Junge Syrer gründen ihre eigenen Medien

Syrienblog Nach jahrzehntelanger Medienkontrolle durch die Regierung lancieren heute junge Syrer im In- und Ausland eigene Medienprojekte
Junge Syrer gründen ihre eigenen Medien
Rania Badri bei Radio New Start
Fotos: Salman Abdo

In den vergangenen 40 Jahren, während der Herrschaft der Baath-Partei, hatte bei den syrischen Medien die Regierung das Monopol. Der Regierung gehörten die Zeitungen. Al-Tischrin und Baath waren ein beständiges Sprachrohr der offiziellen Darstellungen. In den ersten Jahren des Regimes von Bashar al-Assad gingen mehrere private Medien auf Sendung, wie Addounia TV ("Addounia" bedeutet "Welt" und startete 2005) oder Arabesque radio (Start 2006). Heute lancieren junge Syrer im In- und Ausland neue Medienprojekte, einschließlich Online-Zeitungen und -Radios, mit deren Hilfe sie sich endlich Gehör verschaffen können.

"Wir nennen Addounia TV "3aja2ib addounia" (Weltwunder), weil sie die Wirklichkeit und die Tatsachen verdrehen", sagt Abu Chalid aus dem Viertel Midan. Manche Syrer finden, dass die regierungstreue Berichterstattung über die jüngsten Ereignisse im Land beleidigend ist und sogar zu Gewalt aufhetzt. "Addounia TV hat morgens eine Sendung über gesunde Ernährung ausgestrahlt, während Baba Amr beschossen wurde", sagt Abu Karam aus Karm al-Zeitun in Homs.

Wachsender Ärger und Frustration veranlassten einige junge Syrer zum Handeln. Hosam Badri, Mitbegründer des neuen syrischen Internet-Radios New Start, das seinen Standort außer Landes hat, meinte, in den offiziellen Medien kämen gewöhnliche Bürger nicht zu Wort. Darum beschloss er, ein neues Radio zu gründen. Das Kernteam besteht aus fünf Leuten, die von zehn Uhr vormittags in einem völlig verrauchten kleinen Büro oft bis Mitternacht arbeiten. Das Radio berichtet zum einen über Ereignisse im Land und bietet Stimmen aus dem Inland ein Forum. Zum anderen konzentriert man sich auf die syrische Kultur und bringt Interviews mit syrischen Musikern und Schriftstellern. Der Schwerpunkt liegt dabei auf humanitären Anliegen von Syrern, die noch in Syrien leben oder inzwischen ins Exil gegangen sind. Ihr Ziel ist eine UKW-Frequenz. "Unser Slogan ist: Ein Radio der Hoffnung, denn wir sind ein friedliches Radio und wollen keine militärische Seite unterstützen", erklärt Hosam Badri.

Ohne Ketten der Gewalt

New Start ist nicht das erste syrische Internet-Radio, aber das erste, das Streaming verwendet hat. "1 plus 1 war das Erste", sagt Rania Badri, ein weiterer Mitbegründer von New Start. 1 plus 1 wird von einer Gruppe junger Syrer betrieben, die sagen: "Unsere Stimmen sind unterschiedlich, aber letztlich haben wir den gleichen Traum: Wir wollen ein freies, demokratisches Syrien." "Wir wollen ein Land aufbauen mit einer Stimme, einer Meinung, einer Idee und einem Traum", steht auf ihrer Homepage. Das Radio ruft zu einer gewaltfreien Bewegung und einem Generalstreik in Syrien auf.

Die Online-Wochenzeitung Souriatna (Unser Syrien) wurde im Oktober 2011 gegründet. Ihr Leitspruch stammt von Ghandi: "Wenn ein Sklave beschließt, nicht länger Sklave zu sein, fallen seine Ketten." Die Redaktion besteht aus sieben jungen Leuten, sechs von ihnen arbeiten im Land. "Wir brauchen unabhängige Medien, die in unserem Namen sprechen, nach all den Jahren der Gewaltherrschaft. Wir wollen etwas schaffen, das unsere Meinung ausdrückt, und wir wollen über die Revolution und über junge Leute sprechen", sagt einer der Redakteure, der mit dem Kürzel Gh zitiert werden möchte. "Die ersten Ausgaben haben wir in Druckversionen in Damaskus und Homs herausgebracht, aber dann gab es Schwierigkeiten wegen der Sicherheit", sagt Gh. Die Wochenzeitung berichtet nicht nur über Syrien, sondern über den ganzen Arabischen Frühling. Auch tunesische, ägyptische und jemenitische Autoren kommen zu Wort.

All die neuen Medien machen sich für eine gewaltfreie Bewegung stark, doch wie Gh formuliert: "Unsere Aufgabe ist es, über die Wirklichkeit zu berichten, ganz gleich, wie sie ist."

Rima Marrouchist freie Journalistin mit einem syrischen und einem polnischen Elternteil. Aufgewachsen ist sie im Homs der 90er Jahre, als die Stadt noch ein friedlicher Ort war. Sie berichtete aus Lybien und Syrien für die LA Times und arbeitet für das Committee to Protect Journalists/Middle East and North Africa Program. Heute lebt sie in Beirut, im Libanon.

Dieser Blog-Eintrag stammt aus der Reihe Notizen aus Syrien, die Teil der Plattform Arabische Welt in Aufruhr von Arte ist.

ARTE in Kooperation mit Der Freitag

15:55 26.04.2012
Geschrieben von

Rima Marrouch | Arabien von unten

Blogs aus der arabischen Region im Umbruch. Eine Kooperation mit Arte
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Arabien von unten

Ausgabe 25/2018

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