Lernen und arbeiten trotz Traumata

Arbeitsmarktintegration Psychische Belastungen erschweren vielen Flüchtlingen den Weg in den Arbeitsmarkt
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Lernen und arbeiten trotz Traumata
Symbolbild

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Viele Geflüchtete sind in besonderem Maße psychischen Belastungen ausgesetzt. Ihre Erfahrungen mit Krieg, Armut, Verfolgung und Gewalt im Herkunftsland und bei der Flucht wirken nach. Prekäre alltägliche Lebensbedingungen in Deutschland belasten sie zusätzlich. Ihre Integration in den Arbeitsmarkt wird dadurch erschwert. Viele ihrer Teilnehmenden hätten mit dem Thema Gesundheit zu tun, berichtet uns die Mitarbeiterin einer Koordinationsstelle im Bereich der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in Hamburg. Es seien jedoch „nicht alle traumatisiert“.[1] Man müsse ein bisschen vorsichtig sein mit dem Begriff. Zahlreiche Geflüchtete litten jedoch unter erheblichen psychischen Beeinträchtigungen und chronischen Krankheiten. Neben der eigenen Situation sei es in vielen Fällen die Situation der Familie, die mit starken psychischen Belastungen einhergehe, etwa „dass die Familie auseinandergerissen und irgendwo anders auf der Welt ist oder dass es finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten braucht, weil beispielsweise die Beerdigung des Vaters bezahlt werden muss, weswegen der Bildungsweg unterbrochen wird“. Entsprechende Unberechenbarkeiten, die ausbildungsbegleitend oder integrationsbegleitend die Geflüchteten belasten, träten häufig auf: „Die Familie im Herkunftsland oder in einem anderen Kriegsübergangsstadium oder Ort wird immer mitgedacht.“

Der Mitarbeiter einer sächsischen Beratungsstelle berichtet von ähnlichen Erfahrungen: „Einige Kinder oder Jugendliche wissen, dass ihre Familien seit mehreren Jahren in Kriegsgebieten festsitzen, oder woanders, etwa in der Türkei, von dort nicht wegkommen und unter schlimmen Verhältnissen leben. Das belastet sie natürlich.“ Der Mitarbeiter eines hessischen Projektträgers beschreibt uns einen Fall aus einem Projekt zur Ausbildungsvorbereitung, bei dem Jugendliche „Fotos ausgetauscht haben von Leichen, die sie sich angeguckt haben oder Geköpften, die sie identifizieren sollten: ‚Ist das dein Vater?‘ Da kannst du keinen Unterricht machen. Wenn du gerade mit solchen Bildern im Kopf oder mit solcher Angst konfrontiert wirst.“

Das Gefühl, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Situation der Familie Verantwortung tragen zu müssen, erzeugt bei jungen Geflüchteten einen hohen Druck, berichtet der Mitarbeiter einer Industrie- und Handelskammer (IHK) in Niedersachsen: „Ich war letzte Woche im Gespräch mit einem jungen Mann aus Syrien, der sagte‚ alle erwarten was von uns. Im Jobcenter, vielleicht ist dann noch jemand ehrenamtlich, dann die Familie, alle haben eine Erwartungshaltung, dass man studiert, in Ausbildung geht, so schnell wie möglich‘.“ Angst vor Abschiebung, Erfahrungen mit Rassismus, eine schwierige Wohnsituation oder alltägliche Probleme aufgrund fehlender Sprachkenntnisse (z.B. mit bürokratischen Routinen) verstärken die psychische Überforderung. „Einer kriegt immer Schweißausbrüche, wenn er Briefe nur schon im Briefkasten sieht. Und dann kommt er mit seinem Stapel hierher und ich gucke die mir dann einmal durch und sage: ‚Ist alles nichts Schlimmes, es ist alles nur...‘. Und dann ist wieder gut“, berichtet die Mitarbeiterin einer Beratungsstelle in Baden-Württemberg. Abschiebungen sind für die Betroffenen und ihr Umfeld (z.B. in einer Wohnunterkunft) stark belastende Erfahrungen, zumal wenn bereits traumatisierende Flucht- und Gewalterfahrungen vorliegen.

Therapieangebote nur unzureichend vorhanden

Psychische Beeinträchtigungen sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, stellt der Mitarbeiter einer Hamburger Beratungsstelle fest: „Wir erleben, dass Teilnehmende manchmal müde oder nicht aufmerksam sind und man sich fragt: ‚Ja, wieso kommt ihr denn in den Unterricht und warum kann der nicht so teilnehmen?‘, bis man dann in einer Beratungssituation, also eins zu eins, noch mal eine Abfrage machen kann: ‚Nehmen Sie Medikamente?‘ oder ‚Sie erscheinen uns in den letzten zwei Wochen so müde.‘ Dann kommt zum Vorschein: ‚Ich war in der Psychiatrie, ich nehme Tabletten.‘ Es braucht vier bis sechs Wochen bis jemand eingestellt ist und dann gibt es Termine bei einem niedergelassenen Psychiater oder auch in der Klinik.“ Er habe, erklärt der Mitarbeiter einer niedersächsischen IHK, „auch mit Menschen zu tun gehabt, die gefoltert wurden in Syrien und die Kriegsleiden haben, angeschossen wurden“. Er denke, dass sich dadurch Probleme im Prozess der Arbeitsmarktintegration teilweise erklären ließen: „Verlässlichkeit ist vielleicht nicht immer gegeben, man kommt zu spät, meldet sich nicht richtig an oder ab, obwohl es erklärt wurde. Oder man fängt eine Ausbildung an und bricht sie ab. Im Einzelnen kann es sein, dass das aufgrund von traumatischen Erfahrungen oder psychischen Belastungen geschieht. Ich vermute es manchmal, wenn ich höre, dass über Appetitlosigkeit, Schlafmangel, geklagt wird: ‚Ich kann nicht schlafen, ich kann nicht einschlafen‘.“

Die Mitarbeiterin einer hessischen Handwerkskammer erzählt uns vom Fall eines Auszubildenden in ihrem Familienbetrieb: „Er ist über Libyen gekommen, da gab es die Route noch. Das muss die Hölle auf Erden gewesen sein. An der Küste zu Tausenden am Ufer und dann auf das nächste Gummiboot. Es muss so schlimm gewesen sein, dass er gesagt hat: ‚Lieber krepiere ich auf dem Wasser als hierzubleiben.‘ Dass das ein Trauma ist, ist ja wohl logisch. Das äußert sich bei der Arbeit teilweise so: Da geht bei ihm wie ein Schalter und dann ist er weg, dann weiß er nichts mehr. Und man denkt: ‚Was hat der denn jetzt?‘ Aber das ist nachvollziehbar.“ Therapieangebote seien nur unzureichend vorhanden, kommentiert der Mitarbeiter der Hamburger Beratungsstelle: „Bei Traumata gibt es zwar die Erkenntnis, dass der Bedarf sehr groß ist, aber es gibt immer noch viel zu wenig muttersprachliche Angebote.“ Es sei schwer, Plätze zu finden. Auch die Angebote der sozialpädagogischen Beratung in den Unterkünften seien unzureichend. Der Mitarbeiter der sächsischen Beratungsstelle vermutet, dass es einigen Geflüchteten zudem schwerfalle, psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen, da entsprechende Therapien in den Herkunftsländern gesellschaftlich weniger anerkannt seien.

In der Berufsvorbereitung können Traumata und psychische Belastungen zumindest teilweise berücksichtigt werden, stellt der Mitarbeiter eines Projektträgers in Baden-Württemberg fest. Mangelnde Konzentration, fehlendes Durchhaltevermögen oder Fehlzeiten würden zugelassen und erst mit der Zeit thematisiert. Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen spielten dabei eine wichtige Rolle. In der Ausbildung und im Beruf führen psychische Überlastung und Traumata hingegen häufig zu einem raschen Verlust des Arbeitsplatzes. Im Arbeitsalltag, erklärt der Mitarbeiter der Hamburger Beratungsstelle, werde kaum Rücksicht genommen: „Kann man höchstwahrscheinlich auch nur sehr schwer. Dazu brauchst du viel Zeit, musst dich viel mit den Menschen auseinandersetzen. Verständlicherweise können darauf nur wenige Leute Rücksicht nehmen.“ Er habe versucht, Betriebe zu finden, die die besondere Belastungssituation der Geflüchteten berücksichtigen, erzählt uns ein Ehrenamtlicher aus Baden Württemberg, „die ein bisschen eine pädagogische Idee haben: ‚okay, dann läuft es halt mal nicht so wie es sein muss‘“. Er kenne keinen einzigen Betrieb. Die Betriebe „sagen alle ‚ich brauche Mitarbeiter, die zuverlässig da sind und zuverlässig mitarbeiten und wenn das nicht funktioniert, dann kann ich die nicht brauchen‘.“ Wenn junge Menschen es nicht schafften, jeden Tag pünktlich zur Arbeit zu kommen, seien sie „sofort raus“. Er könne das nachvollziehen, da die Betriebe ja „irgendwie funktionieren“ müssten. Ein anderer Ehrenamtlicher stimmt ihm zu: „Man kennt es ja von seiner eigenen Arbeit, da muss alles funktionieren. Wenn jemand vielleicht erst mal noch zusätzliche Arbeit ist, dann wird es schwierig.“ Es brauche für entsprechende Fälle Unterstützungsleistungen, „die vielleicht einen Teil auffangen, damit nicht mehr so ins Gewicht fällt, wenn jemand Schwierigkeiten hat aufgrund traumatischer Erfahrungen.“ Empathie mit psychisch belasteten oder traumatisierten Geflüchteten komme in Deutschland häufig zu kurz, kritisiert der Mitarbeiter der sächsischen Beratungsstelle: „Es ist schön, dass wir in so einem behüteten Umfeld leben und denen auch den Schutz geben können, ich habe aber auf der anderen Seite das Gefühl, dass wir auch schon ein bisschen Empathie verloren haben gegenüber leidenden Menschen, Menschen mit so einem Hintergrund.“

Anmerkung:

[1] Die Zitate sind Interviews entnommen, die im Rahmen des durch das BMBF geförderten Forschungsprojekts „Willkommenskultur und Demokratie in Deutschland“ (www.welcome-democracy.de, Laufzeit: 10/2017-09/2020) geführt wurden. Sie wurden sprachlich leicht geglättet.

10:57 26.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Doreen Bormann / Nikolai Huke

Wir forschen im durch das BMBF geförderten Projekt "Willkommenskultur und Demokratie in Deutschland" zur Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten.
Doreen Bormann / Nikolai Huke

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