Rammstein stampft durch Schlands Historie

Deutschland Rammstein, die Band der Neuen Deutschen Härte hat ein Video produziert das es in sich hat.
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Mit viel Aufwand und einer Ästhetik, der sich die Zuschauer*in nur schwer entziehen kann, tourt die Band durch die deutsche Geschichte.

Germanische Wälder, V2, Schlagringboxen, Politbüro, KZ, Nazipomp. Alles drin was Härte ausmacht. Jedenfalls ist nichts drin, was irgendwie anrührend wäre. Irgendwie das Gegenstück zum Schlager, der mit nordischen Dreiklang und Harmonieschleifen die Dissonanz aussperrt. Rammstein vermeidet bewusst alles, was der Idee von hart sein widersprechen könnte. Irgendwie sind sie als Kunstprodukt der dialektische Zwilling von Roland Kaiser, Helene Fischer und wie die Stars des deutschen Schlagers noch so heißen.

Das Lied zum Video heißt Deutschland und ist sicherlich nicht als reine Liebeserklärung zu interpretieren. Was nicht heißt, dass es nicht auch Nazis ansprechen könnte. Das Video, wie das Lied, ist für Antideutsche wie Nazis gleichermaßen als Projektionsfläche geeignet. Dazwischen spricht es auch potentiell alle an, die mit Deutschland hadern, aber nicht von ihm lassen können. Kurzum, dass Lied wird die Rammstein-Fangemeinde einen.

Du
Ich
Wir
Ihr
Du (übermächtig, überflüssig)
Ich (Übermenschen, überdrüssig)
Wir (wer hoch steigt, der wird tief fallen)
Ihr (Deutschland, Deutschland über allen)

Das sich jetzt über die Szene aufgeregt wird, die die Band in KZ-Kleidung unter dem Gemeinschaftsgalgen im KZ Karlshagen stehend abbildet, liegt an der Art der Veröffentlichung. Bevor das Video in Gänze veröffentlicht wurde, gab es nur eben diese Bilder.

Nun mag man trefflich darüber streiten, ob man, wie der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster befindet, hier die Shoh zu Marketingzwecken missbraucht wird. Denn ob es einem nun gefällt oder nicht, das Deutschlandvideo der Band Rammstein ist Kunst. Zwar eine, die sich sehr gut verkauft, aber das kann ja kein Grund sein, sie deswegen hierauf zu reduzieren.

Einen Missbrauch jedenfalls vermag ich nicht zu erkennen. Die Auseinandersetzung mit einer extrem ambivalenten Geschichte wird jedenfalls bildlich und tonlich in Szene gesetzt. Mehr Sorgen würde ich mir darum machen, dass sich das so gut verkauft.

Bunte Düsterheit und monotone und stampfende Drums. Wahrscheinlich ist das Geheimnis, dass sie dann doch recht melodiös daherkommen und damit eine Dialektik gelingt, die irgendwie und für nicht eben Wenige doch recht perfekt den Zeitgeist verkörpern.

Deutschland – mein Herz in Flammen
Will dich lieben und verdammen
Deutschland – dein Atem kalt
So jung, und doch so alt
Deutschland – deine Liebe
Ist Fluch und Segen
Deutschland – meine Liebe
Kann ich dir nicht geben
Deutschland!“

Der Refrain ist textlich eine Abgrenzung zu dem Bild, was das Video auch malt: eine Liebeserklärung an ein Land, dass dem Einzelnen zwar viel abverlangt, dass ihn aber deswegen um so fester an Deutschland kettet, weil der Bund durch Stahl und Blut geschmiedet wurde. Nazikitsch der Leid und Abgründe heroisiert, weist durchaus Parallelen zu dem hier besprochenem Video auf. Nur dass Nazikitsch sicherlich ohne eine schwarze Heilige auskäme und nicht ambivalent, sondern eindeutig wäre.

Wie schon angedeutet, kommt man, wenn man Rammstein und ihre Musik mag, aus jeder denkbaren Richtung auf seine Kosten. Ein Video, dass sich durchaus eignet eine Debatte über Deutschland und die Deutschen zu bereichern, wenn man es nicht sofort auf seine Instrumentalisierung und Ästhetisierung dunkler und dunkelster Teile der deutschen Geschichte reduziert.

10:28 29.03.2019
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