Die Wahl der Qual

BUNDESTAGSWAHL 2013 Alle vier Jahre das Gleiche. Wen wählen? Das kleinere Übel. Aber wer oder was ist das kleinere Übel. Wählen nur die dümmsten Kälber...? Fragen über Fragen.
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Bundestagswahljahre erzeugen gemeinhin eine gewisse Polarisierung. Die Gemeinsamkeiten der Parteien nehmen ab, die Gegensätze zu und auch das geneigte Publikum schlägt sich auf die eine oder andere Seite.

Normalerweise ist oder war es zumindest einmal so ähnlich. Man könnte einwenden, dass mit dem Wegfall der Ostwestkonfrontation, die Bipolarität im Denken an Konjunktur verloren und die Differenzierung zugenommen hat. Schön wär’s. Politik ist nicht nur langweiliger, sie ist vor allen Dingen auch blöder geworden. Weil die Parteien untereinander nicht mehr wirklich konkurrieren, alle haben irgendwie das gleiche Programm, öden sie einander nur noch an. Sie erzeugen so eine gewaltige Welle von Ödnis und Müdigkeit, mit der sie ihr Publikum überrollen.

Das derart angewiderte Publikum, also wir alle mehr oder minder, kotzen unsere, mit Fantasielosigkeit kontaminierte Langeweile in die Parteien zurück. Wir drohen mit Nichtwahl und machen das dann auch noch. Die meiste Fantasie in diesem ganzen Spiel entwickelt die Verwaltung in Kommune, Ländern, Bund und Europa und das vereinte Lobbyisten Pack wird noch dankbarer als Stichwortgeber angenommen, als es in den Jahren, als die Parteien noch in Ideenkonkurrenz zueinander standen, der Fall war.

Diese Zustandsbeschreibung ist grobkörnig, oberflächlich, ungerecht aber leider stimmt sie im großen Ganzen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Sarah Wagenknecht zum Beispiel. Sie setzt der vorgefundenen die Idee einer anderen Welt entgegen. Christian Ströbele tut das auch und schon seit langer Zeit. Peter Gauweiler legt sich regelmäßig mit den seinen an und es trifft dies ebenso für Heiner Geißler zu und auch bei der SPD wird man jemanden finden, der gegen den Stachel löckt. Nur nützen tut’s nichts. Das Publikum nimmts dankbar zur Kenntnis, während der Zug nach „höher, weiter, schneller“ weiterzieht und die Narren am Rand mit ihnen und wir, die Beobachter mittendrin.

Denn das eigentliche Problem sind wir. Solange wir es den Erfindern der Agenda 2010 durchgehen lassen, dass sie sich als Gegner dieser Agenda kostümiert und den Trupp von Peer Steinbrück anführen lässt und die SPD in Umfragen immer noch satte 24 Prozent bekommt, dürfen wir uns doch nicht wundern, dass wir weiterhin verarscht werden.

Wenn der Juniorpartner dieser Truppe behauptet, er sei damals eigentlich gegen Hartz 4 gewesen, zumindest wollte man es nur bei gleichzeitiger Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, und die Grünen für diese Lüge mit 14 Prozent belohnt werden, dann wäre es doch überraschend, wenn diese Grünen, die in ihnen schlummernden Potentiale tatsächlich einmal erschließen sollten.

Die CDU, der Marktwirtschaft im Bereich des Mietwohnungsbaus die Breschen freischlägt und ausgerechnet jetzt die Notwendigkeit einer Mietenbremse entdeckt und damit zurzeit mit 40 Prozent belohnt wird, sollte sie da tatsächlich aufhören, ihre begriffliche Verengung des Volkes auf die besitzenden Klassen zu beenden?

Und wenn die Linke, die zumindest redlich bemüht ist, darauf hinzuweisen, dass es in diesem Land eine extreme Fehlverteilung von Vermögen und Chancen gibt, gerade einmal das Doppelte von dem erhält, was die Umfragen der FDP zubilligen, dann ist das doch geradezu wie ein stiller Schrei nach mehr davon: verarscht uns, denn wir mögen das!

Solange sich dieses kindische Verhalten nicht ändert, wonach nur der meine Stimme bekommt, der sie aber auch wirklich verdient hat. Die wertvolle Stimme dann in der Hälfte der Fälle gar nicht abgegeben wird, weil man an allen etwas zu mäkeln hat. Natürlich zu Recht aber die Bezugnahme auf die Stimme ist halt falsch! Solange werden die Parteien noch nicht einmal im Ansatz ihre Möglichkeiten ausschöpfen. Die sind natürlich begrenzt, aber momentan müssen sie sich ja noch nicht einmal anstrengen, ja noch nicht einmal so tun, als würden sie sich bemühen.

Mit anderen Worten: erst dann, wenn die Idee des kleineren Übels konsequent umgesetzt wird, kommt es zu einer Ausdifferenzierung der Parteien und so etwas wie Unterscheidbarkeit. Eurokritiker sollten nicht CDU/CSU wählen, weil es da einen Peter Gauweiler gibt, sondern AfD. Egal was ihnen da ansonsten nicht gefällt. Wer Ströbele und andere stärken möchte, sollte die Linke wählen usw. usf. Da macht es dann doch wenigsten Sinn zur Wahl zu gehen, weil es mit einer Vorstellung verbunden werden kann, was wohl gemeint sein könnte.

Wer hingegen Steinbrück wählt, weil er für Mindestlohn ist hat zu mindestens Humor aber er oder sie sollten sich dann hinterher nicht wundern, wenn rotgrün die Agenda 2010 fortschreibt.

10:15 05.06.2013
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