Wohin marschiert Ägypten?

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Im Folgenden der Beitrag meines Freundes Cahit Kaya, Bruder im Geiste könnte man sagen; ursprünglich auf seiner Seite gepostet:

exmuslime.at/cahit-kaya-frei-gesprochen/144-wohin-marschiert-aegypten

Ich stelle ihn hier rein; denn erstens finde ich, er beleuchtet einige Aspekte, die ich so noch nicht bei Anderen gelesen habe und in ihrer Differenziertheit unbedingt dazugehören -und besser hätte ich es auch nicht gekonnt.

Er spricht mir aus der Seele sozusagen, und eine Haltung in Tradition der Aufklärung scheint mir prototypisch dringend notwendig, im Gegensatz zu ideologisch eingebundenen, scheuklappenbewehrten Perspektiven.

So ist mein erster Blog-Beitrag also ein Zitat, was den Gehalt nicht schmälern sollte, die Lorbeeren reiche ich gerne weiter;)

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"Ägypten marschiert aber niemand weiß bisher wohin der Marsch führen wird. Was kommt nach Mubarak und welche Bewegung außer den radikal-islamistischen Muslimbrüdern gibt es in Ägypten noch? Derzeit äußern sich "intellektuelle" Westler zu den Muslimbrüdern und scheinen diesen bereits einen moderaten Anstrich verpassen zu wollen.

Die Supporter der Scharia
Manche scheinen die Muslimbruderschaft schönzureden, um sich eine Option nach deren möglicher Machtergreifung nicht entgehen zu lassen, einen Stein bei diesen im Brett zu haben. Hoffentlich nicht im selben Brett vor ihrem Kopf, wie sie es auch 30 Jahre bei Mubarak vor sich hertrugen und daraus nichts gelernt haben, dass die blinde Unterstützung die alleine zu starker Ausbeutung und persönlicher Bereicherung des Regimes führte, keinerlei Wohlwollen in der Bevölkerung auslöst und durch diesen Umstand besonders den noch größeren Feinden der Demokratien in die Hände spielt. Wenn schon der Westen Demokratie predigt und Diktaturen stützt, so verliert er in dieser Region jeden Anspruch auf Sympathien und gilt als unglaubwürdig wenn er vorgibt Demokratie und Freiheit bringen zu wollen. Längst hat auch Obama durchblicken lassen, dass alleine "das ägyptische Volk" entscheiden könne, wer das Land in Zukunft zu regieren hätte. Trotz massiver Einschränkungen und Manipulation durch Mubaraks-Regime gelang es der Muslimbruderschaft dennoch ein Füntel der Wählerstimmen während der letzten Wahlen einzusammeln. Das wohl schlimmste was passieren könnte wäre, wenn die Muslimbruderschaft wirklich an die Macht käme. Und dabei auch noch demokratisch legitimiert ist. Die westliche Unterstützung könnte sich so bequemer als bisher auf demokratische Ergebnisse und den "Willen des ägyptischen Volkes" berufen. Nur bleibt fraglich ob die USA mit einer zu erwartenden anti-israelischen Haltung wird umgehen können, da Israel nicht nur von den USA als ihr treuester, wenn nicht einziger wirklicher Verbündeter, wahrgenommen wird. Sondern auch von den Feinden Israels. Wenn auch Ägypten islamistisch wird könnte sich ein Lauffeuer in der Region ausbreiten und jede Hoffnung auf Demokratie wäre für die nächsten Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte außerhalb jeder Reichweite. Ein weiterer von den USA persönlich hochgerüsteter Militärapparat fiele in die Hände von Islamisten. Neben dem Iran und der immer stärker islamistisch werdenden Türkei und Saudi-Arabien eine weitere Regionalmacht, die sich eher Richtung Scharia als einer Demokratie orientieren würde. Es entstünde eine neue Achse des Schreckens für jeden eingefleischten Demokraten. Die USA würde stark an Einfluss büßen und Israels Existenzrecht wäre so sehr in Gefahr wie in der Geschichte noch nicht vorgekommen.

Die Achse der Antiimperialisten
Über diesen Machtwechsel könnten sich aber sogenannte Antiimperialisten freuen, die in den westlichen Demokratien ausbeuterische Systeme erblicken und die USA für all das Leid auf der Welt verantwortlich machen. Sie kennen nur zwei Feinde auf dieser Welt. Das ist die USA und Israel. Was wir heute als Anti-Zionismus kennen ist manchmal die heimliche Sehnsucht nach der Zerstörung Israels. In Israel sehen sie den Brückenkopf des US-Imperialismus iin den arabischen Raum und als Peiniger aller arabischen (und iranischen) Nachbarn. Manche behaupten sogar, Israel wäre Teil einer Verschwörung und hätte insgeheim die Kontrolle über die USA erlangt und diese würde alleine aus diesem Grund als Schutzmacht des kleinen Landes in Nah-Ost auftreten. Man bedenke: Israel hat kaum mehr Einwohner als die Schweiz. Durch die Förderung der Diktaturen dieser Region, unabhängig ihrer Weltbildes und antdemokratischen Haltung wie es in Ägypten und auch Saudia-Arabien war, hat die USA sich zu Recht den Ruf des Ausbeuters erworben. Es gab keinerlei Bemühungen den nahen Osten ernsthaft demokratisieren zu wollen. Alle Bestrebung galt den Status Quo beizubehalten und Einfluss auf die Regierungen auszubauen, die in vorauseilendem Gehorsam die US-Politik unterstützen, gleichzeitig aber ihre eigene Macht durch den Einsatz von Islamismus und der Scharia festigten und ob ihrer wichtigen Funktion Bescheid wissend, selbst begannen Forderungen zu stellen. Vieles geht unter dem Deckmantel der Aufbauhilfe durch, aber es kamen keinerlei Fortschritte in der Zivilgesellschaft durch all diese Gelder zustande. So kann angenommen werden, dass es sich hierbei um Schmiergelder handelt, oder um Geldmittel, die Diktatur auszubauen um keine "Verbündeten" zu verlieren. Ich behaupte weder Israel, noch die USA noch die arabischen Diktaturen alleine haben die Macht im Alleingang das dortige System zu verändern. Sie sind alle Teil einer imperialistischen Logik, aus der sie nicht mehr ausbrechen konnten. Diese Logik aus Machterhalt der USA und Israel und Demokratizersetzung der arabischen Regierungen um Oppositionen zu schwöchen war es, die den Islamismus der Region stärkt und zum noch größeren Problem aller bisher beteiligter Regierungen werden lässt. Ein plötzlicher Wandel der Politik zum jetztigen Zeitpunkt dürfte bereits zu spät sein. Eine offene Politik zugunsten Israels wäre in Anbetracht der aufstrebenden islamistischen Bewegungen Selbstmord und würde den Vorwurf der "zionistisch gelenkten Weltverschwörung" bestärken und die Regimes schwächen. Trotz ihrer bisherigen Funktion die USA und Israel (indirekt) zu stützen, da dies ihren eigenen Machterhalt stütze, verfolgten die Regierungen eine Doppelstrategie und stilisierten Israel zum ewigen Sündenbock um genau diesen Umstand gleichzeitig zu vertuschen. Im Spiel um Einzelinteressen sollte das inneren Problemen ablenken und alle Probleme, die im Grunde durch die Raffgier der Despoten und ihrer Unterstützer erst hervorgerufen wurde, wird so auf die Juden alleine als Ursache verweisen. Und nun kommt ihnen genau durch diese anti-zionistische Haltung der wohl einzige Unterstützer abhanden und die Macht droht endgültig an die Islamisten zu gleiten. Es besteht nun die Gefahr, dass die westlichen Antiimperialisten gemeinsame Sache mit den islamistischen Antiimperialisten machen und eine noch grausamere, nämlich islamfaschistische, schlimmer als alles dagewesene Politik in der Region etablieren und jeden mahnenden Einfluss der USA und anderer westlicher Staaten dadurch eindämmen. Um den "faschistischen Kapitalismus" im Westen zu behindern opfert man hier leichtfertig eine gesamte Region und nennt sich "gut".

Die Opfer auf dem Altar des Hasses und der Gier
Es gibt nichts schönzureden. Die westliche Wirtschaftspolitik der Gier und der Ignoranz führte uns erst zu diesem Punkt. Es wurde auf Diktatoren gesetzt und die Unterstützung wurde mit dem Hinweis auf deren unantastbare Kultur und Religion, in die es nicht einzugreifen gelte, alleine von der wirtschaftlichen Gegenleistung abhängig gemacht. Niemals auf der Einhaltung von univsersellen Menschenrechten und der langsamen Einführung einer Demokratie. Stattdessen wurde beim bedienen des antijüdischen Ressentiments weggesehen und das schüren antiwestlicher Haltung, die auch alles im Westen entstandene, wie die universellen Menschenrechte, in Verruf brachten und als Teil des Problems, aber nicht mehr als Teil einer Lösung betrachten, besonders von Antiimperialisten durch propagandistische Aktionen in Europa und den USA gefördert. So sehr die Wirtschaftsinteressen ein großer Teil des Problems sind, so sehr sind auch antiimperialistische Kräfte an der Ausbreitung faschistischer Strömungen mitbeteiligt. Denn alleine in ihnen sehen sie die letzte Chance, der USA geopolitisch das Genick zu brechen. Sie würden hier sogar einen neuen Genozid an den Juden in Kauf nehmen, während sie in Europa die toten Juden betrauern und ebenfalls zum politischen Istrument gegen politisch Andersdenkdene einsetzen. Aber etabliert sich der Islamfaschismus per Scharia erst in mehreren Staaten wären auch die Araber jeder gesellschaftlichen Entwicklung ausgenommen. Sie selbst wären weitere Opfer einer fehlgeschlagenen und von Wahnsinnigen betriebenen Politik die alleine aus Gier oder Hass besteht. Und dieser Islamfaschismus könnte beginnen sich ktiv in Europa einzumischen und dem europäischen Muslimen ein neues Selbstwertgefühl verleihen, das sie dazu ermuntert aktiv gegen die Gesellschaft vorzugehen in der sie bisher lebten.

El Baradei – ein Muslimbruder light?
Ich denke alles beginnt, oder endet mit Ägypten. Abhängig davon wie sich dieses Land entwickeln wird, breitet sich entweder der Gedanke der Demokratie (natürlich nur eine Vorform dessen was wir darunter verstehen) aus und schmeißt die Muslimbruderschaft aus dem Rennen. Löst einen Dominoeffekt im Nahen Osten aus, der auch andere Regime kippt und die Machtergreifung anderer islamistischer Gruppierungen schwächt. Oder die Islamisten kommen an die Macht und erlangen die Kontrolle über ein Militär und ein riesiges Vermögen und treiben die Scharia-Gelüste ihrer Muslimbrüder im Geiste durch diese neu gewonnene Macht mit finanzieller und militärischer Hilfe weiter voran. In ein sehr dunkles Zeitalter der schlimmsten Unterdrückung den sich die Araber vorstellen können. El Baradei bietet sich derzeit als Alternative zu Mubarak an. Doch er ist genau die Sorte von Mann, der nach Macht dürstet und sich in dieser Hinsicht nicht von den bisherigen Regime unterscheidet. Er hegt einen Groll auf die USA und Israel und hat in der Vergangenheit desöfteren Stellung für den Iran bezogen. Er wirkt wie ein Opportunist der schlimmeren Sorte und würde der Muslimbruderschaft den Weg ebnen und gilt in manchen Kreisen selbst als ein Vertrauensmann der Islamisten. Seine Feindbilder sind die selben, die Menschen die er schwächen würde, waren bislang Gegner der Muslimbruderschaft.

Der Traum einer letzten Hoffnung
Um mir selbst etwas Hoffnung zu geben und mich etwas optimistischer zu stimmen möchte ich auf einen Mann hinweisen, der mir erst seit gestern bekannt ist: Adel Imam. Ein im arabischen Raum sehr populärer ägyptischer Schauspieler, der in sehr erfolgreichen Filmen mitspielte die Kontroversen auslösten, aber dennoch große Anhängerschaften aufbauen konnten. In seinen Filmen wurde Homosexualität, Terrorismus, Korruption und allgemein die Sexualität behandelt, wie auch die Probleme der Kopten. Zudem war er Sonderbotschafter der UN. Zeitweise musste er vor den Islamisten untertauchen weil er bedroht wurde. Die Islamisten stuften die Themen seiner Filme als unsittlich und unruhestiftend ein. Eine Facebook-Seite hätte ihn gerne als neuen Präsidenten, hat bisher aber lediglich 500 Fans. Seine Fanseite hat derzeit über 230.000 Fans. Ob er selbst Kenntnis über den Wunsch nach einer Kandidatur besitzt ist mir nicht bekannt.

Den Status Quo der Abhängigkeiten durchbrechen
Und wer die imperiale Logik durchbrechen will, muss sich Alternativen zur Ahängigkeit vor allem vom Öl überlegen. An Alternativen wird längst gebastelt. So wie in diesem Video. Der bisher erworbende Wohlstand und die sich daraus ergebenden finanziellen Mittel könnten endlich für nützliche Erfindungen eingesetzt werden, die Alternativen zu bisher genutzen Rohstoffen darstellen. Nicht nur den Menschen weltweit, nicht nur der Umwelt, ganz besonders unserem Gewissen würde dies gut tun. Und zusätzlich könnten neue Technologie, bei gleichzeitiger Abnahme der ausbeuterischen Tätigkeiten, in die Welt getragen werden um endlich wieder als vorbildlichste Region in allen Belangen zu gelten. Etwas Anerkennung würde uns nicht schaden, nach all dem Ärger den wir selbst verursacht haben. Und wenn der Westen wieder mehr geachtet wird, so ist es auch einfacher die universellen Menschenwerte in ein angenehmes Kleid zu hüllen, welches sich andere Menschen auch lieber anziehen würden. Ganz ohne die Androhung von Gewalt.

23:19 04.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Michael Nicolai

Ideologie ist immer Kompensation. Wer Hunger hat, schreit nach Brot.
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