"Man fühlt sich permanent hilflos"

Syrienblog Razan Ghazzawi berichtet aus Damaskus über die humanitäre Notlage syrischer Zwangsmigranten und wie die Regierung die Situation für ihre Zwecke missbraucht

“Seit Beginn des neuen Schuljahrs räumt das Regime die Schulen von Zwangsmigranten. Wohin mit diesen Menschen ohne Obdach, nachdem die Regierung ihre Städte und Viertel zerbombt hat? Angesichts der Ereignisse fühlt man sich permanent hilflos.

In Douma, einem Vorort von Damaskus, gibt es Familien, die von 20 US-Dollar im Monat leben – 20 US-Dollar! Assad spricht von Zugeständnissen, schön und gut – aber das sind syrische Bürger, die obdachlos geworden sind – fällt das etwa nicht in die Verantwortung des Staates? Die syrische Regierung stiehlt sich aus der Verantwortung gegenüber ihren Bürgern und führt stattdessen Krieg gegen sie.”

Ruba, Mitarbeiterin einer NGO in Syrien, erklärt uns, wie die dramatische Notlage der Zwangsmigranten viele friedliche Revolutionäre dazu zwingt, humanitäre Hilfe zu leisten.

“Das Regime führt mit voller Absicht eine humanitäre Krise herbei und zwingt die Aktivisten, darauf zu reagieren.”

Internationalen Hilfsorganisationen zufolge bekommen zwei Millionen Syrer nicht die Hilfe, die sie dringend bräuchten. Eine UN-Hilfsmission für Homs stellte kürzlich fest, dass über eine halbe Million Menschen hilfsbedürftig sind – sie benötigen medizinische Versorgung, Wasser oder Nahrung. Der LCC Relief Report (Hilfsbericht der lokalen Koordinationskomitees) vom Juli 2012 hat gezeigt, dass Spenden vorwiegend von syrischen Bürgern stammen. Das wirft die Frage auf, ob internationale Hilfsgruppen oder die so genannten “Freunde Syriens” ihren Worten auch wirklich Taten folgen lassen.

Ruba spendet einen Teil ihres monatlichen Einkommens, fühlt sich aber nach wie vor ohnmächtig angesichts der Vielzahl bedürftiger Familien. Wir unterhielten uns darüber, wie die Rollenverteilung in der Revolution zunehmend durch den Sozialstatus bestimmt wird. Während die humanitären Helfer zumeist aus der Mittelschicht stammen, gehören die Revolutionäre vorwiegend der Arbeiterklasse an.
 
“Uns Angehörigen der Mittelschicht ging es unter Assads Regime sehr gut. Wir profitierten von einem deutlich höheren Service und wussten, dass sich unsere wirtschaftliche Lage verbessert hatte, allerdings auf Kosten der Arbeiterklasse. Die heutigen Anführer der Revolution wurden vorher vom Staat vernachlässigt. Sie verloren ihre Jobs und ihre Wohnungen und sind jetzt in Parks und Schulen untergebracht, wo sie auf die Hilfe der Mittelschicht angewiesen sind. Wir spielen in dieser Revolution eine ganz andere Rolle als sie. Wir haben viele Privilegien zu verlieren, sie nicht. Wir sind eine verlogene Bande.” Ruba lehnt ihren Kopf gegen das Sofa und sieht zu, wie Wassertropfen aus ihrer Klimaanlage auf den Wohnzimmerboden tropfen.

Omar war früher in Demonstrationen und Revolutionskomitees aktiv. Er wurde humanitärer Helfer, als die Revolution in die bewaffnete Phase eintrat. Omar wurde erst vor kurzem vom Luftwaffengeheimdienst freigelassen – fast zweieinhalb Monate war er dort gefoltert worden, ohne jegliche Verbindung nach außen.

“Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass die Bedrohung wöchentlich zunimmt – vor allem nach dem Anschlag auf das Gebäude der Nationalen Sicherheitsbehörde. Die Kontrollpunkte wurden unerträglich, Überfälle und Verhaftungen nehmen zu, Inhaftierungen sind lebensbedrohlich geworden. Vorher konnte ich Reis und Zucker in großen Mengen kaufen, um Migrantenfamilien zu helfen, und niemand schöpfte Verdacht, aber das geht jetzt nicht mehr.” Omar zieht an seiner Zigarette und reibt sich seine Stirn, “Ich habe meine Arbeit gekündigt – ich will nicht mehr dafür verhaftet werden, dass ich Reis kaufe.”

Vielen friedlichen Aktivisten kommt es so vor, als käme ihr Engagement als humanitäre Helfer der Regierung sehr gelegen, weil sie dies von revolutionären Arbeit abhält. Ruba, Omar und viele andere haben erkannt, dass humanitäres Engagement nicht mehr die Aufgabe einzelner Freiwilliger ist, sondern grundsätzlich notwendig. Die Syrer kämpfen allein gegen die brutalste Militärdiktatur in der Region. Vielleicht kann die Welt – vor allem die Länder und Einzelpersonen, die die freie syrische Armee fürchten – hier ansetzen und die humanitäre Krise eindämmen. Das würde die friedliche Seite der Revolution definitiv wiederaufleben lassen.

*Alle Namen der im Artikel genannten Personen wurden aus Sicherheitsgründen für die Interviewten geändert.

Razan Ghazzawi ist eine 32-jährige syrische Bloggerin aus Damaskus. Sie setzt sich für die Menschenrechte ein, nicht nur in ihrem Heimatland Syrien, sondern in der ganzen arabischen Welt und darüber hinaus.

 

Sie ist zwei Mal vom Assad-Regime verhaftet worden und steht nun vor einem Militärgericht. Razan hat Anglistik studiert und 2011 ihren Master in Vergleichender Literaturwissenschaft an der Universtität Balamand gemacht. Vor einigen Jahren begann sie unter dem Namen “Golaniya 7″ zu bloggen, doch vor 5 Jahren entschied sie sich, unter ihrem richtigen Namen zu schreiben. Kürzlich hat sie den “Front Line Defenders”-Preis 2012 für Menschenrechtler erhalten.

 

Man kann Razan auf Twitter folgen unter @RedRazan oder direkt auf ihrem Blog kommentieren unter razanghazzawi.org

 

Dieser Blog-Eintrag stammt aus der Reihe Notizen aus Syrien, die Teil der Plattform Arabische Welt in Aufruhr von Arte ist.

ARTE in Kooperation mit Der Freitag

15:03 24.09.2012
Geschrieben von

Razan Ghazzawi | Arabien von unten

Blogs aus der arabischen Region im Umbruch. Eine Kooperation mit Arte
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Arabien von unten

Ausgabe 25/2018

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