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Hartz IV Wenn die größte Behörde Deutschlands eine einzelne Mitarbeiterin - Inge Hannemann - öffentlich angreift, ist es an der Zeit genauer hinzuschauen.
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Foto: Sean Gallup / AFP / Getty Images

Mit einer Presseinformation vom 14. Juni fährt die Bundesagentur für Arbeit (BA) schwerstes Geschütz gegen eine Sachbearbeiterin des Jobcenters Altona, der Gemeinsamen Einrichtung von Stadt Hamburg und eben dieser Bundesagentur auf. Bereits die Überschrift macht die Maßlosigkeit der Erklärung deutlich: Inge Hannemann gefährdet tausende Mitarbeiter der Jobcenter.

Angeblich sieht sich die BA aufgrund „der anhaltenden öffentlichen Attacken“ von Hannemann „gezwungen Stellung zu nehmen“.

Was war geschehen? Zuletzt am 12. Juni, also zwei Tage vor dieser bemerkenswerten Erklärung der BA, gab es einen fast 20 minütigen Beitrag in stern-TV, in derem Mittelpunkt Inge Hannemann stand und in dem an Hartz IV und der Praxis der Job- Center kaum ein gutes Haar gelassen wurde. Das Besondere. Inge Hannemann war die Einzige, die sich mit dieser Kritik traute auch Gesicht zu zeigen. Bekannt geworden ist sie als „Hartz-IV-Rebellin“, einem Etikett, dass ihr Hamburger Medien anhefteten, weil sie sich als Mitarbeiterin des Job Centers in Hamburg-Altona weigerte, ihre jugendliche Klientel mit Sanktionen auf den rechten Pfad der Tugend zu zwingen. Außerdem unterhält sie einen Blog in dem sie seit 2012 auf Missstände rund um Hartz IV hinweist.

Dem Arbeitgeber blieb auch aufgrund der mittlerweile erreichten Prominenz ihrer Mitarbeiterin, diese Aktivitäten nicht verborgen und sie lösten bei ihm keine rechte Freude aus. Am 22.04. d.J. wurde Hannemann von ihrer Tätigkeit freigestellt und bekam Hausverbot im Altonaer Job Center. Hiergegen beantragte sie eine einstweilige Verfügung auf Weiterbeschäftigung beim Arbeitsgericht, über die am Dienstag, den 30. Juli 2013 um 12:00 Uhr, Saal 112 entschieden werden wird.

Inge Hannemann ist also eine dieser Personen aus der seltenen Spezies, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen und ihre Überzeugungen auch dann leben und zum Ausdruck bringen, wenn sie es ganz allein und auch gegen viel Widerstand tun müssen.

Es lässt sich leicht vorstellen, dass eine solche Kollegin nervt aber auch, dass viele froh sind, dass sich da endlich einmal eine traut zu sagen, was viele sich kaum zu denken trauen.

Anzunehmen, dass die BA hierin die größere Gefahr sieht auch wenn sie das Gegenteil behauptet:. „Allein schon zum Schutz der vielen tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die durch die Äußerungen von Frau Hannemann beleidigt, herabgewürdigt und in Gefahr gebracht werden“ äußert sich die Agentur. Denn: „Frau Hannemann missbraucht ihre angeblichen Insider-Ansichten, um sich in der Öffentlichkeit als einsame Kämpferin für Entrechtete darzustellen und behauptet dabei auch noch, für die Mehrheit der Jobcenter-Mitarbeiter zu sprechen“. Das tut sie sicherlich nicht. Hierfür sind ihre Positionen zu kompromisslos. Aber sie gibt der Kritik gegen einen als übermächtig empfundenem Apparat ein Gesicht und nimmt dabei tapfer in Kauf ihre bisherige Existenzgrundlage zu verlieren.

Damit vermag Inge Hannemann eine andere Nachdenklichkleit über Hartz IV zu erzeugen, als es die vielen Arbeitsloseninitiativen und Wissenschaftler mit ihren ausgezeichneten Argumenten in letzter Zeit vermochten.

Es macht die BA und ihre Führung offenbar fassungslos, dass da eine kleine, unscheinbare Frau ohne jede Organisation im Rücken, ihnen den Kampf erklärt hat. Dabei hatte Hannemann durchaus versucht den Dienstweg einzuhalten, allerdings hat niemand, den sie in der Führung anschrieb jemals auf sie reagiert. Das hat sich nun grundlegend geändert. Hannemann wird ernst genommen und da das System vielleicht nicht in allen Punkten so ist, wie sie sich das vorstellt, in einem Punkt ist es das unbedingt: es duldet keine Infragestellung und es ist einigermaßen rücksichtslos in der Zurückweisung derselben. Die BA erklärt also: „Frau Hannemann ist keine „Whistleblowerin“, die Missstände aufdeckt, denn die behaupteten Missstände gibt es nicht – sie kann daher auch keine „Hartz IV-Rebellin“ sein“. Ferner: „Wer in einem Jobcenter arbeitet, hat sich an Recht und Gesetz zu halten. Es kann nicht sein, dass eine Mitarbeiterin nach Gutdünken handelt und persönliche, politische Vorlieben auslebt“. Und kommt daher zum Schluss: „Frau Hannemann hat sich den falschen Beruf ausgesucht. Sie sollte nicht ihre Kolleginnen und Kollegen darunter leiden lassen“.

Starker Tobak. Inge Hannemannhält sich ja an das SGB II, nur macht sie deutlich, dass sie erhebliche Kritik hat. Allerdings geht sie anders mit Sanktionen um, als ihre Kolleg(inn)en. Es ist jedoch zu vermuten, dass das im Bereich U 25, also dort, wo man es mit jugendlichen ALG-II-Bezieher(inn)en zu tun hat, weit häufiger vorgekommen ist und Hannemann nicht die einzige war, die den Menschen in den Mittelpunkt des Verwaltungshandelns gestellt hat.

Natürlich ist sie eine Whistleblowerin und sie hat sich nicht den falschen Beruf ausgewählt. Im Gegenteil. Das sie nach Auffassung der BA kein Hartz-IV-Rebellin sein kann, ist schon spaßig, entspricht aber dem Habitus von Herrschern, die regelmäßig Rebellen absprechen welche zu sein und sie stattdessen als Kriminelle, Marodierende usw. besprechen. Dahinter steckt offenbar die lustige Vorstellung, dass sich Rebellion gefälligst um Prüfsiegel oder Zertifizierung bei denen zu bemühen habe, gegen die sich die Rebellion richtet.

Zu vermuten ist, dass man die Hartz IV-Rebellin jetzt mit aller Kraft aus dem System ausscheiden möchte und dabei auch vor Unverhältnismäßigkeiten nicht zurück schreckt. Es geht auch längst nicht mehr nur um die mutige Sachbearbeiterin aus Altona, sondern um ein klares Zeichen an die Mitarbeiter(innen), sich ja nicht zu trauen auf Hannemanns Spuren zu wandeln. Die Fürsorge für die Kolleg(inn)en spielt dabei die geringste Rolle, denn sonst hätte man sich mit Frau Hannemann, dem Personalrat und vielleicht einer Mediatorin hingesetzt und ausgelotet was noch geht.

Egal was man von ihren Ideen und Ansichten im Detail halten mag. Sie hat Mut bewiesen und darüber eine überfällige Debatte erneut in Gang gebracht. Hierfür gebührt ihr Respekt und Anerkennung.

Die Zivilgesellschaft sollte deutlich machen, dass sie es nicht mag, wenn staatliche Einrichtungen auf eine couragierte Mitarbeiterin mit der Keule losgehen. Egal ob man ihre Position teilt oder nicht, aushalten muss eine Behörde mit über 100.000 Mitarbeiter(innen) eine Inge Hannemann schon.

Online-Petition :

https://www.openpetition.de/petition/online/ruecknahme-der-beschuldigungen-ueber-frau-hannemann-und-eine-entschuldigung

14:15 15.06.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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