HARDCORE REALITY

Kino Hardcore Henry nimmt uns mit auf eine neunzigminütige Reise in die Zukunft und bleibt doch den Weisen der Gegenwart verhaftet, als wäre das Morgen noch nicht geschrieben.
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Eingebetteter MedieninhaltNeunzig Minuten Gewalt, Blut, Schläge, Schüsse.
Neunzig Minuten Ego-Perspektive.
Neunzig Minuten, in denen jede Bewegung des Protagonisten zu einer Kamerabewegung wird.
Ein Exzess der Bewegung.
Hardcore Henry nimmt uns mit auf eine neunzigminütige Reise in die Zukunft und bleibt doch den Weisen der Gegenwart verhaftet, als wäre das Morgen noch nicht geschrieben.
Der Protagonist, Henry, erwacht in einem Labor.
Wir sehen einen Körper, auf den hinuntergeblickt wird.
Kinetische Prothesen, die Bein und Arm ersetzen.
Die Umrisse - eine Frau.
Sie erklärt, dass es Schmerzen wird. Sie erklärt ihm, wer er ist. Im Laufe dieser Szene soll sie ihm sagen, dass sie seine Frau ist. Steckt ihm einen Ring an.
Für Henry die einzig kohärente Information, die ihn begleiten wird. Und die bei der Entführung dieser seiner Frau durch seinen Widersacher zum zentralen Antrieb wird. Ebenso linear wie Henrys Handlungsmotivation, die Rettung seiner Frau, von nun an auch die Handlung des Films.
Ein Exzess der Linearität.
Henrys Perspektive wird zu unserer, seine Bewegung verfolgen wir mit unseren Blicken. Nur was er sieht und was er weiß, sehen und wissen wir. Was ihm gesagt wird, trägt uns ebenso in der Handlung weiter, wie es ihn in seinen Handlungen weiterträgt. Diese in den Superlativ erhöhte Linearität ist zwar simpel, kommt aber menschlicher Erfahrung näher als die Melange unterschiedlicher Perspektiven und Erzählräume, die wir im Medium Film gewohnt sind.

So ist der Betrachter mehr als nur ein Beobachter der Abläufe, sondern ist gleichsam geworfen, in die Mitte dieser Orgie aus Gewalt und Parcouring. Es bleibt ihm kaum Zeit zu verweilen, mit dem Blick haften zu bleiben in diesem Exzess aus Bewegung und Perspektive. Mit einer Dynamik, so gewaltig wie zuletzt bei Mad Max - Fury Road.
Dem Betrachter bleibt kein klassisches Setting des Action-Genres verwehrt, keine klassische Szene bleibt aus: Labore, stillgelegte Hochhäuser, Autobahnen und Schnellstrassen, Wälder, U-Bahn Stationen. Auch die Charaktere scheinen zunächst wenig innovativ in Form und Sein: ein Widersacher, der nichts geringeres als die Weltherrschaft anstrebt, überdurchschnittlich grausam, überdurchschnittlich markant in Erscheinung und Bewegung und natürlich überdurchschnittlich wahnsinnig. Die schöne Frau, die verwoben ist mit der Person des Helden. Sexy, mutig, stark, aber auch nur bis zu jenem Punkt, an dem es dem Protagonisten nicht den Ruhm nimmt. Der verrückte Gefährte. Selbst eine gestrandete und geschundene Seele, doch stets um Menschlichkeit bemüht. Irgendwo zwischen Gut und Böse schwankend. Die Statisten der Gewalt auf Seiten des Bösen: kleinere Anführer, harmlosere Varianten des Ultrawidersachers, die auf dem Weg zum Endboss mit ihrer eigenen Boshaftigkeit aufwarten.

Die Statisten der Unschuld auf Seiten des Guten: Opfer, hier und da. In dem uns bekannten Alltag agierend, sich an uns bekannten Orten herumtummelnd. Dort werden sie geschlachtet/geopfert - meist auf plötzliche und spektakuläre Weise. Auf ewig verdammt, das Setting nicht zu verlassen.

Und tatsächlich, die Handlung bietet auch keinerlei neue Wendungen, wäre für sich, in einem der beiden Bereiche Film oder Ego-Shooter genommen dünn und fad.
Doch eben diese Simplizität belegt Hardcore Henry mit einer Ironie, die besticht.

Die Verwebung von Actionfilm und Actionspiel werden uns quasi mit der Bazooka präsentiert.
Ähnliche Motive, Narrative und Konzepte. Wir kennen die Welten der Wälder, leerer Hochhäuser, U-Bahn Stationen und Helikopter ebenso aus dem Bereich virtueller Spielerealitäten. Dort ist es uns bereits möglich, zu interagieren und uns nicht bloß als Betrachter in diese Welten zu begeben.
Hardcore Henry scheut sich nicht, in eine Vielzahl dieser Welten reinzuschauen, sie zu begehen, zu zitieren und mit einem Zwinkern auch wieder zu verlassen. Grundelemente von Action- Film und -Spiel werden in einer solch schattenspielartigen Anordnung ausgestellt, dass sie nicht nur überhöht wirken, sondern fast schon fabelhaft. Übrig bleiben seelenlose Hülsen von Information. Information, die lediglich Protagonist und Betrachter in einer stumpfen Aneinanderreihung präsentiert werden. Die Realität, eine Aneinanderreihung dieser Informationen. Nicht mehr als die Kohärenz dieser Informationen, vereint zu einem Narrativ, das stark genug um zur Handlung zu motivieren.

Hardcore Realität.

Hybride - Eine Annäherung zwischen den Medien

Henry, ein Hybrid zwischen Mensch und Maschine.
Hardcore Henry, ein Hybrid zwischen Film und Game.
Und das ist gut so. Sind es nicht Hybride, die uns Chancen und Gefahren des Möglichen aber auch des Bestehenden anzeigen?
Hardcore Hybrid.
Hardcore Henry platziert sich auf geniale Weise in einem innovativen Zwischenraum: jenseits und doch inmitten der Spielewelten und Filmwelten, die unter den Begriff „Action“ fallen könnten. Jenseits des klassischen Betrachters und doch inmitten dessen, was seinen Nachfolger, den Quasi-Akteur ausmacht. Der Quasi-Akteur hat wie Henry selbst die Freiheit zu agieren und verbleibt nicht in der Ohnmacht der Betrachtung und Interpretation. Sein Handlungsraum bleibt aber stets vorgegeben: Immer wieder sind es die Menschen, die Henry begegnen, die ihn aufklären, ja ihm gleichzeitig vorgeben, was als nächstes zu tun sei. Seine Handlungen eine bloße Abfolge dieser Handlungen. Der Protagonist verliert seine Subjekthaftigkeit durch diese Beschränkung auf Information und Aktion. Gleichzeitig jedoch zeigt dieser Protagonist, was das Subjekthafte ausmacht: die Existenz in einer als kohärent wahrgenommenen Realität. Und die Handlung in dieser.
Bereits in Gaspar Noes Enter the Void begegnet uns ein solcher Quasi-Akteur. Auch Enter the Void ist eine spannend meditative Explosion von Sinneserfahrungen. Auch hier wirft der Protagonist die Frage um Subjekthaftigkeit und Person auf. Die Ego-Perspektive gilt dort einem Protagonisten, der völlig körperlos als Seele nach dem Tod mal akörperlich auf die Handlung hinabblickt, mal in einen Körper inkarniert involviert ist. Auch hier erwartet den Betrachter eine intensive Reise der Sinne. Auch hier dient der Einsatz der Ego-Perspektive einer direkten Reflexion des identitären Selbst und des Körpers als Gefäß dieses Selbst. Beiden Protagonisten fehlt Sprache als Ausdruck ihrer Subjektivität. Verbleiben stumm, ausser in ihrer Handlung. Handlung als einzige Kommunikation mit dem Außen.

Auch Henrys Selbst ist so wie das Wissen des Betrachters gebunden an Information und konkrete Handlung. Ebenso wie er sind sie in der Linearität dieser Abfolgen gefangen.
Die Grenze zwischen Betrachter und Protagonist fällt zusammen. Fast löst sie sich auf. Aber eben nur fast.

Hardcore Henry ist mehr als nur die Zukunft des Actionfilms

Doch Hardcore Henry ist mehr. Er bewegt sich auf einer Meta-Ebene der Erzählung. Er schafft ein Meta-Narrativ der Wirklichkeit und zieht den Betrachter in direkte Beziehung zu dieser.
Die Persönlichkeitssilhouetten, die dieser Film erschafft, sind so verschwommen wie die Bewegungen seines Protagonisten: Sie sind ein Verweis auf die Bedingungen unserer Wahrnehmung von Realität, die sich auf wenige Konstituenten beschränken lässt: Wahrnehmung, Information, Kohärenz.
Gegenwärtig zeigt uns die Erschaffung virtueller Realitäten bereits, wie einfach diese drei Konstituenten
künstlich erschaffen werden können. Die klassischen Computerspielwelten bleiben als Medium jedoch noch das Stiefkind der weitaus breiter zugänglichen Welt des Films. Ihre große Beliebtheit ist immer noch geplagt von der Vorurteilen derunsozialen Interaktion und Abwendung von der physischen Realität. Der Ausbau der Technologie der Virtual Reality wird hier sicherlich ihr übriges tun und für eine weitere Öffnung medialer Räume und eine größere Zugänglichkeit sorgen.
Schon immer waren es unsere Sinne, unsere Kognition, unser Geist, die stimuliert wurden, um einen Zustand der Ruhe, der Trance zu erhalten. Nicht mehr sind die zeitgenössischen Freizeitmedien. Mit dem Einzug in die VR-Ära, werden sich die Möglichkeiten dieser Stimulationen noch potenzieren. Ebenso die Möglichkeit, alternierende Realitäten zu erschaffen.

Hardcore Henry steht am Anfang solcher Erfahrungen.
Filme wie Hardcore Henry sind erste kleine Gehversuche, die zeigen, wohin eine solche Gestaltung komplexer Erzählweisen führen könnte. Noch sind sie gebunden an die Grenzen der derzeitigen Technik. Noch spähen sie diesen Raum zwischen Erzählung und Interaktion aus. Doch imaginieren wir Noes Enter the Void oder Naishullers Hardcore Henry als gebettet in eine VR-Welt, wird uns schnell klar, wie gewaltig das Potenzial dieses Mediums tatsächlich ist. Eben auch als künstlerische Ausdrucksplattform. Das VR-Festival 2016, das zweite seiner Art, zeigt, wie sich rasant die Entwicklung und wie vielfältig die Möglichkeiten des Erzählens tatsächlich sind. So wird bereits jetzt mit abstrakten und konkreten Umgebungen gespielt. Spielereien von Licht und Farbe und die Herausforderung, komplexe Realitäten abzubilden sind hier Themen, die präsentiert und eruiert werden. Erzählweisen, wie wir sie kannten, werden durch die intensivierte Einbindung von Personen modifiziert. Durch die Technik der Virtual Reality ergeben sich Myriaden neuer Erzählwelten.

In Filmen wie Hardcore Henry und Enter the Void begegnet uns hingegen lediglich eine klassische Beschallung des Betrachters, die mit Sinneseindrücken und Informationen variiert und potenziert werden kann. Erst die Interaktion verstärkt die Erfahrung solcher Welten als real,durch die Integration von Handlung. Je umfassender die Erfahrung, je vielfältiger die Informationen der Sinneswahrnehmung, desto intensiver die Kohärenz. Desto echter die Realität. Die Zukunft der Virtual Reality wird uns noch einen Schritt weiter tragen: Nicht nur wird der Betrachter in die Umgebung eingefügt und begibt sich auf neue Reisen kognitiver Verstehensformen, sondern ebenso wird es dann möglich sein, als Hyper-Betrachter in Beziehung zum Geschehenden zu stehen und selbst zu interagieren, selbst zum Akteur zu werden. Auf einem Level der Intensität, das noch nicht vorstellbar ist.

Sowohl Hardcore Henry als auch Enter the Void bewegen sich ob ihrer Simplizität auf einer Metaebene der Erzählung, da sie gleichsam erzählen und Erzähltes reflektieren. Sie erörtern Erfahrungshorizonte, wie sie auch auf die Eingeschränktheit dieser verweisen.

Welch Ironie, dass die Alternierung der Realität, jener Fingerzeig auf andere Welten, gerade zur Betonung ihrer Grenzen führt. Sie hinterlassen uns mit dem Hinweis auf die Enge und gleichzeitige Weite unserer eigenen Realität: eine Abfolge von Sinnesinformationen, Handlungen, Erinnerungen, der Kohärenz einer Person aus diesen Elementen und der Motivation, hier und dort weiterzugehen.

Hardcore Henry/Hardcore Ilya Naishuller Russland/Usa 2015, 96 Minuten

00:01 18.04.2016
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Geschrieben von

apeironmind

Kultur | Geist | Raum
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