"Kaffeetrinken mit Sektierern"

Syrienblog Razan Ghazzawi gerät beim Besuch einer Familie in Daraa, südlich von Damaskus, in eine Diskussion über Religiösität und Ungläubige

Ich wohnte eine Woche bei einer Familie im Südwesten Syriens und es gab während dieser Zeit so manche interessante, wenn auch unangenehme Diskussion. Hier ist für den Anfang eine davon.

Ort: Daraa, in einem Haus.
Zeit: Anfang Oktober 2012.
Figuren: Mehrere Frauen, die vor der Gewalt fliehen, die das Regime ausübt. Sie flüchten von einem Ort zum nächsten, nachdem ihr Haus während einer Razzia niedergebrannt wurde, die die Armee des Regimes in ihrem Dorf vor ein paar Monaten durchführte.

Wir saßen im Hof des Hauses und tranken Kaffee. Das Haus gehört einer Familie, die wegen der Bombenangriffe des Regimes nach Jordanien flüchtete. Es stand leer, aber es gab noch Wasser und Strom. Wir blieben fünf Tage lang hier.

Frau 1: "Woher kommen Sie?"

Ich: "Ich lebe in Damaskus, aber ich bin nicht von dort. Ich habe palästinensische Wurzeln."

Frau 2: "Sie sind Palästinenserin? Haben Sie einen palästinensischen Ausweis?"

Ich: "Nein, die Israelis ließen meinen Großvater nicht nach Palästina zurückzukehren. Deshalb gaben sie ihm die syrische Staatsbürgerschaft. Das war direkt nachdem Syrien seine Unabhängigkeit erlangte. Ich habe die syrische Staatsbürgerschaft, aber das liegt an der Geschichte meiner Familie."

Frau 1: "Sind Sie Muslim?

Ich: "Meine Eltern sind Muslime."

Die Frauen sahen sich gegenseitig an und blickten dann auf den Boden.

Frau 3: "Sie sind also kein Muslim?"

Ich entgegnete mit einem verlegenen Lächeln: "Meine Beziehung zu Gott ist eine Sache zwischen mir und ihm."

Ich hatte Stille und eine Reaktion des Missfallens von ihnen erwartet, aber ich war überrascht, dass nun die folgende Frage kam:

Frau 1: "Sind Sie Sunnit?"

Ich: "Meine Eltern, ja."

Frau 2: "Sie sind also Muslim und Sunnit?"

Ich: "Nein, ich sehe mich nicht als Sunnit. Religion ist für mich etwas Persönliches, über das ich normalerweise ungern rede."

Ich dachte mir, ich sollte jetzt besser still sein. Ich konnte mit ihnen nicht meine Sicht von Gott diskutieren, denn es würde sie sicher verärgern.

Frau 3 (lacht): "Egal, was Sie sagen. Ich bin froh, dass Sie Sunnit sind."

Das war ein Satz, der mir wochenlang im Gedächtnis blieb. Wirklich, noch wochenlang. Sie war froh, dass ich Sunnit bin? Ich hatte ihr gerade gesagt, dass ich kein Sunnit bin und hatte ihr zu verstehen gegeben, dass ich eigentlich auch kein Muslim bin. Aber trotzdem ist sie froh, dass ich Sunnit bin?

Ich änderte nun meine Sitzposition auf dem Boden.

Ich (hektisch lachend): "Aber ich bin kein Sunnit. Ich bin der Meinung, dass wir uns nicht auf diese Weise über die Religion identifizieren sollten. Jeder hat seinen eigenen Umgang mit Religion, je nachdem, welche Interpretation man vom Islam hat. Jeder darf sich so sehen, wie er es möchte, und ich sehe mich nicht als Sunnit."

Die Frau lachte wieder über mich, aber die anderen Frauen hörten mir aufmerksam zu. Es war, als hörten sie Worte wie diese zum ersten Mal im Leben. Ich dachte nun, ich hatte das Richtige getan. Ich verwirre sie wahrscheinlich furchtbar, aber ich dachte, ich tue das Richtige.

Frau 2 (zynisch lächelnd): "Ja, ja, aber ich bin trotzdem froh."

Ich: "Warum? Wollen Sie sagen, Sie sind froh, dass ich kein Alawit oder Druse bin?"

Also los, dann diskutieren wir, dachte ich nun.

Frau 3: "Ja, ich bin auch froh, dass Sie kein Schiit sind."

Ich war überrascht, dass sie die Schiiten erwähnte, weil sie in der Revolution kaum in Erscheinung getreten sind, zumindest was die syrischen Schiiten betrifft.

Ich: "Warum?"

Frau 2: "Weil sie Anhänger des Regimes sind und Kuffar*."

Ich hatte erwartet, dass sie nun die Iran-und-Hisbollah-Karte ausspielt, aber sie hatte das Wort "Kuffar" benutzt.

Ich: "Schiiten, die fünfmal pro Tag beten, dessen Frauen einen Schleier tragen und die denselben Koran lesen, sind Kuffar?"

An diesem Punkt verlor ich allmählich meine Fassung.

Ich: "Und ich kenne viele, die Minderheiten angehören und Revolutionskämpfer sind. Manche sind in der FSA, manche wurden inhaftiert und getötet."

Ich weiß, wenn ich unangenehme Diskussionen führe, nimmt mein Gesicht komische und furchteinflößende Züge an. Ich versuchte mich zu beherrschen, wollte aber gleichzeitig selbstbewusst in dieser doch sehr einmaligen Diskussion auftreten und sie ohne Streit beenden.

Frau 3: "Aber das sind nur sehr wenige. Ich bin aus Hula und die Schiiten haben unser Dorf angegriffen und Frauen und Kinder getötet. Die einzig richtige Interpretation des Islam ist die der Sunniten. Schiiten beten weder zu Gott, noch respektieren sie Mohammed. Stattdessen beten sie Ali an."

Ich: "Schiiten beten nicht zu Gott und respektieren Mohammed nicht? Schiiten sind Muslime. Sie haben nur eine andere Sichtweise des Islam und sie haben, genauso wie ihr, das Recht dazu. Wir sollten Menschen nicht eine bestimmte Interpretation egal welchen Textes aufzwingen. Es gibt keine einzig richtige Interpretation. Was Sie sagen, ist Sektierertum."

Ich habe diesen Begriff sehr schnell eingeworfen, aber ich konnte nicht länger warten.

Ich: "Wenn Sie sagen, dass die Schiiten die Familien in Hula getötet haben, und das heißt, dass somit die ganze Schia ein Feind der Revolution ist und das syrische Volk tötet, ist das Sektierertum. Das müssen Sie doch zugeben, oder?"

Ich hätte nicht gedacht, dass sie auf den Begriff "Sektierertum" hin tatsächlich reagieren würden.

Frau 3 (hastig): "Ich war vorher nicht sektiererisch, wir waren es nicht. Das Regime hat uns dazu gezwungen. Die Schiiten haben unsere Leute getötet und uns dazu gezwungen, die Häuser zu verlassen. Wenn Iran und die Hisbollah nicht gewesen wären, hätten wir die Revolution gewonnen. Ich war vorher nicht sektiererisch."

Erst als Frau 3 sagte "Ich war vorher nicht sektiererisch", erkannte ich, dass es genau das war, was ich näher ergründen sollte, was ich als meine Pflicht als Unterstützer der Revolution ansehen sollte: Mich mit Menschen beschäftigen, die sektiererisch werden, weil sie der Gewalt des Regimes ausgesetzt sind UND weil sie keine anderen Unterstützer der Revolution kennen, die nicht die gleiche Denkweise wie sie haben.

Es ist wahr, je öfter wir an Ort und Stelle sind und miterleben, was diese Frauen ertragen müssen, je mehr Zeit wir mit ihnen verbringen, umso öfter werden diese Diskussionen stattfinden und wir wären vielleicht in der Lage, viele ihrer Mutmaßungen zu verändern.

Bevor ich die Familie wieder verließ, erzählte ich ihnen, dass es ein Mädchen in Syrien gibt, das sich nicht für eine Sunnitin hält, das nicht viel über Religion und Gott spricht, aber trotzdem gegen das Regime ist.

Sie riefen mich vor einer Woche an, um zu fragen, wie es mir geht. Sie mögen mich und ich mag sie auch sehr und ich glaube daran, dass ich wirklich ein paar ihrer Denkansätze ändern konnte.

 

*"Kuffar" heißt wörtlich "Ungläubiger" und wird als Beleidigung verwendet

Razan Ghazzawi ist eine 32-jährige syrische Bloggerin aus Damaskus. Sie setzt sich für die Menschenrechte ein, nicht nur in ihrem Heimatland Syrien, sondern in der ganzen arabischen Welt und darüber hinaus
 
Sie ist zwei Mal vom Assad-Regime verhaftet worden und steht nun vor einem Militärgericht. Razan hat Anglistik studiert und 2011 ihren Master in Vergleichender Literaturwissenschaft an der Universtität Balamand gemacht. Vor einigen Jahren begann sie unter dem Namen “Golaniya 7″ zu bloggen, doch vor 5 Jahren entschied sie sich, unter ihrem richtigen Namen zu schreiben. Kürzlich hat sie den “Front Line Defenders”-Preis 2012 für Menschenrechtler erhalten
 
Man kann Razan auf Twitter folgen unter @RedRazan oder direkt auf ihrem Blog kommentieren unter razanghazzawi.org
 
Dieser Blog-Eintrag stammt aus der Reihe Notizen aus Syrien, die Teil der Plattform Arabische Welt in Aufruhr von Arte ist

ARTE in Kooperation mit Der Freitag

Übersetzung: Ingo Brauner
12:55 30.10.2012
Geschrieben von

Razan Ghazzawi | Arabien von unten

Blogs aus der arabischen Region im Umbruch. Eine Kooperation mit Arte
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Arabien von unten

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