Glaube, Wahn, Verschwörung

Moderne Zeiten Der kritische Geist hat es momentan besonders schwer. Von vielen Seiten wird er herausgefordert.
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Klassische Fronten zerbrechen und in der Neukonstituierung entstehen Allianzen, die – auch wenn sie gegen einander stehen – eines eint, sie alle sind Freunde eines sehr einfachen Weltbildes mit hoher narrativer Komplexität.

Dazwischen gibt es ein erfreulicherweise sehr großes Mittelfeld, dass man weitestgehend als „vernünftig“ beschreiben könnte. Es lässt sich nicht so schnell ins Boxhorn jagen, hört sich Argumente an, wägt ab und fragt sich, was plausibel und was eher unwahrscheinlich ist. Aber wenn die Polarisierung zunimmt, dann wird es in der Mitte irgendwann kritisch, weil die polarisierten Lager naturgemäß immer stärker auf Bekenntnis und Loyalität bestehen werden.

Momentan stehen einmal mehr Verschwörungsmystiker und die harten Befürworter des Status quo unversöhnlich gegeneinander. Thema: das Virus und seine Bekämpfung.

Die einen halten alles für möglich. Vor allem jede Sauerei von Interessensgruppen, für die die Melinda und Bill Gates Stiftung symbolisch steht. Die anderen halten dagegen jede Kritik, die auf systematische Einflussausweitung von Interessengruppen, wie der der erwähnten Stiftung abzielt, für einen Ausdruck verzerrter Realitätsrezeption oder gar für eine politische Strategie der Rechten.

Beide Gruppen bedürfen zu einem gewissen Grad einander und stabilisieren sich gegenseitig. Dabei sind die „Verschwörungstheoretiker“ deutlich wahnhafter, während die Vertreter des Status quo bzw. Befürworter der Maßnahmen der Regierung ohne Wenn und Aber und Negierer jedweder „Verschwörung“, als Vertreter der reinen Vernunft erscheinen, die sich der Aufgabe stellen, die Krise zu meistern. Soweit so vernünftig.

Die Annäherung an das Wahnhafte tritt erst dann zutage, wenn jedwede Kritik - auch außerhalb des Demonstrationsgeschehens - an der Ausrichtung der Krisengestaltung delegitimiert wird. Dies geschieht zum Beispiel dadurch, dass nicht über Argumente gestritten, sondern stattdessen Motivlagen breit erörtert werden. Vermutlich, weil man den Verschwörungsmystikern unterstellt, dass sie eine rechte Verschwörung darstellen und die Populistenfront "bunter" machen möchten.

Nun gibt es ja auch jede Menge Zeugs, über das man beim besten Willen nicht ernsthaft diskutieren darf, weil es sich als bloße Behauptung in die Welt begibt und hauptsächlich von der Idee lebt, dass die Herrschenden uns durch großangelegte Manipulation knechten würden.

Dabei wird durchaus auf die eine oder andere Analyse zurückgegriffen und das systemische Moment eines Prozesses aus seiner Ablauflogik befreit. Die innere Logik von Prozessen wird aufgehoben, zugunsten von Planung und subjektivem Wollen. So wird aus systemischen Prozessen, ein Blick auf die Welt, als umgesetzter Wille und Vorstellung von einigen Wenigen durch Tricks, Konspiration, illegitimer Macht und Verschwörung.

Die Tatsache, dass es Manipulation und Manipulationsversuche gibt, dass Medien manchmal als gleichgeschaltet erscheinen usw. soll gar nicht in Abrede gestellt werden. Die Idee von der großen Verschwörung jedoch ist substantiell viel manipulativer, als alles, was wir an Manipulation und Gleichschaltung ansonsten kennen. Es zielt auf den Wunsch zu glauben ab. Je mehr man den Mächtigen misstrauen soll, umso so mehr soll man dem „Widerstand“ vertrauen und dessen "Geheimwissen" kritiklos fressen.

Aber wenn man schon glaubt, ist dann das Vertrauen in die Mächtigen nicht besser investiert, denn diese haben wenigstens Macht und können Dinge durchsetzen?

Genauso werden viele derjenigen einst auch gedacht haben, die jetzt demonstrativ die Plätze besiedeln, eng an eng stehend und demonstrativ auf Mund- und Nasenschutz verzichtend. Das Problem von Gläubigen, die sich mit der Macht verbünden, oder auch von Vertrauenden, die sich eine bessere Zukunft versprechen, oder auch nur den Erhalt ihres Status quo, ist ihre Erwartungshaltung.

Wer die Komplexität von Politik im Wesentlichen reduziert auf gut und böse und "meine Leute" und "der Feind", ist perspektivisch enttäuscht und fühlt sich eher früher als später als Stimmvieh missbraucht und von der Politik verraten. Die Idee, dass das an etwas liegen könnte, dass nicht offensichtlich ist und auf Absprachen von denjenigen beruht, die ständig mehr Reichtum anhäufen, kann eigentlich nicht verwundern.

Zum einen, weil es natürlich regelmäßig normwidriges Verhalten von Reichen gibt, um noch reicher zu werden. Zum anderen bleibt es nicht geheim und wenn es auffliegt, fällt auf, wie Reichtum, Macht und Einfluss zusammenhängen. „Wer das Geld hat, hat die Macht. Und wer die Macht hat, hat das Recht“ (Ton Steine Scherben, 1971).

Da kommen die Spacken gerade recht, die diese gesellschaftlichen Prozesse ins Groteske verzerren und von chemtrails und Eidechsenmenschen lallen oder Impfen und absolute Kontrolle kombinieren usw. usf.

Schon der Umstand, dass sich für alle diese Phänomene und ihre menschlichen Träger der Begriff „Verschwörungstheoretiker“ eingebürgert hat spricht Bände. Viele von uns werden sich noch erinnern: Netzwerke aus Führungspersonen der Polizei, des Militärs, der Wirtschaft, der Politik, der Mafia und von Geheimdiensten gab es und gibt es womöglich noch. In Italien jedenfalls flog die P2 Anfang der 80er Jahre des 20. Jh. auf. Insofern können Theorien über Verschwörungen durchaus hilfreich und dicht an der Realität sein. Wahnhafte Besprechungen der Welt sind hiervon deutlich zu unterscheiden. Das Gerede von „Verschwörungstheoretikern“ differenziert aber nicht mehr zwischen Wahn und Analyse und das ist schlecht, weil es einerseits die Wahnhaften aufwertet und zugleich die Analyse in deren Mittelpunkt Verschwörungen stehen, abwertet und dem Wahn zuschlägt.

Solange es Verschwörungen gibt, wird es auch theoretische Betrachtungen darüber geben. Mit wahnhafter Mythenbildungen von Leuten, die glauben begriffen zu haben, dass an ihrem Unglück keine Freunde zu haben, die Mächtigen Schuld sind und Strahlen, Trinkwasser und Impfdosen als Werkzeuge der Manipulation zum Einsatz kommen, haben Theorien über Verschwörungen rein gar nichts zu tun.

Wer nun glaubt, Verschörungsmythen würden nur Konjunktur unter früheren Schulhofeckenstehern und Leuten ohne nennenswertes soziales Umfeld konjunkturell an Fahrt aufnehmen können, irrt gewaltig. Auch Teile der kulturellen Linken sind hier durchaus anfällig, nur werden sie nicht durch Kondensstreifen getriggert, sondern z.B. durch Dinge, die mit Kolonialismus, Rassismus, Patriachat, Nationalsozialismus usw. usf. in vermeintlichen Zusammenhang stehen. Jüngstes Beispiel ist ein Instagram-Video des VW-Konzerns zur Bewerbung des neuen Golfs, das kaum im Netz, schon eine Empörungs-Tsunami auszulösen vermochte. Die Gemeinde der Gutmeinenden hatte blitzschnell vier rassistische Symbole und Muster im Video - das der Einfachheithalber als bekannte vorausgesetzt wird - ausgemacht: „Petit Colón“ wurde als kleiner Kolonialist übersetzt und damit das Café in Buenos Aires, das zu den angesagtesten Läden dort gehört, zum Symbol für Kolonialzeit. Tatsächlich gibt der Name Hinweis auf einen der berühmtesten Kolonialisten der Welt, nämlich auf Christoph Kolumbus spanisch Cristóbal Colón.

Der Abspann „Der neue Golf“ (VW), der durch sukzessives Einblenden einzelner Buchstaben erst langsam entsteht, ergibt in einem kurzen Moment der Abfolge die Buchstaben „er ne g(l)“, was sowohl in gerne, Regen oder Neger kombiniert werden könnte. Im Film bewegt sich ein Mensch vom Golf weg und weg vom Café und wird von einer großen Hand in Richtung Petit Colón gesteuert und zum Schluss hinein geschupst, dabei stellt die Hand mit Daumen und Zeigefinger ein Kreis da, was naive Zeitgenossen vermutlich als Ok-Zeichen deuten würden, was aber hier das „White Power“-Zeichen darstellen soll. Tatsächlich entsteht es nur, weil die Hand den Menschen ins Cafè schnippt. Das vierte und stärkste Zeichen ist, dass der Mensch, der im Film von einer übermächtigen Hand geführt wird dunkel und die Hand weiß ist. Also: weiße Hand stößt Schwarzen in die Kolonialzeit und macht dazu das „White Power“-Zeichen, während „Neger“ eingeblendet wird.

Natürlich gibt es ein solches Video nicht, aber man kann es so sehen, wenn man es so sehen möchte. Die Werber von DDB haben es vermutlich als Umsetzung der Idee gesehen: egal was passiert, der neue Golf bringt Dich immer sicher ans Ziel.

Das absolut irre aber ist, dass sich die wahnhafte Interpretation durchgesetzt hat und das sehr schnell. War VW am Anfang noch völlig fassungslos, wie man dieses Video so missinterpretieren kann, so hat sich der Wind bei ihnen schnell gedreht, weil sie feststellen mussten, dass sie die Deutungshoheit nicht zurück erlangen können. Die Idee, dass VW ein Video mit rassistischen Inhalt produzieren ließ, war in der Welt und verbreitete sich mit einem sehr hohen Reproduktionsfaktor. Also änderte der Konzern die Strategie, erklärte, dass er das Video auch sehr schlimm fände und entschuldigte sich, versprach Besserung und gab sich geläutert. Die Agentur DDB fandet mittlerweile nach dem/den Rassisten im Haus, der(die) sie in diese Malaise gebracht haben.

Wahrscheinlich haben Konzern und Agentur aus der Logik der Profitabilität völlig richtig gehandelt, weswegen VW ja auch keine rassistischen Videos beauftragen würde. Im Sinne rationaler Diskurse versus wahnhafter Verzerrung der Realität hat er natürlich das Falsche getan, indem er sich vor dem Wahngebäude verneigte, dass leidenschaftlich Empörte in den sozialen Netzwerken errichtet hatten.

Was übrigens vermuten lässt, dass solche Konzerne in einer anderen kulturellen Großwetterlage auch zu Zugeständnissen an rechte Verschwörungswahngäubige bereit wären. Konzerne haben nämlich keine Überzeugungen, sondern nur Interessen.

Wenn man also den Grad der Wahnhaftigkeit zu ermitteln hätte, dann würde vermutlich derjenige, der an eine Verschwörung von Bill Gates zur Erlangung der Weltherrschaft glaubt und das mit dem Einfluss der Melinda und Bill Gates Stiftung auf die WHO begründen würde, deutlich weniger wahnhaft, als diejenigen, die VW die Investition in rassistische Werbemittel unterstellen. Denn die Interessen, die Gates mit seiner Förderung von Projekten der Öffentlichen Gesundheitspolitik verfolgt, liegen tatsächlich im subjektiven Wollen privater Personen begründet.

Bei Gates gab es in Bezug auf die WHO immer mal wieder Kritik. So berichtet das Ärtzeblatt vor drei Jahren: „scharfe Kritik an dem zunehmenden Einfluss der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung auf die Arbeit der Weltgesundheitsorganisation WHO üben dreißig internationale Organisationen aus den Bereichen Gesundheitspolitik, Verbraucherschutz und Menschenrechte, darunter die BUKO Pharma-Kampagne und die Menschenrechtsorganisation FIAN. In einem offenen Brief an die WHO kritisieren sie insbesondere, dass die WHO offenbar plane, die Stiftung in ihr oberstes Gremium, die „World Health Assembly“ aufzunehmen“ (ärtzeblatt.de, 31.01.2017).

Noch im November 2019 hat sich eine Fachtagung „Öffentlich-Private Partnerschaften in der Globalen Gesundheit“ mit privaten Akteuren wie Bill Gates und Wellcome Trust in der globalen Gesundheitspolitik kritisch beschäftigt.

Allerdings darf der rationale Kern, um den herum wahnhafte Menschen ihre Wirklichkeit konstruieren, nicht dazu führen, sie irgendwie mit dem Kristallisationskeim ihrer Spökenkiekerei in Verbindung zu bringen. Diese Kerne wahnhafter Erzählungen können alles Mögliche sein, nur nicht die Substanz abseitiger Narrative. Die Verzerrung rationaler Kritiken zu Karikatur ihrer selbst, ist der Kern, mit dem sich ein ähnlicher Typus Mensch auf den Weg zur Assoziation mit Gläubigen gleicher Provenienz macht. Erst im Rudel kehrt sich das Merkmal relativer Verrückt- und Durchgeknallheit um und die Normalen werden zu blöden und kritiklosen Schafen und man selbst zum Teil einer überlegenen Gemeinschaft, die das manipulative Treiben durchschaut und sich ihm erfolgreichen entzogen hat.

Debatten mit diesen Leuten sind völlig sinnlos und Differenzierungen zwischen besorgten Bürgern, die um ihre Grundrechte fürchten und deswegen mit Menschen demonstrieren, die sich vor Reptiloiden aus dem Sternbild des Drachens fürchten, sind möglich aber nicht zielführend.

Schon die Idee, dass sich Bürger:innen zu Recht Sorgen um den Verlust vor Grundrechten machen, ist im Lichte der jetzigen Pandemie und der Maßnahmen zu ihrer Eindämmung kaum nachzuvollziehen. Jeder Besuch in einem Einkaufzentrum ist mit dem Verlust von Grundrechten assoziiert. Das Recht auf Meinungsfreiheit gilt in dem Moment nicht mehr, wo ich dort Flyer verteilen möchte. Will ich das, so benötige ich eine Genehmigung derjenigen, die dort das Hausrecht ausüben. Trotzdem gehen die Leute gerne in Einkaufszentren und merken den beschriebenen Verlust bürgerlicher Freiheitsrechte gar nicht.

Es geht momentan auch nicht um den drohenden Verlust von Grundrechten, sondern um die Infragestellung des Umfanges der Maßnahmen zur Prävention möglicher Infizierungen mit Sars-Cov-2, bis hin zur Bestreitung der Richtigkeit irgend einer Einschränkung, um die Seuche an ihrer Entfaltung zu hindern. Dabei gilt solchen Demonstranten der Erfolg der bisherigen Handlungen als Beleg für die Unsinnigkeit der Maßnahmen selbst bis hin zu Aussagen, Covid-19 sei bezogen auf das Gefahrenpotential nicht höher zu bewerten, als eine gemeine Grippe.

Im Lichte der Lockerungspolitik der Landesesregierungen, in Abstimmung mit dem Bund und den Landkreisen, kann man nicht ernsthaft annehmen, dass hier eine Übermaß an Grundrechtseingriff geplant wird. Zwar kann man sicherlich und zu Recht anzweifeln, dass jede Maßnahme ihre Berechtigung hatte und man darf auch fragen, ob die gesetzliche Grundlage, die dem Handeln zugrunde gelegt wurde, wirklich zur Begründung solch umfassender Eingriffe taugt? Aber dass die Maßnahmen im Großen und Ganzem notwendig waren, wird man nur bestreiten können, wenn man Darwinist ist (Darwin war keiner!) und/oder die Gefahr des neuartigen Sars-Coronavirus-2 bestreitet.

Alle anderen werden sich des Respektes nicht verweigern können, dass hier insbesondere durch die Bundesregierung ein Handeln vorangetrieben wurde, das weitestgehend situationsadäquat war, wenngleich das auch erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung geschah.

Es spricht jedenfalls weit mehr dafür, dass richtig gehandelt wurde, als für das Gegenteil und wir alle können heilfroh sein, dass niemand von den Verschwörungsmystikern zu entscheiden hatte, als es darum ging, kühl und rational die Bedingungen für wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben - in einem bislang nie gekannten Umfang - zu reglementieren.

Und ja, natürlich haben durchgeknallte Irre und Bruder und Schwester Leichtfuß jedes Recht auf die öffentliche Darstellung ihrer inneren Verfasstheit. Einen Anspruch auf Respekt haben sie dabei ganz sicher nicht.

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19:09 23.05.2020
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