Die Fehler eines gespaltenen Landes

Syrienblog Jemand, der alles kritisiert, findet normalerweise nicht viele Freunde, aber der Künstler Juan Zero ist genau deswegen so beliebt: weil er alle Seiten kritisiert
Die Fehler eines gespaltenen Landes
"Die Freie Syrische Armee ist ein Hohn für alle, die keine Diebe und Verbrecher als Rebellen wollen"
Illustration: Juan Zero

Juan, der ein Pseudonym benutzt, steht für eine neue Generation politisch orientierter Cartoonisten in Syrien, die an eine Tradition künstlerischer Satire anknüpfen, die es schon mal früher gab, bevor die Baath-Partei in den 60er Jahren an die Macht kam. Viele junge Syrier schätzen Juans Karikaturen nicht nur deswegen, weil sie das aktuelle politische, gesellschaftliche und kulturelle Leben vor Ort aufgreifen. Seine Karikaturen sind auch deswegen so beliebt, weil er sowohl das syrische Regime, als auch die Opposition, sowohl den gegenwärtigen Zustand des Landes, als auch die Revolution kritisiert.

"Er kritisiert Fehler, egal, ob sie vom Regime oder von den Demonstranten begangen wurden", sagt Alaa, ein syrischer Aktivist. "Er versucht das, was wir 'die Spur der Revolution' nennen, wieder zurechtzurücken. Er kritisiert die Revolution und bricht die Aura der Unfehlbarkeit, die einige Oppositionelle und die Freie Syrische Armee umgibt.

“Entschuldigen Sie, die Türkei bombardiert uns. Was sollen wir tun? Hallo, hallo …” (keine Antwort)

Eine der Figuren, die man in Juans Arbeiten immer wieder findet, ist der Militärrekrut, der zwischen zwei Seiten steht: den Offizieren, die der Regierung loyal gegenüberstehen und den Rebellen, die gegen sie kämpfen. Die Welt aus der Sicht eines erschöpften Armeesoldaten ist eine Perspektive, die man nicht oft in Syrien vorfindet. Und obwohl der Soldat eine Waffe trägt und Juan einen Stift, haben sie einen gemeinsamen Nenner, denn sogar sein eigener gewaltfreier Standpunkt ist mit Konflikten behaftet. "Im Krieg ist es schwierig zwischen den Guten und den Bösen zu unterscheiden", sagt er. "Ich halte mich einfach an die Stimme der Vernunft."

"Anfangs verurteilte ich diejenigen, die die Regierung unterstützten oder zur Regierung standen, aber meine Sichtweisen haben sich geändert. Allmählich kam mir in den Sinn, dass wir untereinander kommunizieren sollten, dass wir eine Botschaft senden sollten. Schließlich sind auch sie [die Regierungsbefürworter] syrische Staatsbürger und auch sie werden bleiben."

“Syrische Grenze”

Ich stieß vor ein paar Monaten auf seine Arbeiten und war sofort begeistert. Jetzt habe ich endlich mal den Mann kennengelernt, der hinter diesen Arbeiten steckt. Mit abrasierten Haaren und einem roten T-Shirt und dem schwarzen Rucksack, den er überallhin mitnimmt, wirkt Juan bescheiden, anders als die meisten Künstler, die ich kennengelernt habe. Vorher arbeitete Juan als Grafik-Designer. Aber als die Protestbewegung losbrach, fing er an, Karikaturen zu zeichnen.

Er erinnert sich: "[Meine erste Karikatur] zeigte den syrischen Präsidenten als wäre er dabei, Selbstmord zu begehen. Im Hintergrund war ein Helfer in Militärkluft, der ihn zu einer militärischen Lösung drängte. Ich glaubte und glaube immer noch, dass es Selbstmord ist, mit Militärgewalt gegen sein eigenes Volk vorzugehen."

Ein Rekrut sagt zu einem Offizier: “Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen nicht nach Aleppo gehen” in Bezug auf die Kämpfe in Aleppo.

Die nächste Zeichnung hatte ein anderes Ziel: Ein Mann setzt einen Fuß auf syrisches Gebiet und fotografiert sich dabei. Er verhöhnt damit das, was viele "politischen Tourismus" nach Syrien nennen: Aktivisten und Politiker besuchen für kurze Zeit das Land, nur um sagen zu können, sie seien da gewesen. Juan selbst verließ Syrien am 14. Dezember 2011, nachdem sich Zivilbeamte des Geheimdienstes in seinem Lieblingscafé im Viertel Al-Rawda in Damaskus, in dem viele Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle verkehren, nach ihm erkundigt hatten. Jetzt findet er auch Gemeinsamkeiten mit Syrern aus allen Lagern, die aus ihrem Land geflohen sind und sich danach sehnen, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. "Alle sind bereit, zurückzukehren", sagt er.

Aber natürlich kann nicht jeder zurückkehren. Juan verbreitete erst vor kurzem auf der Seite arabcartoon.net in einem Post die Nachricht, dass sein Kollege Akram Raslan von Militärkräften des Geheimdienstes im Büro der Zeitung Al-Fidaa, für die er arbeitet, in Damaskus festgenommen wurde. Er hatte Karikaturen des syrischen Präsidenten auf Webseiten von sozialen Netzwerken und der Al-Jazeera-Webseite veröffentlicht. Als Karikaturist in Syrien zu arbeiten ist immer noch gefährlich.

Rima Marrouch ist freie Journalistin mit einem syrischen und einem polnischen Elternteil. Aufgewachsen ist sie im Homs der 90er Jahre, als die Stadt noch ein friedlicher Ort war. Sie berichtete aus Libyen und Syrien für die LA Times und arbeitet für das Committee to Protect Journalists/Middle East and North Africa Program. Heute lebt sie in Beirut, im Libanon.

 

Dieser Blog-Eintrag stammt aus der Reihe Notizen aus Syrien, die Teil der Plattform Arabische Welt in Aufruhr von Arte ist. Alle beim Freitag erschienenen Beiträge finden Sie hier.

 

ARTE in Kooperation mit Der Freitag

14:22 16.10.2012
Geschrieben von

Rima Marrouch | Arabien von unten

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Arabien von unten

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