"In Syrien gibt es kein Zurück"

Syrienblog Verhaftete, Verletzte, Todesfälle und zerstörte Dörfer und Städte: Ist der Preis der Demonstranten in Syrien angesichts der Opfer zu hoch? fragt Rima Marrouch
"In Syrien gibt es kein Zurück"
Stop the killings. We want to build a country for all Syrians.” Dieser Slogan ist Teil einer Kampagnen die von der jungen syrischen Aktivistin Rima Dali, gestartet wurde.
Illustration: 3aref 6ari2o

Vor Kurzem wurde berichtet, dass ein Mann bei einer Demonstration gegen die Regierung plötzlich anfing zu singen „Deraa, was haben wir uns von all diesem Durcheinander erhofft?“ Wenn ich mir die Zahl der Todesfälle, die Zerstörung der Städte und Dörfer und die Zahl der Verhafteten vor Augen halte, fange ich an, mir Fragen zu stellen. Wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten, würden die Menschen immer noch protestieren? War es das alles wert?

Die Fragen kamen bei einem Gespräch mit einer Freundin aus Kindertagen in Homs auf. Vor einigen Jahren zog sie mit ihrem Ehemann nach Europa. Sie hat seit dem Beginn der Aufstände zwei Cousins verloren. Einer wurde ganz am Anfang bei einer friedlichen Demonstration leicht am Bein verletzt und in das berüchtigte Krankenhaus in Homs gebracht. Als seine Leiche der Familie übergeben wurde, waren klare Spuren von Folter zu sehen. Ich kann mich noch an die verschwollenen Augen meiner Freundin erinnern und an das Video, das sie mir von dem Körper mit den lila Verfärbungen gezeigt hat. Ich höre noch immer ihre Stimme sagen „Ist er nicht schön?“

Der andere Cousin wurde an einem Grenzübergang von einem Scharfschützen erschossen. Die meisten Mitglieder ihrer Familie sind nach Damaskus geflohen. Sie sagt: „Wären die Menschen doch bloß nicht auf die Straße gegangen. Wäre das alles doch bloß nicht passiert. Homs ist zu 60% zerstört. Meine Familie kann es sich leisten, an einen sicheren Ort zu ziehen. Aber die ärmeren Familien in Homs zahlen den Preis dafür.“

Wer genug Geld hat, bringt sich in Sicherheit

Ein anderer Freund hat vor Kurzem Damaskus verlassen. Wie die meisten jungen Syrier ist er fortgegangen, weil er keine Arbeit finden konnte, obwohl er ein sehr begabter Architekt ist. Er ist kein Einzelfall im zerstörten Syrien.

„Ich habe Damaskus unter Tränen verlassen“, sagt er. „Die Situation war sehr deprimierend. Die Kluft zwischen Alawiten und Sunniten ist gewachsen. Sogar meine unreligiösen Freunde sagten „Knöpft euch die Alawiten vor, die bringen uns um“. Und das sind Menschen, die vor ein paar Monaten noch glaubten, dass Syrien nicht konfessionsgebunden sei. Die Struktur der Gesellschaft wurde zerstört. Aber wenn man ehrlich ist, gab es unter der Oberfläche diese unsinnige Kluft zwischen den Konfessionen schon immer. Jetzt ist die Situation eskaliert.“

Würde er die Unruhen noch unterstützen, wenn er die Zeit zurückdrehen könnte?

„Ich habe mir diese Frage oft selbst gestellt. Und ich sagte mir, ich wünschte, wir hätten das alles nicht angefangen. Aber vielleicht auch nur, weil ich aus der Ferne beobachte. In der Realität lehnen sich die Menschen weiter gegen das Regime auf. Lasst die Revolution die Menschen verändern. Lasst die Revolution die Menschen aufrütteln. Eine Kluft zwischen den verschiedenen Konfessionen gab es dort schon immer. Was macht es für einen Unterschied, ob diese Spaltung heute oder in 30 Jahren explodiert? Die Menschen werden gewinnen. Sie befinden sich in einem Stadium, in dem sie sich nicht mehr um ihr eigenes Leben sorgen. Sie möchten das Regime vertreiben.“

Aber er gibt zu: „Wir waren so naiv wie Teenager zu glauben, dass der Weg rosig ist.“

Ich kämpfe dafür, klare Antworten zu finden. Herauszufinden, ob die Syrer einen hohen Preis für nichts bezahlt haben.

Ein anderer Freund sagt: „Ich bereue es nicht, dass ich an den Demonstrationen teilgenommen habe. Ich bereue nur die Fehler, die gemacht wurden. Wir hätten vorsichtiger sein und das Regime nicht untergraben sollen. Wir hielten das Regime für dumm, aber es stellte sich heraus, dass es gerissener ist, als wir dachten.“

Vielleicht spielt es keine Rolle, ob die Syrer den Preis heute oder in ein paar Jahren zahlen. Aber ich kann mich in Amman in Sicherheit wiegen, während ich diese Worte schreibe. Andere Menschen nehmen noch an den Protesten im Land teil. Sie haben entschieden, dass es keinen Weg zurück gibt. Die Regierung hat unglücklicherweise das Gleiche beschlossen.

Rima Marrouch ist freie Journalistin mit einem syrischen und einem polnischen Elternteil. Aufgewachsen ist sie im Homs der 90er Jahre, als die Stadt noch ein friedlicher Ort war. Sie berichtete aus Lybien und Syrien für die LA Times und arbeitet für das Committee to Protect Journalists/Middle East and North Africa Program. Heute lebt sie in Beirut, im Libanon.

Dieser Blog-Eintrag stammt aus der ReiheNotizen aus Syrien, die Teil der Plattform Arabische Welt in Aufruhr von Arte ist.

ARTE in Kooperation mit Der Freitag

15:35 05.06.2012
Geschrieben von

Rima Marrouch | Arabien von unten

Blogs aus der arabischen Region im Umbruch. Eine Kooperation mit Arte
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Arabien von unten

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