Langzeitfolgen des Krieges

Bundeswehr In München detoniert fast 70 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges eine Fliegerbombe, was uns auf erschreckende Weise die Langzeitfolgen des Krieges vor Augen hält.
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Nein, die Amerikaner sind nicht unsere Feinde, erkläre ich meinem Enkel auf dem Weg zur Schule im Münchner Stadtteil Schwabing. Er sieht die Verwüstungen, die die Detonation angerichtet hat und wundert sich, dass es im real live manchmal ernster zugeht als in seinen games.

Der Zweite Weltkrieg liegt für ihn in unendlich weiter Ferne. 70 Jahre sind für ihn ein unvorstellbar langer Zeitraum. Das Jahr 1945 siedelt er irgendwo im Universum zwischen Uranus und Saturn an - Lichtjahre von uns entfernt. Da es zu jener Zeit weder Smartphones, Whatsapp noch Facebook gab, geht er davon aus, dass die Menschen damals noch auf Bäumen lebten oder zumindest in Höhlen hausten, aber definitiv nicht zivilisiert, womit ich ihm partiell recht geben muss.

Wir begegnen Bürgern, die über Nacht obdachlos geworden sind und Geschäftsleuten, die plötzlich vor dem Nichts stehen. Nachrichten in Zettelform an Häuser Fassaden, die eher an Srebrenica oder Ground Zero erinnern, als an das Münchner INN Viertel Schwabing im Jahre 2012.

Ich beobachte meinen Neffen, wie er den Krater und das umliegende Gelände inspiziert und freue mich, dass er in seinem zarten Alter bereits solch eine Erfahrung gemacht hat. Er hat nun eine vage Vorstellung, welche Auswirkungen Kriege haben, er weiß nun, dass Explosionen auch in der Lage sind andere Dinge außer Pixel zu verformen.

So eine Bombennacht ist für Kinder aufregend, „gehen wir schauen“, nachdem die Himmel über München hell brannte und die Fernseh-Nachrichten im Vergleich verblassen ließ.

Später in einem Cafe ganz in der Nähe des Schwabinger Kriegsgebietes lese ich Zeitung und spüre wie sich in mir ein Ekel bei gewissen Themen breitmacht. Israel stellt Überlegungen an im Iran einzumarschieren „rein präventiv“, in Syrien wird weiter gemetzelt und der Abzug aus Afghanistan gestalte sich „schwierig“. Ich frage mich, ob diese Politiker Kriege, wie mein Neffe, als Games betrachten, die lediglich ein paar Pixel verunstalten.

Die Frage erübrigt sich, denn es gibt keinen Grund auf Politiker zu zeigen, denn war ich nicht kürzlich auch noch der Meinung, dass die Intervention im ehemaligen Jugoslawien richtig, oder besser, unumgänglich war? Ein neuer Tweet unterbricht den Gedanken, Tenor: wann marschieren wir endlich in Syrien ein, verfasst von einem bekannten Kolumnisten einer noch bekannteren überregionalen Zeitung.

Ich spüre Wut, die zwischen Kopfhaut und den Magenschleimwänden ein Gefühlsdurcheinander produziert. Wissen die denn nicht? Natürlich wissen sie nicht, schließlich ist Schwabing nicht der Mittelpunkt der Welt (die Schwabinger möchten mir diese Unterstellung verzeihen). Mein Zorn über meine einstige Meinung will nicht verblassen. Damals stimmte ich für einen Krieg, ja, wie blöd kann ein Erwachsener denn sein? Grün im Geiste aber scheinbar farblos im Herzen und vor allem wesentlich unreifer als mein Neffe.

Die Langzeitfolgen des Krieges sind unkalkulierbar. Die Verwüstungen sind dabei sekundär, denn der Schaden, der in den Herzen der Opfer entsteht ist meist irreparabel. Die Kinder des Irak, Afghanistan und Israel werden vielleicht verstehen, über was ich spreche, der erwähnte Kolumnist eher nicht. Er wird, nachdem er seine Botschaft an 1,6 Millionen Leser verteilt hat, in seinem Mittelklassewagen steigen und zu seiner bürgerlichen Familie fahren und wenn es an der Zeit ist, die passenden Tugenden predigen. Am Abend ertappt er vielleicht sein Kind bei einem verbotenen Computerspiel und ich stelle mir seine verlogene Empörung vor.

Seit ein paar Jahren darf die Bundeswehr wieder bei Kampfeinsätzen im Ausland mitspielen. Vermutlich geht es um Potenz. Imponiergehabe? Was auch immer. Ich zeige nicht mit dem Finder auf diejenigen, die…, sondern auf mich. Ich muss achtsam sein und meine Meinungen in dieser schnellen Welt gelegentlich überdenken, bevor ich sie öffentlich äußere, denn meine Meinung und meine Stimme können ausschlaggebend sein. In Zukunft. Bevor wieder Bomben fallen. Irgendwo zwischen Uranus, Jupiter und Schwabing.

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Geschrieben von

Antonymus

Life is what happens to you while you are busy making other plans - John Lennon
Antonymus

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