"Ich fühle mich schuldig"

Syrienblog Weggehen oder bleiben ist die Frage, die derzeit so viele Menschen in Syrien quält und in einen Zwiespalt zwischen Sicherheit und Solidarität drängt
"Ich fühle mich schuldig"
Graffiti eines anonymen Künstlers aus Syrien: “Ein Land ist kein Hotel, das man bei schlechtem Service verlassen kann – wir werden durchhalten.”
Foto: Razan Ghazzawi

Das große Gesprächsthema auf den Straßen Syriens ist momentan, dass jeder weggeht: Die Familien, Geschäftsleute und vor allem, die Aktivisten. Es ist schon so weit, dass viele in Syrien wütend sind auf ihre Freunde, die das Land verlassen haben oder sich überlegen, die Revolution an diesem schwierigen Punkt zu verlassen. Manche sehen diese Überlegungen wegzugehen als Verrat an Syrien an.

Machen wir uns nichts vor. Diejenigen, die Syrien verlassen, haben entweder gute Beziehungen oder es sind wohlhabende Familien. Syriens Wirtschaft verschlechtert sich. Wenn man sich heute ein Ticket leisten kann, um woanders Geld auszugeben, heißt das, dass man auch genügend Geld dafür hat“, sagte Somayya, dessen Freunde nach und nach das Land verlassen oder vor den Inhaftierungskampagnen des Regimes flüchten.

Das Regime drängt die Jugend vorsätzlich aus dem Land. Die Namen einiger Aktivisten standen auf den Fahndungslisten an den Grenzen, aber das hat sich geändert. Das Regime lässt Fahndungslisten von tausenden Aktivisten durchsickern. Sie bekommen Angst und denken ans Fliehen. Aber das Regime will, dass wir fliehen und deshalb sollten wir bleiben. Ich denke, allein hierzubleiben ist schon eine Form von Widerstand“, bekräftigt Sumayya leise, “wegzugehen heißt, man gibt sich geschlagen“.

Maya, Sumayyas Freundin, weigert sich ebenfalls, in diesem entscheidenden Moment, Syrien zu verlassen: “Ich denke nicht daran, wegzugehen. Warum sollte ich? Ja, es ist gefährlich und es wird sich noch verschlimmern, aber genau deswegen muss ich bleiben. Ich muss vorsichtig sein, immer aufpassen, immer Decknamen benutzen und Software, die meine Anonymität gewährleistet. Dann dürfte mir nichts passieren. Wenn etwas schief geht, dann sollte es wohl so sein.”

Ismail ist ein 20-jähriger Aktivist, der vor zehn Monaten in den Libanon geflohen ist, nachdem bei einem Verhör von inhaftierten Freunden sein Name von Sicherheitskräften genannt wurde. Ich fragte ihn, wie es sich anfühlt, zwar Revolutionär zu sein, aber nicht zu Hause zu sein? Er antwortete folgendermaßen:

Jedes Mal, wenn ich betrunken bin, träume ich davon, zurückzukehren, aber wenn ich wieder nüchtern bin, fallen mir immer vernünftige Gründe ein, warum ich es nicht tun sollte. Ich fühle mich schuldig. Je mehr Gewalt das Regime ausübt, umso schuldiger fühle ich mich, wenn ich an die “Märtyrer” (die gefallenen Rebellen) denke. Ich glaube, dass Not Menschen vereint. Wenn man unter Beschuss ist, wird man ständig daran erinnert, warum diese Revolution überhaupt begonnen wurde. Wenn man nicht mehr Zeuge dieser Gewalt ist, sie nicht mehr selbst erfährt, erinnert es einen nur daran: dass man ein weggelaufener Revolutionär ist.”

Ich fragte Ismail, warum er sich schuldig fühlt, wenn seine Flucht nur dazu diente, sein Leben zu schützen. Er antwortete: “Ich habe um diese Revolution gebeten, ich glaubte an sie, schon lange bevor sie anfing. Und jetzt habe ich die Arbeiterschicht ihrem Schicksal überlassen.”

Wegzugehen oder nicht wegzugehen bleibt weiterhin die Frage für viele Aktivisten, die für eine Lösung kämpfen. Darf ich mein Leben weiterleben, während jeden Tag dutzende sterben? Darf ich mir eine neue Arbeit suchen, ein neues Leben, eine Zukunft, obwohl viele junge Menschen getötet wurden, weil sie es wagten, in ihrem Land eine Zukunft aufbauen zu wollen? Gibt es ein Zuhause in einem anderen Land?

Nach diesen Fragen möchte ich den Artikel mit den Versen von Mahmoud Darwisch beenden:

Ich gebe mein Foto meiner geliebten Frau:

Wenn ich sterbe, häng es an die Wand“.
Sie fragt: “Gibt es denn eine Wand dafür?”
Ich antworte: “Wir werden eine Wand dafür bauen.”
“Wo? In welchem
Haus?”
“Wir werden ein Haus dafür bauen.”
“Wo, auf welchem Land im Exil?”

(Mahmoud Darwisch)

* (A.d.Ü.: Die oppositionellen Kämpfer bezeichnen ihre gefallenen Kameraden als “Märtyrer”, also in etwa “gefallene Rebellen”)

Razan Ghazzawi ist eine 32-jährige syrische Bloggerin aus Damaskus. Sie setzt sich für die Menschenrechte ein, nicht nur in ihrem Heimatland Syrien, sondern in der ganzen arabischen Welt und darüber hinaus.

 

Sie ist zwei Mal vom Assad-Regime verhaftet worden und steht nun vor einem Militärgericht. Razan hat Anglistik studiert und 2011 ihren Master in Vergleichender Literaturwissenschaft an der Universtität Balamand gemacht. Vor einigen Jahren begann sie unter dem Namen “Golaniya 7″ zu bloggen, doch vor 5 Jahren entschied sie sich, unter ihrem richtigen Namen zu schreiben. Kürzlich hat sie den “Front Line Defenders”-Preis 2012 für Menschenrechtler erhalten.

 

Man kann Razan auf Twitter folgen unter @RedRazan oder direkt auf ihrem Blog kommentieren unter razanghazzawi.org

 

Dieser Blog-Eintrag stammt aus der Reihe Notizen aus Syrien, die Teil der Plattform Arabische Welt in Aufruhr von Arte ist.

ARTE in Kooperation mit Der Freitag

15:24 08.10.2012
Geschrieben von

Razan Ghazzawi | Arabien von unten

Blogs aus der arabischen Region im Umbruch. Eine Kooperation mit Arte
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Arabien von unten

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