“Töten ist eine Realität”

Syrienblog Abu Obeida ist ein Deserteur der Regierungsarmee, der sich im Dezember der Freien Syrischen Armee angeschlossen hat
“Töten ist eine Realität”
Ein Deserteur der Armee
Foto: Youtube

Das Interview zeigt die widerstreitenden Gefühle und Dilemmata, die viele Syrer teilen. Im letzten Jahr ging die Gewalt hauptsächlich von der Regierung aus. Doch wenn die Freie Syrische Armee Angriffe durchführt, töten beide Seiten syrische Bürger. Der Blick von Abu Obeida ist eine persönliche Einsicht in die widerstreitenden Gefühle eines Kämpfers, wenn er das Leben eines anderen Menschen nimmt.

Abu Obeidas erster Kampf fand im Großraum-Damaskus statt, als eine Gruppe von etwa zehn Leuten eine Demonstration beschützte und mit den Sicherheitskräften zusammenstieß. In seinen eigenen Worten:

“Bei meinem ersten Einsatz in der Freien Syrischen Armee beherrschte mich die Angst.

Wenn es losgeht, verschwindet alles Schwere unter dem Geräusch der Kugeln. Man fühlt sich wie unter Narkose. Das Gehirn ist damit beschäftigt, verschiedene Dinge zu tun. Zuerst versucht es, dich zu schützen und dann bringt es dich dazu, ebenfalls zu töten. Es ist ein Geisteszustand. Wenn du nicht tötest, wirst du sterben.

Ist der Kampf vorüber, kommt das Gehirn wieder zu Bewusstsein, und die Angst kehrt zurück. Die Narkose ist vorbei. Du siehst die Leichen deiner Freunde und denkst: “Ist es möglich, dass dir so etwas zustößt?”

Ich habe viele Menschen getötet.

Wenn du aus der Entfernung tötest, siehst du, wie der andere fällt, weil er von Kugeln getroffen wurde. Du fühlst nichts, so als hätte seine Existenz keinen Wert in dieser Hölle, in die man euch beide geworfen hat.

Aber wenn es von Nahem geschieht und man den Schmerz des anderen sieht, ist es furchtbar. Man fühlt Verbitterung: Ich habe diesem Mann das Leben genommen. Es ruft seltsame Widersprüche hervor: Stärke und Angst. Die Stärke wirft innerlich eine große Frage auf: Warum habe ich diesem Mann das Leben genommen?

Wenn man der Mörder ist, ändert sich die Situation auf dramatische Weise. Angesichts des Toten fühlt man, dass er das Opfer und man selbst der Täter ist.

Man kann die Träume in seinen Augen sehen, seine Frau, seine Kinder, sein Zuhause. Dieser gemeinsame Wunsch ist wahrer als alles andere, was um einen herum geschieht. Denn wer von uns will nicht nach Hause zurückkehren?

Ich frage mich, ob ich nach all dem noch ein normaler Mensch bin. Ich versuche den Menschen zu zeigen, dass dem so ist, aber ich weiß, dass ich nicht mehr derselbe bin wie früher.

Wenn die Revolution vorbei ist, wird der Krieg ein Ende haben. Ich werde die Waffen ablegen und zu meinem normalen Leben zurückkehren. Denn ich hatte ein Leben vor der Revolution. Ich möchte mein Studium beenden und meine Träume verwirklichen. Aber wenn dieselbe Ungerechtigkeit, die wir jetzt erleben, wieder eintritt, werde ich erneut kämpfen.”

*Al-Moqdad ist Syrischer Schriftsteller und Journalist
Bearbeitet von Andrew Bossone

Rima Marrouch ist freie Journalistin mit einem syrischen und einem polnischen Elternteil. Aufgewachsen ist sie im Homs der 90er Jahre, als die Stadt noch ein friedlicher Ort war. Sie berichtete aus Libyen und Syrien für die LA Times und arbeitet für das Committee to Protect Journalists/Middle East and North Africa Program. Heute lebt sie in Beirut, im Libanon.

Dieser Blog-Eintrag stammt aus der Reihe Notizen aus Syrien, die Teil der Plattform Arabische Welt in Aufruhr von Arte ist.

ARTE in Kooperation mit Der Freitag

14:25 11.06.2012
Geschrieben von

Orwa al-Moqdad, Rima Marrouch | Arabien von unten

Blogs aus der arabischen Region im Umbruch. Eine Kooperation mit Arte
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Arabien von unten

Ausgabe 25/2018

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