“Die haben das Land beschissen”

Tunesienblog Diesen 17. Dezember jährt sich die Revolution in Tunesien zum zweiten Mal. Benoît Delmas bloggt aus Tunesien über den wachsenden Zorn gegenüber den Ennahdha–Islamisten
“Die haben das Land beschissen”
“Ghannouchi schert sich einen Dreck um Tunesien. Für ihn sind wir nur eine Kriegsbeute, ein Land für das Kalifat.”
Foto: Lilia El Golli

Der Mann, der so spricht, ist 38, verheiratet und Vater von drei Kindern. Er arbeitet hart, um die Preissteigerungen für Strom und Lebensmittel aufzufangen. Er ist gläubig, betet fünf Mal am Tag und erträgt es nicht mehr, dass sich die Ennahdha in seinen Glauben einmischt. Er hat den Koran gelesen, ihn sogar mit dem Imam seiner Moschee, einem Anwalt, studiert. Dann stellte er fest, dass um ihn herum “lauter Vagabunden (Gauner), die ich seit meiner Kindheit kenne, Salafisten wurden”. Er diskutierte mit ihnen – vergeblich. Ridha tut es sehr leid um seine Religion.

Ghannouchi will nur Hass schüren”, konstatiert er. In seinen Augen hat der Sturm auf die amerikanische Botschaft “Tunesien zu etwas gemacht, das es nicht ist”. Am Steuer seines Wagens bekommt er alles mit. Nachts und morgens fährt er Taxi, und er weiß Bescheid. Er kennt die Viertel, die man besser meidet, die Treffpunkte der “Bärtigen” und die Cafés, die von der Polizei abgehört werden. Er weiß, welche Gegenden arm oder gut betucht sind. Setzt Fahrgäste ab, nimmt neue auf und unterhält sich.

Während der Revolution war Ridha in Rage: “Der Mann bestiehlt mich, und ich soll den Mund halten”, sagte er am 6. Januar 2011 zu mir. Nach Ben Alis Abschied nach Jeddah erzählt er mir, was das Beste ist: Wir dürfen reden, dürfen unsere Unzufriedenheit aussprechen.” Und er sagt, was das Schlimmste ist: Ghannouchi schert sich einen Dreck um Tunesien. Für ihn sind wir nur eine Kriegsbeute, ein Land für das Kalifat.” Als gläubiger und praktizierender Moslem lehnt er ihr Programm ab. “Der Islam steht für Toleranz”. Er ist wütend. Er hält sein Auto an, stellt das Radio ab. “Entschuldige, Benoît, wenn ich jetzt unflätig werde, aber die haben das Land beschissen.” Kurze Pause. “Mein Land”. Ich sage ihm, dass noch nichts feststeht. Aber ich sehe, dass er mir nicht glaubt.

Benoît Delmas, Journalist und Schriftsteller, lebt (freiwillig) in Tunesien und ist 41 Jahre alt. Er ist Autor von vier Büchern (u. a. L’Histoire sécrète d’Endemol, erschienen bei Flammarion und Bal tragique chez Vivendi im Verlag Denoël). Er schrieb/recherchierte bereits für den Nouvel Economiste, L’Echo républicain, Technikart, Le Magazine Littéraire, Libération, Le Monde und TSR

 

Dieser Blog-Eintrag stammt aus der Reihe Tunesien – Blogger-Duo, die Teil der Plattform Arabische Welt in Aufruhr von Arte ist. Alle beim Freitag erschienenen Beiträge finden Sie hier.

 

ARTE in Kooperation mit Der Freitag

15:39 17.12.2012
Geschrieben von

Benoît Delmas | Arabien von unten

Blogs aus der arabischen Region im Umbruch. Eine Kooperation mit Arte
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Arabien von unten

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