“Das erste Flüchtlingslager in Syrien”

Syrienblog Weit weg von der türkischen Grenze haben Syrer in Kah ein Flüchtlingscamp eröffnet. Die Bloggerin Rima Marrouch war vor Ort

Das Camp für syrische Flüchtlinge in Kah wird die Syrer weder vor der kommenden Kälte noch vor Regen wirklich schützen können. Jeder hier hat Mitglieder seiner Familie oder sein ganzes Zuhause verloren. Das Lager wächst täglich, waren es anfangs 60 Zelte, stehen dort nur zehn Tage später bereits 220. Eines muss man den Syrern lassen: Organisation ist ihre Stärke.

Schattenspendende Ölbäume sollen jetzt vor den Bomben schützen. In Kah, einem Dorf zwei Kilometer vor der Grenze, ist in den Olivenhainen eine Zeltstadt entstanden für Hunderte von Familien, die in die Türkei fliehen wollen.

Ich bin vor ungefähr eineinhalb Monaten mit Unterstützung hier ins Grenzgebiet gekommen”, sagte Omar Abdel Karim Rahmun, Leiter des Projekts. “Ich hatte mit hundert oder vielleicht zweihundert Leuten gerechnet, aber nicht mit so einer großen Menge Menschen, die ohne Zelte unter den Ölbäumen ausharren.” Rahmoun und andere Syrer habe sich entschieden ein Lager in der Nähe der Stadt Kah zu errichten.

Rahmun nahm Kontakt zu einigen Hilfsorganisationen auf. Yusr, eine libysche Organisation, spendete 23.000 Dollar. Bei den starken winterlichen Regenfällen, die kürzlich einsetzten, haben solche Projekte, die tausenden Familien Schutz bieten, Priorität. Die UNO schätzt, dass die Zahl der syrischen Flüchtlinge bis Ende des Jahres auf 700.000 anwachsen wird.

Ich habe auch den syrischen Nationalrat und andere Institutionen um Hilfe gebeten, aber bis jetzt ist es bei Versprechungen geblieben”, sagt Rahmun. “Die libysche Hilfsorganisation ist die einzige, die finanziell geholfen hat. Einige andere haben Nahrungsmittel gespendet oder Decken.”

Einheimische haben Land zur Verfügung gestellt. Ein Teil ist gepachtet, ein Teil wurde gekauft. Es ist Platz für 800 Zelte. Zur Zeit beherbergen 220 Zelte ungefähr 1.500 Syrer, zumeist Familien aus Idlib und Städten und Dörfern wie Atareb, Tal Rifaat, Mareaa.

Es ist weit weg von der türkischen Grenze”, sagt Rahmun. “Es ist auch außerhalb der Reichweite der Artillerie des Regimes. Es ist fast eine Pufferzone.”

Aber viele Frauen in dem Lager fühlen sich trotzdem nicht sicher. Um Chaled, 33, aus Kafar Zeita, hat am Morgen des 11. September durch einen Beschuss ihres Hauses neun Familienmitglieder verloren.

Wir haben alles überstanden, außer den Bomben”, sagt sie. Sie nahm ihre drei Kinder und floh. Einen Monat sind sie umhergezogen, ehe sie nach Kah kamen.

Die haben türkisches Gebiet beschossen, und da sollen sie uns hier nicht beschießen?” sagt Ahlam, eine Mutter von sechs Kindern, aus Atareb. “Ich will in die Türkei. Ich glaube, dort sind wir sicherer, aber mein Mann war dagegen, nachdem wir wochenlang unter den Ölbäumen gewartet hatten. Wir bleiben hier.”

Ihre jüngste Tochter, die vier Monate alt ist, nannte sie “Raheel”, das heißt “Abreise”, weil sie während der langen Suche nach einer Zuflucht geboren wurde. Vier Mal mussten sie wieder aufbrechen, Richtung Norden, auf der Flucht vor den Bomben.

Ehe ich Kah verlasse, spricht mich eine 18-jährige Mutter an. Vor wenigen Monaten hat sie ihr erstes Baby geboren. Sie fragt, ob ich verheiratet bin und Kinder habe. Ich sage, nein.

Richtig so”, sagt sie. “Das ist besser. Wenn die Beschüsse losgehen, kann man allein schneller entkommen.”

Rima Marrouch ist freie Journalistin mit einem syrischen und einem polnischen Elternteil. Aufgewachsen ist sie im Homs der 90er Jahre, als die Stadt noch ein friedlicher Ort war. Sie berichtete aus Libyen und Syrien für die LA Times und arbeitet für das Committee to Protect Journalists/Middle East and North Africa Program. Heute lebt sie in Beirut, im Libanon.

 

Dieser Blog-Eintrag stammt aus der Reihe Notizen aus Syrien, die Teil der Plattform Arabische Welt in Aufruhr von Arte ist. Alle beim Freitag erschienenen Beiträge finden Sie hier.

 

ARTE in Kooperation mit Der Freitag

12:34 14.11.2012
Geschrieben von

Rima Marrouch | Arabien von unten

Blogs aus der arabischen Region im Umbruch. Eine Kooperation mit Arte
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Arabien von unten

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