Fingerpuppen der Opposition

Syrienblog "Top Goon: Diaries of a Little Dictator" ist eine Fingerpuppenshow der syrischen Opposition. Sie versucht satirisch den Personenkult des Regimes zu zerstören
Fingerpuppen der Opposition
Foto: ZVG

Top Goon: Diaries of a Little Dictator – auf Arabisch Massasit Matti, nach einem in Syrien beliebten Drink  benannt – ist eine Serie von Fingerpuppenspielen. Sie besteht aus 13 Videos, die auf YouTube gepostet wurden und wohlbekannte Figuren der syrischen Regierung verspottet.

„Die Arbeit der Gruppe ist wichtig, weil sie den Personenkult zerstört, unter dem die Syrier 40 Jahre lang lebten“, sagte ein syrischer Filmemacher, der hier nicht genannt werden möchte.

Der schwarze Humor dieser Serie ruft bei vielen Syriern selbst in diesen blutigen Zeiten ein Lächeln hervor. In der ersten Episode träumt der Präsident „Beeshu“ (anstelle von Bashar) von Massendemonstrationen – ein Albtraum. „Warum liebt mich das syrische Volk nicht mehr? Warum wollen sie das Regime stürzen?“, schreit der einsame Präsident.

 

In einer weiteren Episode nimmt Präsident Beeshu an einer Nachahmung der Sendung „Wer wird Millionär?“ mit dem Namen „Wer bringt eine Million um? “ teil . Diese Episode parodiert einen isolierten Präsidenten, der bei den Entscheidungen, die er trifft, nur seine eigenen Interessen im Kopf hat. Als er eine der Fragen nicht beantworten kann und einen Freund anrufen möchte, fragt der Moderator: „ Haben Sie immer noch Freunde?“

„Wir haben jetzt neue Figuren, neue Puppen, wie zum Beispiel einen übergelaufenen Soldaten“ sagt Jamil, der Direktor des Projekts. Er möchte hier nicht mit vollem Namen genannt werden. „Die Szenen, die wir jetzt schreiben, sind tragischer. Ich glaube, wir haben ein wenig des Humors verloren, den wir in den ersten Folgen noch hatten. Jetzt ist das tragische Element stärker. Mindestens sechs Szenen enden mit dem Tod der Hauptfigur.“

Finanzierung über Kickstarter

Als die Sendungen letzten Sommer herauskamen, waren sie unter den syrischen Aktivisten und Oppositionsmitgliedern sehr beliebt. Die syrischen Künstler haben aber Probleme, neue Projekte zu finanzieren.

 „Ich habe das Gefühl, dass ein großes Interesse an syrischer Kunst und Produktion besteht, aber leider nicht daran, sie zu finanzieren“, sagt Jamil. „Die erste Staffel war einfacher zu produzieren, weil die meisten Vorbereitungen im Land gemacht wurden. Befreundete Künstler halfen uns, meistens umsonst. Jetzt müssen wir kämpfen.“

Die Gruppe versucht sich über die Online-Plattform „Kickstarter“  zu finanzieren. Sie haben nur wenige Wochen, um das benötigte Geld zu sammeln, sonst bekommen sie nichts. So sind die Regeln von Kickstarter.

Die Gruppe ist überzeugt, dass ihre Arbeit heute notwendiger ist denn je. Für sie stellen kreative Projekte eine Alternative zu den gewalttätigen Antworten auf den Konflikt dar.

„Das Problem ist, dass die Situation in Syrien komplizierter geworden ist“, sagt Jamil. „Wir haben Waffen und Leute, die Hassreden schwingen und sektiererische Rhetorik benutzen.“

Die Autorin Rima Marrouchist freie Journalistin mit einem syrischen und einem polnischen Elternteil. Aufgewachsen ist sie im Homs der 90er Jahre, als die Stadt noch ein friedlicher Ort war. Sie berichtete aus Lybien und Syrien für die LA Times und arbeitet für das Committee to Protect Journalists/Middle East and North Africa Program. Heute lebt sie in Beirut, im Libanon.

Dieser Blog-Eintrag stammt aus der Reihe Notizen aus Syrien, die Teil der Plattform Arabische Welt in Aufruhr von Arte ist.

ARTE in Kooperation mit Der Freitag

15:55 26.04.2012
Geschrieben von

Rima Marrouch | Arabien von unten

Blogs aus der arabischen Region im Umbruch. Eine Kooperation mit Arte
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Arabien von unten

Ausgabe 25/2018

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