 versprachen die Industriestaaten jährliche Zahlungen von rund 100 Milliarden Dollar, beginnend im Jahr 2020 – ein Versprechen, welches bis heute nicht eingelöst wurde.

Der Westen trägt eine immense Schuld gegenüber dem Rest der Welt. Nicht nur für die bereits heute katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels, sondern auch für die historische Ausbeutung des globalen Südens. Kolonialismus, Sklaverei, ungerechtfertigte Kriege und Staatsstreiche, Wirtschaftssanktionen, ungerechter Handel und Neokolonialismus beginnend in den 1970er-Jahren haben die Welt in Armut gehalten, während sie dem Westen ein Leben in nie da gewesenem Luxus ermöglichten. Die Schuld, die wir tragen, lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Wo würde man überhaupt anfangen zu zählen?

Kollaps

Nach Ansicht von Experten muss der weltweite Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen bis 2030 auf die Hälfte reduziert werden. Andernfalls, so argumentieren sie, kann das Ziel, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, nicht erreicht werden. Tatsächlich ist es viel wahrscheinlicher, dass wir eine Erwärmung von 2,5 bis 3,0 Grad Celsius oder mehr erleben werden; und wir haben keine Vorstellung davon, wie wir in einer solchen Welt überleben können. Die heutige Erwärmung von etwa einem Grad Celsius und all die daraus resultierenden Katastrophen und Krisen machen dies deutlich.

Der Weg in die Katastrophe wird nicht linear verlaufen, sondern von einer lange Reihe von Auf- und Abschwüngen mit Plateaus und Phasen der Stabilität dazwischen charakterisiert sein. Wird der Krisenzustand zur Normalität, nehmen politische Gewalt und Propaganda von allen Seiten zu. Faschistische Regimes werden kommen und gehen, während der liberale Kapitalismus versuchen wird, sich neu zu erfinden und seine marode Fassade zu konservieren. Der einzige Ausweg ist ein tiefgreifender Umbruch, wie es ihn seit dem Beginn der Industrialisierung nicht mehr gegeben hat. Im Moment scheint ein Kollaps wahrscheinlicher.

Dieser Artikel ist eine selbsterstellte Übersetzung meines englischsprachigen Originalartikels. Dieser ist unter folgendem Link verfügbar: https://antoniomelonio.medium.com/cop27-yet-another-farce-on-our-path-to-collapse-b34b329c336c
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Antonio Melonio

Schreiben für Veränderung • Eine klare anti-kapitalistische Agenda • Niemand ist frei, solange nicht jeder frei ist
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