Graffitikrieg in Syrien

Syrienblog Mit einem Graffiti-Slogan begannen vor etwa einem Jahr die Aufstände in Syrien. Rima Marrouch hat nachgesehen, wie es heute ausschaut
Graffitikrieg in Syrien
Mulham Al-Jundi in Homs
Foto: ZVG

In Syrien geht es immer gewalttätiger zu, aber die Aufstände in Syrien begannen vor einem Jahr mit schriftlichen Worten, nicht mit einer Kalaschnikow. Eine Gruppe von Schülern schrieb in Daraa den heute berühmten Slogan “Alshaab yurid isqat alnizam” (“Das Volk will den Sturz des Regimes“) an die Wände. Der Ärger über die darauf folgenden Verhaftungen und Folterungen der Schulkinder führte zu Massenprotesten in Daraa und später in ganz Syrien.

Fernab der Gewalt findet ein anderer Krieg statt: Ein Graffitikampf um die Kontrolle von Bildern und Slogans. Wände dienen als Schlachtfelder, auf denen die Kämpfe zwischen Regimegegnern und den Unterstützern des Regimes ausgetragen werden. Die Straßen im Midan-Viertel von Damaskus, das früher für seine Restaurants bekannt war, sind nun mit schwarzer Farbe bedeckt, die die Graffiti der Regimegegner verdecken.

„Freunde erzählten mir, dass sie in Damaskus den Slogan „Nieder mit Baschar“ sahen... und offensichtlich waren die Sicherheitskräfte so faul, dass sie nur „Nieder mit“ übermalten, und „Baschar“ stehen ließen“, erzählt ein syrischer Aktivist.

Sprayman

Rana Jarbou schreibt zurzeit an einem Buch, „Arabian Walls“, über Graffiti in der arabischen Welt (insgesamt in 11 Ländern) und erklärt, dass die Geschichte des Graffiti in Syrien 2008 mit dem Kurzfilm Al-Rajool al-Bakhakh (The Sprayman) begann. Der Held des Films, der Sprayman, startete eine Spraybild-Kampagne gegen die Vermüllung seiner Stadt. Als er sich eines Tages selbst auslieferte, wurde er mit ein paar Spraydosen in eine weiße Zelle eingesperrt. Er wurde damit gefoltert, dass alles, was er malte, mit weißer Farbe überdeckt wurde. Der Titel des Films wurde zu dem Begriff, den die jungen Leute als Namen für die Jugendlichen benutzen, die Wände bemalen. „Wenn du Al-Rajool al-Bakhakh nicht kennst, weißt du gar nichts über die syrische Revolution“, so Jarbou.  „Heute gibt es in jeder syrischen Stadt einen Sprayman. Die jungen Leute wissen, dass ihre Graffiti sofort weggewaschen werden, deshalb verewigen sie sie auf YouTube-Videos.”

Mehrere Graffitikünstler wurden seither verhaftet, wie zum Beispiel Mohammad Khanji von Damaskus, von dem berichtet wurde, er sei gefoltert worden. Mohammad Ratib von Homs, auch bekannt als Nemer (Tiger) wurde im Juli 2011 ermordet. Der Autor des Drehbuchs von Al-Rajool al-Bakhakh, Adnan Zirai aus Baba Amr in Homs, wurde am 26. Februar in der Nähe seines Hauses in Damaskus verhaftet.

Auf der anderen Seite der Grenze in Beirut gibt es ein Graffiti mit der Aufschrift „2011 forderte das Volk das Leben ein, 2012 wird das Schicksal das gewähren“. Es bezieht sich auf die bekannten Zeilen des tunesischen Dichters Abu al-Qasim asch-Schabbi: „Wenn das Volk eines Tages das Leben einfordert, dann muss das Schicksal das gewähren.“

Rima Marrouchist freie Journalistin mit einem syrischen und einem polnischen Elternteil. Aufgewachsen ist sie im Homs der 90er Jahre, als die Stadt noch ein friedlicher Ort war. Sie berichtete aus Lybien und Syrien für die LA Times und arbeitet für das Committee to Protect Journalists/Middle East and North Africa Program. Heute lebt sie in Beirut, im Libanon.

Dieser Blog-Eintrag stammt aus der Reihe Notizen aus Syrien, die Teil der Plattform Arabische Welt in Aufruhr von Arte ist.

ARTE in Kooperation mit Der Freitag

12:30 27.04.2012
Geschrieben von

Rima Marrouch | Arabien von unten

Blogs aus der arabischen Region im Umbruch. Eine Kooperation mit Arte
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Arabien von unten

Ausgabe 25/2018

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