Folter überleben: Syrer geben Tipps

Syrienblog Inhaftierung und Folter sind inzwischen für viele Syrer so gängig, dass sie Dokumente mit Survivaltipps veröffentlicht haben, bloggt Rima Marrouch aus Syrien
Folter überleben: Syrer geben Tipps
Rima Flihan, Drehbuchautorin und Sprecherin des Lokalen Koordinierungsausschusses in Amman
Foto: David Enders

“Tipp: Schneidet eure Fingernägel vor Protesten ganz kurz. So komisch das klingt, ihr werdet mir dankbar sein. Kurze Nägel kann keiner ausreißen. #Syrien,” schrieb @ArabSpringFF am 12. März.

Ein junger syrischer Autor, identifiziert als Abo Gabal, schrieb mit anderen Aktivisten, die bereits in Haft waren, einen 9-seitigen Erfahrungsbericht, um andere vorzubereiten. Diese Veröffentlichung, der so genannte "Inhaftierten-Ratgeber" (Detainee Guide) erklärt, wie man sich verhalten sollte (schlechteste Taktik: keinen Schmerz zeigen, das fordert die Wache heraus, fester zuzuschlagen), was man sich lieber spart (an den Tag der Freilassung zu denken) und beschreibt Foltermethoden (Auspeitschen oder Elektroschocks). Ein ähnlicher Führer wurde von einer weiblichen Aktivistin verfasst, er beschreibt ein Frauengefängnis und wurde über Facebook verbreitet.

“Am schlimmsten das Schreien anderer Folteropfer; man spürt dann die Angst, seinen größten Feind", schreibt Abo Gabal, der über einen Monat in der berüchtigten Nachrichtendienstzentrale Al-muchabarat al-dschwawiyya inhaftiert blieb, nachdem man bei ihm Videoaufnahmen des Armeeangriffs auf die Region Deraa sichergestellt hatte.

Schwarzer Humor nach der Inhaftierung

“Ich wollte diese Erfahrung weitergeben, weil Aktivisten und Protesteriende bei ihren Geständnissen oft Fehler machen", sagte er. "Man kann ihnen dafür keinen Vorwurf machen, da die Haftbedingungen besonders in Syrien für einen normalen Menschen auch nicht auszuhalten sind."

Die Erinnerungen an die Haft sind bitter, und doch haben sich die Syrer ihren schwarzen Humor bewahrt. Der syrische Journalist Amer Matar, der vier Monate lang festgehalten wurde, beschreibt, wie er in Haft das erste Mal geprügelt wurde: “Der Wächter schlug mich und hörte irgendwann ganz plötzlich auf," erzählt Matar lächelnd. "Er fragte mich, weshalb ich hier sei. Ich antwortete, ich sei Journalist. Daraufhin schlug er mich noch fester und schimpfte: "Sie sind das also, der die Kreuzworträtsel in der Zeitung so schwierig macht!"

Rima Flihan, Drehbuchautorin und Sprecherin eines der lokalen Koordinierungsausschüsse (http://www.lccsyria.org/) wurde mit Dutzenden anderer Intellektueller nach einer friedlichen Demonstration im Juli festgenommen.

“Sie wollten wissen, wer den Protest organisiert hätte", gibt sie an. “Ich antwortete: 'Ich habe es auf meiner Facebook-Pinnwand gepostet.' Der Mann, der mich verhörte, fragte: 'Es gibt eine Pinnwand auf Facebook?'"

Einer von Flihans Freunden gab an, dass er über Twitter von dem Protest erfahren hätte. "Sie waren völlig verwirrt. 'Was ist das für eine Pinnwand? Was ist Twitter?'", erzählt Flihan.

“Das ist wie eine Fernsehsendung oder eine Pop-Band, die inzwischen alle kennen. Wir wissen jetzt, wie es in der Haft aussieht, weil es viele von uns erlebt haben", erklärt Matar, der seit Beginn der Unruhen schon zwei Mal in Haft war.

Zehntausende sollen schon inhaftiert gewesen sein.

Rima Marrouch ist freie Journalistin mit einem syrischen und einem polnischen Elternteil. Aufgewachsen ist sie im Homs der 90er Jahre, als die Stadt noch ein friedlicher Ort war. Sie berichtete aus Lybien und Syrien für die LA Times und arbeitet für das Committee to Protect Journalists/Middle East and North Africa Program. Heute lebt sie in Beirut, im Libanon.

Dieser Blog-Eintrag stammt aus der Reihe Notizen aus Syrien, die Teil der Plattform Arabische Welt in Aufruhr von Arte ist.

ARTE in Kooperation mit Der Freitag

12:00 27.04.2012
Geschrieben von

Rima Marrouch | Arabien von unten

Blogs aus der arabischen Region im Umbruch. Eine Kooperation mit Arte
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Arabien von unten

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