Jenseits der roten Linie

Bahrainblog Der Künstler Ali Shehab aus Bahrain ist bekannt für seine kritischen Cartoons - vielleicht steht auch er schon auf der schwarzen Liste
Jenseits der roten Linie
"Ich plane, ein Buch zu schreiben, das die Ereignisse in Bahrain vom 14. Februar bis heute mit Skizzen und Cartoons erklärt.“
Illustration: Cartoonist Ali Shehab

Die vom Arabischen Frühling inspirierte Revolution des 14. Februar befreite die Künstler Bahrains und ermöglichte es ihnen, ihre Kunst ohne die vom Regime vorgegebenen Grenzen auszuüben.

Einer dieser Künstler ist Ali Shehab, bekannt als „Ali Cartoon“. Ali erklärte die Wandlung seiner Kunst nach dem 14. Februar folgendermaßen: „Es gibt auf meinem Blatt keine roten Linien mehr, mein Stift ist endlich frei.“

Vor dem Polizeieinsatz konnten Ali und seine Künstlerkollegen ihre Kunst über einen direkten Kontakt mit Protestanten auf dem Perlenplatz vermitteln, doch heute ist die Situation vollkommen anders. Ali erklärt: „Die Sicherheitslage heute ist derart, dass der Künstler keine sichere Plattform hat, um seine Kunst auszustellen oder um eine Gruppe zu bilden. Daher können wir mit der Öffentlichkeit nur über die sozialen Medien kommunizieren.“

Die sozialen Medien wurden zum wichtigsten Kommunikationsmittel für die revolutionären Aktivitäten, zu etwas, bei dem die Regierung keine Ahnung hatte, wie sie es kontrollieren konnte, besonders da es im Rechtssystem keine klaren Regeln und Gesetze gab. Ali fährt fort: „Vergangenen Monat wurde Nabeel Rajab, der Vorsitzende des Zentrums für Menschenrechte in Bahrain, festgenommen, weil er einen Tweet veröffentlicht hatte, in dem er den Premierminister kritisiert. Ich wette, die schonungslosen Cartoons, die ich zeichne und über Twitter veröffentliche, haben mich schon auf die Schwarze Liste gebracht. Meine Verhaftung könnte zu jedem Zeitpunkt geschehen, und sie könnten jedes meiner getwitterten Cartoons als Vorwand nehmen.“

Ungeachtet seiner bedrohten Sicherheit hat Ali die Themen, zu denen er etwas zeichnet, nicht verändert, allerdings wurde er wählerisch, wie er erklärt: „Die generelle Haltung dieses brutalen Regimes ist allen bereits bekannt, deshalb habe ich angefangen, Geschichten und Fälle auszuwählen, die mehr Aufmerksamkeit erfordern. Einige Organisationen haben Anfragen an mich gerichtet, damit ich ihnen einen Cartoon zeichne, den sie in einer Kampagne oder bei einer Demonstration benutzen. Auf diese Weise steht meine Kunst für eine größere Sache.“

Der neueste Cartoon von Ali sollte einen Bahreiner unterstützen, Jaffar Salman, der im Gefängnis sitzt, weil er demonstriert hat, und der nun fast blind ist, weil die Polizei direkt auf sein Gesicht geschossen hat. Sein Cartoon wurde gedruckt und bei einer Demonstration benutzt.

Cartoon für den Häftling Jaffar Salman

Illustration: Ali Shehabs Cartoon für den Häftling Jaffar Salman

Die veränderte Mentalität im Zusammenhang mit dem verbreiten Gebrauch der sozialen Medien inspirierte Ali zu einem künstlerischen Projekt, das er folgendermaßen erläutert: „Die Menschen interessieren sich heute mehr für kurze Nachrichten mit 140 Zeichen und für bildhafte Zeugnisse wie Foto oder Videos. Sie lesen nicht mehr wie früher lange Posts oder Blogs. Das brachte mich auf die Idee zu einem neuen Projekt, einem Kunstbuch. Ich plane, ein Buch zu schreiben, das die Ereignisse in Bahrain vom 14. Februar bis heute erklärt, aber nicht anhand von langen Absätzen sondern mit Skizzen und Cartoons.“

Das geplante Buch, soll – wie Ali erklärte – weniger Worte beinhalten, dafür aber mehr visuelle Mittel verwenden, um die Sprachbarriere zu überwinden und so internationale Aufmerksamkeit zu wecken. Er schien sich sehr auf das Buch zu freuen, doch er beendete seinen Satz mit etwas, das alle Aktivisten aus Bahrain sagen: „… es sei denn ich werde verhaftet.“

Berühmtest Flagge auf dem Perlenplatz

Die berühmteste Flagge, die auf dem Perlenplatz zu sehen war, mit dem Schriftzug „Märtyrerplatz“, wurde von Ali Shehab gezeichnet (Foto: Ahlam Oun)

Ali Shehab auf Twitter : @AliCartoon


Einige Cartoons von Ali Shehab finden Sie hier.


Hier geht's zum Blog von Ali Shehab.

 

Ahlam Oun ist eine bahrainische Jugendaktivistin und Bloggerin. Sie engagiert sich für Projekte zur Jugendförderung in den Bereichen ehrenamtliche Arbeit, öffentliche Meinungsäußerung und Führungsveranwortung. Sie ist die Begründerin von "Mumaya, Inspiring Youth" und war für "Search for Common Ground - Partners in Humanity" tätig.

 

Nach der Revolution vom 14. Februar in Bahrain startete Ahlam einen Blog unter ihrem richtigen Namen, nachdem sie seit 2008 anonym veröffentlicht hatte. Sie schreibt vorwiegend in Englisch, ihre Themenschwerpunkte sind Jugendrecht und Berichte über Ungerechtigkeit und Menschenrechtsverletzungen."

 

Ahlams Blog Making Noise

 

Ahlams Twitter-Account

 

Dieser Blog-Eintrag stammt aus der Reihe

Enthüllungen aus Bahrain - Ahlam's Blog,

die Teil der Plattform Arabische Welt in Aufruhr von Arte ist.

 

ARTE in Kooperation mit Der Freitag

11:08 15.08.2012
Geschrieben von

Ahlam Oun | Arabien von unten

Blogs aus der arabischen Region im Umbruch. Eine Kooperation mit Arte
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Arabien von unten

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