„Zurück für ein paar Tage …“

Syrienblog Die Bloggerin Rima Marrouch fragt sich wie es dazu kommen konnte, dass vielen allein die Camps an den Grenzübergängen als sicherer Hafen gelten

Bevor ich nach Syrien aufbrach, schickte ein Freund mir die Nachricht: „Grüße mir das, was von unserem Land noch übrig ist.“

Der Grenzübergang steht nun symbolisch für eine neue entstehende Ära. Das Regime hat die Kontrolle über zwei bedeutende Grenzübergänge verloren: Bab al-Hawa und Bab al-Salameh. Wenn ein Staat nicht in der Lage ist, seine Grenzen zu kontrollieren, reichen seine Mittel nicht mehr aus, um die Ordnung im Land aufrechtzuerhalten.

Wenn man als Syrer in der türkischen Stadt Kilis an den Grenzübergang Bab al-Salameh kommt, geschieht das mit gemischten Gefühlen und vielen Emotionen. Einerseits treten einem Tränen in die Augen, wenn man die grün-weiß-schwarze Flagge mit den drei roten Sternen hoch oben wehen sieht – die erste Flagge des modernen und unabhängigen Syriens. Eine Flagge, die von Demonstranten als Zeichen dafür getragen wurde, dass sie zu der Ära vor der Baath-Partei zurückkehren wollten, als Syrien ein paar Jahre lang ein demokratisches Land war.

Schutzsuche an der Grenze

Man wird emotional, weil man ohne Angst die Grenze überquert, ohne die Frage, die viele Syrer sich stellten, wenn sie in ihr eigenes Land zurückkamen. „Haben sie etwas gegen mich in der Hand?“ „Habe ich etwas Falsches getan?“ „Werden sie mich heute schnappen?“

Auf der anderen Seite des Grenzübergangs Bab al-Salameh campieren Hunderte Zivilisten. Die meisten sind aus Tal Rifat, Marea und Azaz, wo sie vor den Luftangriffen flohen. Sie kamen an die Grenze auf der Suche nach einem sicheren Hafen.

Als die Angriffe begannen, flohen wir aus Aleppo, zunächst nach Tal Rifat. Anfangs bombardierte die Armee ein paar Stunden pro Tag die Stadt aus der Luft“, berichtet Abir, 22, aus Salah el-Din in Aleppo. „In letzter Zeit fliegen sie pausenlos Angriffe. Wir flohen erneut und kamen hierher.“

Man ist machtlos und weiß nicht, was man sagen soll, außer wie es dazu kam, dass man an einer Grenze Schutz sucht. Irgendwie scheint es als hätte die Geschichte Syriens kein Happy End – selbst wenn das Regime stürzt.

Tiefer im Landesinneren liegen die Überreste einer Infrastruktur in Trümmern, inmitten von zerstörten Schulen, Moscheen, Regierungsgebäuden, Tankstellen, Häusern und Panzern. Dort steht man dann neuen Fragen gegenüber, von denen man nie gedacht hätte, dass man sie sich einmal stellen würde.

Wie viele Jahre brauchen wir, um das Land wieder aufzubauen? Wie sollen wir das machen?“

Auf solche Fragen gibt es keine Antworten, aber man stellt sie trotzdem, vielleicht auch nur, um sie das erste Mal auszusprechen.

Rima Marrouch ist freie Journalistin mit einem syrischen und einem polnischen Elternteil. Aufgewachsen ist sie im Homs der 90er Jahre, als die Stadt noch ein friedlicher Ort war. Sie berichtete aus Libyen und Syrien für die LA Times und arbeitet für das Committee to Protect Journalists/Middle East and North Africa Program. Heute lebt sie in Beirut, im Libanon.

Dieser Blog-Eintrag stammt aus der Reihe Notizen aus Syrien, die Teil der Plattform Arabische Welt in Aufruhr von Arte ist. Alle beim Freitag erschienenen Beiträge finden Sie hier.

ARTE in Kooperation mit Der Freitag

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

10:31 19.09.2012
Geschrieben von

Rima Marrouch | Arabien von unten

Blogs aus der arabischen Region im Umbruch. Eine Kooperation mit Arte
Schreiber 0 Leser 2
Arabien von unten

Ausgabe 38/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1